Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 11 (21.7.1920)
- Date
- 1920-07-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3062972-3063928-3063938--10933-3078309- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 11 Die Wahrheit Seite 5 Verstehen völlig unmöglich zu machen. Hierdurch wird jener Geist der Fremdheit erzeugt, aus der Mißtrauen und Vorurteil, ja der schlimmste Aberglaube — wie etwa die Ritualmordanklage — neue Nahrung ziehen kann. Berlin W 35. Rechtsanwalt Dr. Ernst Emil Schweitzer. Die Leindesliebe im alten und neuen Testamente. Literarische Skizze von Bezirksrabbiner Dr.Josef Hoff, Bisenz. '(Schluß.) In den Gesetzen der heiligen Schrift in Betreff der Fremden, die sich in Palästina niederlassen wollten, herrscht ein humaner Geist, wie wir ihn in den Fremdengesetzen selbst der gebildesten Völker des Alterstums nicht finden. Die gesetzliche Behandlung der Fremden war bei keinem Volke so liebevoll, wie bei den Israeliten. Nirgends findet sich Engherzigkeit oder stolzer Parteigeist im Gesetze Moses. Während bei Griechen und Römern die Fremden, die nicht einem verbündeten Staate angehörten, rechtlos waren und sich in den Schutz einer vollberechtigten Familie begeben mußten, der sie vollständig untergeordnet waren, mar. her Fremd?, in.Palästina derart, selbständig,, daß er einen freien Israeliten als Sklaven kaufen konnte. „Der Fremde, der sich bei Dir aufhält, soll dem Einheimischen gleich sein, liebe ihn, wie Dich selbst". (Hl. B. M. 19, 34.). „Wie Ihr soll der Fremdling sein vor Gott. Ein Gesetz und ein Recht sei für Euch und den Fremdling, welcher bei Euch wohnt". (IV. B. M. 15, 16.). Der Fremde genoß gleichen Rechtschutz (III. B. M. 24, 22.) wie der Einheimische, hatte wie dieser Zutritt zu den Asylstädten, um sich gegen Blutrache zu schützen (IV. B. M. 35, 15.) und gleichen Anspruch auf Unterstützung, wenn er arm war. (III. B. M. 19, 9—10.). Maw verlangte von den Fremden nicht die volle Unterwerfung unter die israelitische Religion, sondern nur Unterlassung derjenigen heidnischen Sitten,'welche das öffentliche Leben verletzten und gegen die Sittlichkeit verstießen. Die eigentümlichen Berhältniffe des israelitischen Volkes und des Staates, die Sorge um deffen Sicherheit inmitten von feindlichen Völkern und last not least das Bestreben, den israelitischen Kultus vor den schädlichen heidnischen Einflüssen rein zu erhalten, erforderten in manchen Dingen Ab- und Ausschließungen und erheischten mancherlei Beschränkungen gegenüber dem Fremden, dem Nichtisraeliten, dem Heiden, führten aber nie zur Härte und Bedrückung, zu Haß und Intoleranz. Die israelitische Lehre predigt im Gegenteil die größte Duldung und Duldsamkeit. Israels Propheten verheißen allen Völker», wenn sie nur an den Gott des Himmels und der Erde glauben, wenn sie ihn auch in verschiedener Weise verehren, vollen Anteil an den Segnungen deS verkündeten Reiches, des allgemeinen Friedens und der allgemeinen Menschenliebe, mit einem Worte der Humanität im weitesten Sinne des Wortes. jüdische soziale Organisation. Von Markus Sonnen leib. Durch zweitausend Jahre hat das jüdische Volk die ihm durch den Antisemitismus verursachten Leiden in beispielloser Geduld ertragen, die Abwehrtaktik war die des geduldigen Lasttieres. Diese endlosen Leiden hielt man sür beendet, als das Jahr 1848 die Gleichberechtigung brachte; als aber in den siebziger Jahren Bismarck die alte Waffe des Antisemitismus hervor holte, um gegen jüdische Parlamentarier, die ihm zu schaffen gaben, auf leichte Art anzukämpfen, zeigte es sich, daß der Antisemitismus nicht aus der Welt geschafft war. Seitdem entwickelt er sich immer mehr, und was wir seit dem Umstürze von seinem Wirken sahen, sollte uns endlich gründlich darüber belehren, daß die Taktik des geduldigen Lasttieres gegenüber dem Antisemitismus nicht die richtige ist. Auch den epidemischen Krankheiten gegenüber wurde Jahrtausende hindurch seitens der Menschheit diese Taktik des Ergebens in das Fatum beobachtet. Tüchtiges Forschen aber hat Mittel gegen die für unbesiegbar gehaltenen Seuchen gesunden. Es soll hier nicht untersucht werden, ob es nicht möglich gewesen wäre, die Leiden, welche der Antisemitismus verursacht hat, abzuwenden. Jetzt wenigstens sollten wir, getrieben durch die gewaltige Bedrängnis des Judentums und aus Grund der Lehren, die wir aus der zweitausendjährigen Leidensgeschichte ziehen können, mit allen Kräften daran gehen, für das jüdische Volk eine andere Lage zu schassen. Wie aber finden wir das Mittel gegen unseren Erbfeind? Folgendes Geschichtchen kann uns darüber belehren: In einem Orte Oberungarns, deffen bäuerliche Bevölkerung in der ganzen dortigen Gegend sür besonders antisemitffch bekannt ist, war im Jahre 1848 gelegentlich der Umwälzung das erste, was die dortigen Bauern unternahmen „Plündern bei den Juden". Die Plündernden zogen von einem jüdischen Hause