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Die Wahrheit · 1920-07-21 · Heft 11 (21.7.1920) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 11 (21.7.1920)
Date
1920-07-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 11 'S };■ ji il Die Wahrheit wesentlichen deshalb, weil wir keine Forderung aufstellen wollen, die wir selbst nicht erfüllen. Nicht um den geringeren Grad an Judentum handelt es sich, sondem vielmehr um den höheren Grad an Wahrhaftigkeitund innerer Gewissenhaftigkeit. Nationaljüdentum. ohne wirkliche Kenntis und Pflege der hebräischen Sprache ist eine Vorspiegelung falscher Tatsachen. Würden wir jemanden, der nur französisch versteht, ernst nehmen, wenn er sich in die deutsche Nation einreiht und für die deutsche Kultur Propaganda schlägt? Wir liberalen Juden verzichten auf die unechte Gloriole des Nationaljudentums und können aus diesem Grunde auch daraus verzichten, das Hebräische programmatisch zur wahren Sprache der deutschen Juden zu stempeln. Me aber steht es mit unserem Assimilantentum? Der Mißbrauch, den man von nationaljüdischer Seite mit dem Worte Assimilation treibt, beruht darauf, daß man nur eine unbedingte Lösung des Problems anerkennen will. Agitatoren, wie Feuchtwanger oder Lichtheim (der Verfasser der offiziellen zionistischen Programmbrofchüre) stellen einfach die Devise auf: Nationaljudentum oder unbedingte Assimilation? Etwas Drittes gibt eS für sie nicht. Das heißt aber nichts anderes, als daß -man ernsthafte, ethische Probleme mit leeren Schlagwörter« lösen will; „nur auf dem Markte wird man mit ja oder nein überfallen". (Nietzsche.) In Wahrheit wird man scheiden müffen. Ist man ein stammestreuer Jude nur dann, wenn man alles im Judentum erhalten will, unbesehen, ob es gut oder schlecht, fördernd oder schädlich ist, dann allerdings smd wir Assimilanten. Heißt ein guter Jude sein aber: alle jüdischen Schäden und Schwächen furchtlos bekämpfen, um so entschiedener für das eintreten, was im Judentum groß und dauernd ist, dann laffen wir liberalen Juden uns an Stammestreue von keiner anderen Richtung unserer Gemeinschaft übertreffen. Es kommt nicht daraus an, ob man sich affimiliert, sonder daraus, wie man sich assimiliert. (Ein Beispiel: Wenn Ludwig Frank zur Sozialdemokratie kam, so spielten hierbei zweifellos jüdische Motive eine große Rolle. Denn wie man sich auch zu den sozialdemokratischen Parteizielen stellen mag, das rücksichtslose Eintreten für die Enterbten und Unterdrückten ist im besten Sinne jüdisch, ist kennzeichnend schon für die politische Ethik unseres Prophetismus. Mus der anderen Seite: Wenn Frank Wissenschaft und Partei hinter sich ließ, um mit Millionen seiner Brüder sein Leben für das Vaterland in die Schanze zu schlagen, handelte er da nicht im besten Sinne deutsch? So wurde Ludwig Frank ein deutscher Assimilant. Sollen wir ihn deshalb schelten, sollen wir jenem sozialdemokratischen Ultra nacheifern, der in einer Groß-Berliner Parteiversammlung das Wort vom „Verräter Frank" prägte? Wir deutschen Juden wollen nicht beschränkten Parteifanatismus als Ueberzeugungstreue ausgeben und wir wollen — wie immer wir uns zu seinen parteipolitischen Idealen stellen — in dem Assimilanten Frank unser unvergessliches Vorbild ehren, den guten Juden und den guten Deutschen.) So ist die Frage der Assimilation für die jüdische Gemeinschaft im Grunde analog der Frage der Assimilation . jedes einzelnen Bürgers an die Gesellschaft. Die wahre Erziehung kann nicht darauf ausgehen, den einzelnen zu einem möglichst platten und unauffälligen Durchschnittsmenschen zu mindern,. aber sie kann ebensowenig darauf bedacht sein, jede seiner Eigenheiten mit möglichster Schärfe der Umwelt entgegenzüstellen, sondern Anpassung und Beharrlichkeit werden sich in gesunder Weise verbinden müssen, um wahrhaft freie Persönlichkeiten heran zu ziehen. „So ist's um alle Bildung auch beschaffen. Vergebens werden edle Geister Nach der Vollendung reiner Höhe streben." Wir deutschen Juden nehmen also gern das Gesetz deutscher Sitte auf uns, eben weil dieses Gesetz zugleich höchste Freiheit bedeutet. Ein jüdischer Privatdozent in Berlin ist allerdings im allgemeinen assimilierter als irgend ein Krämer in einer posenschen Kleinstadt; aber Ist deshalb der Krämer der höherwertige Jude? Unerträglich ist es zu sehen, wie — um an Georg Hermanns Roman anzuknüpfen — die Jacobis die Geberts als die Verräter am Judentum hinstellen. Man muß das niedrige Pamphlet lesen, mit dem vor einiger Zeit sogar der Bubersche „Jude" — zweifellos das wertvollste Organ des nationalen Judentums — den Dichter Ernst Liffauer bedachte, um zu sehen, wie gefährlich eine Erziehung ist, wenn sie allzusehr auf eine äußerlich anzueignende jüdische Gesinnungstüchtigkeit abzielt und hierbei das Kriterium der seelischen Vornehmheit nicht genügend berücksichtigt. Vor allem aber scheint das extreme Nationaljudentum insofern als eine schwere Gefahr, als von jener Seite systematisch versucht wird, die jüdische Jugend den nichtjüdischen Mitbürgern zu entfremden. Jnsbesonders sei an das Bestreben erinnert, jüdische Kindergärten und jüdische Schulen zu errichten. Wir wollen uns niemanden ausdrängen, aber wir halten eS für falsch, die Kinder schon auf der Schulbank zu trennen und so ein gegenseitiges Kennenlernen und

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