Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 11 (21.7.1920)
- Date
- 1920-07-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063928-3063938--10931-3078307- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Fernruj 42-2-16 MManMeZcktzjrlft Mr kkV^»<7,0ttu^0d1i«!5sk^II0tt Wie», 2. Kaiser Jasefstratze 13 XXXVI. Jahrgang Wie«, 21. Juli 1920 Nummer ll Der jüdische Nationalismus in Deutschland. Seit einer langen Reihe von Jahren beschäftige ich mich mit der Stellung der deutschen Juden znm jüdischen Nationalismus. Immer wieder habe ich auf die außerordentlichen Gefahren hingewiesen, welche den deutschen Juden von der Ueberspannung der nationalen Idee droht. (Ich verweise insbesondere auf meine Artikel in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 8. März 1918 und im „Freien Wort", Oktoberhest 1917,. sowie in den „Grenzboten" 1918.) Es gab eine Zeit, wh dieser Kampf recht' Mpopulär war. Heute haben weite Kreise der Judenheit, welche sich früher noch bestrebten, den Gegensatz zum nationalen Judentum nach Möglichkeit zu verwischen, erkannt, daß eine klare Stellungnahme zum national-jüdischen Problem ein Gebot der Stunde ist. Es sei mir daher noch einmal gestattet, grundsätzlich meine Stellung zum nationaljüdischen Problem darzulegen. Ich bemerke voraus, daß mir jeder Fanatismus fern liegt. Ich sehe in den Nationaljuden Persönlichkeiten, deren Grundauffassung ich bekämpfe, aber ich bin der Ueberzeugung, daß diese Meinungsverschiedenheit innerhalb unserer eigenen jüdischen Reihen nicht übertrieben werden soll. Wir dürfen niemals vergessen, daß wir hüben und drüben durch starke Bande verknüpft sind, wir müffen uns immer die Möglichkeit frei halten, zusammenzugehen, wenn es gilt, den gemeinsamen Feind zu bekämpfen. Wir sollen in sachlicher Weise unsere Auffassung prüfen und wir wollen auch den Nationaljuden gerne zugeben, daß sie durch ihren Idealismus und ihre praktische Opferwilligkeit sich manches Verdienst um das Judentum erworben haben. Sicherlich ist dies aber eine Gefahr für die jüdische Gemeinschaft, daß gegen diejenigen deutschen Juden, welche den Nationaljuden ablehnend gegenüberstehen und die im Zentralverein organisiert sind, Leute das Wort ergreifen, denen die wissenschaftliche Vorbildung und Reife fehlt und die durch mehr gesinnungstüchtige als tiefe Behandlung jüdischer Probleme sich schnell und mühelos einen Namen zu machen suchen. Da herrscht natürlich das platte Schlagwort und so auch konnte das hohle Gerede vom Affimilantentum jene erschreckende Bedeutung erlangen, deren es sich heute zuweilen in der jüdischen Agitation erfreut. So werden zum Beispiel in der „Judenfrage" des Nationaljuden Dr. Feuchtwanger die Anhänger des Zentralvereins einfach damit abgetan, daß sie in den Abgrund des Affimilantentums gewiesen werden. Sehr bequem, aber auch "sehr-faksch. Nur Buchstabengläubige können meinen, daß ein deutscher Jude, der der zionistischen Vereinigung angehört, deshalb weniger assimiliert ist als ein Zentralvereinsmitglied, daß der Grad der Mischen Stammesbewußtheit abgestuft ist, je nachdem jemand seinen Schekel zahlt oder der liberalen Vereinigung für das Judentum beitragspflichtig ist. Allerdings soll es Wandervögel geben, die glauben, das Judentum in Erbpacht genommen zu haben, weil sie „Heil" auf hebräisch rufen können. Es ist so gut wie das einzige hebräische Wort, das sie verstehen, und deshalb werfen sie eS jedem Vorübergehenden an den Kopf. Gesinnungstüchtige Sportvereinler soll es geben, die von der jüdischen Nationalsprache nur die Turnkommandos akzeptiert haben. Man nennt das heute „Pflege der hebräischen Kultur". Ich nenne es Erziehung der Jugend zur Unlauterkeit und Prahlerei. Ich bekämpfe also den jüdischen Nationalismus in Deutschland nicht nur wegen des Radikalismus der Forderung, sondern vielmehr wegen des mangelnden Ernstes in der Durchführung. Gerade vor dem konsequenten Nationaljuden habe ich die größte Achtung, nämlich, wenn ihm die Pflege der hebräischen Kultur nicht nur Programm, sondern Prinzip der eigenen Lebensführung ist. Solange dies nicht geschieht, solange unterscheiden wir liberalen Juden uns von den Nationalisten im