Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 10 (7.7.1920)
- Date
- 1920-07-07
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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unserer Gemeindemitglieder. Es wurden folgende streng religiöse Herren in den Vorstand gewählt. An der Spitze der durch seine wahrhaft streng jüdische Lebensweise und durch seinen edlen Charakter und biederen Wohltä.igkeitssinn allseits bekannte Herr Adolf Raab. Ferner die Herren: Gustav O e d e n b u r g e r, Ludwig Lackenbacher und Ernö Ehrenstein. Selbst-- verständlich haben auch viele in dieser Versammlung trotz ihrer streng orthodoxen Richtung die.Frage über die Taxenerhöhung der Beamten vorzubringen nicht vergessen. Budapest. Die ernste Lage des ungarischen und besonders des hauptstädtischen Judentums während und nach dem Kommunismus hat zweifellos den jüdischen Geist der in den letzten Jahrzehnten vielleicht schon einigermaßen gleichgültig gewordenen Judenschaft Budapests zu neuem Leben erweckt und die maßgebenden jüdischen Kreise zu erhöhter, der Wahrung des jüdischen Glaubenslebens gewidmeter Tätigkeit angespornt. In die Verwaltung der Pester Israelitischen Neligionsgemeinde ist unter der Leitung des verdienstvollen, die Interessen seiner Glaubensbrüder so eifrig verfechtenden Präsidenten Franz Szekely ein neuer, frischer Geist eingezogen, der sich auch bisher schon in.zahlreichen, der Belebung der Glaubenstreue dienenden Neueinrichtungen bekundet hat. Diesem neuen Geiste ist es auch zu verdanken, daß in Pest allein — die Ofner Seite der ungarischen Hauptstadt bildet eine besondere, gleichfalls segensreich wirkende Gemeinde — derzeit 23 Gotteshäuser und 7 Talmud thora-Schülen jüdischen Geist und hebräisches Wissen verbreiten, daß die Konstituierung der einzelnen Bezirksverbände, die den innigeren Kontakt mit den Juden der einzelnen Bezirke und deren erhöhte Beteiligung am jüdischen Kultur- und Geistesleben bezwecken, so rasch vor sich geht und daß die Gemeinde in neuerer Zeit eine größere Anzahl von Fleischbänken errichtet hat, in denen unter strenger' Aufsicht der Gemeinde ausschließlich Koscherfleisch ausgeschrotet wird. Abschiedskonzert Oberkautor Singer. Aus Kattowitz wird uns geschrieben: „Das Konzert, das Herr Oberkantor Singer kurz vor seinem Scheiden aus uyserer Stadt gab, war wohl ein glänzender Beweis für die außerordentliche Beliebtheit, die dieser famose Künstler in unserer Stadt genießt; mit bekannter Meisterschaft sang und spielte^ er seine eigenen Kompositionen, wie auch Werke anderer Meister und nach jeder Darbietung erhob sich begeisterter Beifall. Eine besondere Ueberraschung bot die Tochter des Konzertgebers, Fräulein Edith S i n g e r, die mit vieler Kunst ein Melodrama vortrug und ebenfalls großen Beifall erhielt. Die Gesangsvorträge des Fräulein Löbmann, der Violinvortrag des Herrn Cwiklitzer fanden ebenfalls große Anerkennung. Herr Singer, der ersucht wurde, den Abend zu wiederholen, wurde am Schlüsse durch prachtvolle Blumengewinde ausgezeichnet." Eine Würdigung der „Oberschlesischen Morgenzeitung": „Wir sahen in Herrn Singer nicht nur den ausübenden Künstler, sondern auch den Musikkritiker, also den Kollegen. Als solchen haben wir ihn durch viele Jahre hindurch schätzen gelernt. Nach vielen Hunderten zählen die Kritiken, die er für die Tagespresse im Laufe der Jahre schrieb. Sein Urteil hatte Wert. Es war oft von ausschlaggebender Bedeutung bei einem Engagement von Künstlern und es wurde geschätzt nicht nur in Oberschlefien, sondern weit darüber hinaus. Auch der Gegner des scheidenden Herrn Singer wird ihm zugestehen müssen, daß feine Kritiken rein von künstlerischen Gesichtspunkten aus geleitet waren, daß sie niemals Gehässigkeiten enthielten, niemals persönlich gestimmt waren. Darin lag auch ihre große Bedeutung. So wurde er auf künstlerischem Gebiete eine führende Persönlichkeit in der Stadt Kattowitz und in Oberschlesien, die schwer zu ersetzen sein wird. Ein Meister der Feder, ein tiefgründiger Kenner der Musikgeschichte, ein feinfühlender Mensch, wußte er immer eine vornehme Form zu finden, auch dann, wenn er Herbes zu sagen hatte. Für das, was er der Kattowitzer Presse gewesen ist, sei ihm auch an dieser Stelle der herzlichste Dank ausgesprochen. Wir wünschen Herrn Oberkantor Singer, ^daß er an seinem neuen Wirkungsorte (Halle-Saale) in seinem künstlerischen Streben und Schaffen voll Genüge finden möge". Kttltusgemeiudewahlen in Berti«. Am 20. v. M. fanden in Berlin unter lebhafter Teilnahme und großem agitatorischen Aufgebot die Kultuswahlen stalt. Mit besonderem Eifer wurde in manchen Stadtteilen für die Liste Dr. Oscar Cohn geworben. Doch die Berliner einheimischen Wähler, darunter auch viele Handwerker, ließen sich nicht irreführen; sie betätigten sich an den Wahlen nach ihrer eigenen Neberzeugung. Hier das Wahlergebnis: Liberale und Konservative zusammen 8600, Jüdische Volkspartei 4621, Unparteiische 260, Sozialistische Gruppe 940 Stimmen. Es entfallen demnach von den zwölf zu wählenden Repräsentanten 8 auf die Liberal-konservative Gruppe (Dr. M. Ginsberg), 4 auf die Jüdische Volkspartei (Dr. A. Klee). Von den sieben zu wählenden Stellvertretern entfallen 2 auf die Jüdische Volkspartei, 4 auf die Liberalkonservative Gruppe, 1 auf die Sozialistische Gruppe. Jndenfeindliche WirschaftsPolitM in Pole». Der zur Reichstagsberatung stehende Gesetzentwurf über Schaffung von Handels- und Jndustriekammern ruft, wie aus Warschau gemeldet wird, in jüdischen Wirtschaftskreisen überaus große Aufregung hervor. Der Sejm- (Reichstags-) Ausschuß hat einen Entwurf ausgearbeitet, der den Ausschluß jüdischer Kaufleute und Industrieller aus den geplanten Kammern ermöglicht. In der Plenarsitzung des Sejm wies bei der Beratung des Entwurfes der sozialistische Abgeordnete D i am and auf die Tatsache hin, das Polens Handel und Industrie in'jüdischen Händen liegen und daß der Ausschluß dieser maßgebenden Kreise aus der Berufsorganisation eine höchst gefährliche Wirtschaftsmethode sei. Dem widersprach heftig der NationaUstensührer Lutusslawski in seiner leidenschaftlich antisemitischen Verblendung, der ausführte, das jüdische Kapital sei prinzipiell polenseindlich und ein gemeinsames Arbeiten mit ihm daher unmöglich. Der Entwurf wurde zu redaktionellen Aenderungen an den Ausschuß zurückgewiesen. Hoffentlich siegt die Vernunft über blindwütigen Judenhaß.