Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 10 (7.7.1920)
- Date
- 1920-07-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063928-3063937--10920-3078295- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
&te Wahrheit Seite g Nr. 10 man überraschte Gesichter. Nicht die Amerikaner waren verwundert,, sondern die Prager. Und am Meisten die Prager Sokoln. Jeder vierte Mann der amerikanischen Sökolschar war ein Jude. Unter den 700 amerikanischen Sokoln waren 170 Juden. Die Prager Sokolgemeinde war peinlich überrascht. Man war hier nicht darauf vorbereitet, daß sich unter den Brüdern, die die günstige Gelegenheit zu einer. angenehmen Europareise benützen, auch Juden befinden könnten. Die scheel angesehenen Amerikaner, die vergessen hatten, daß e8 auf der Welt noch derartige Vorurteile gibt, werden sich aber nicht kränken; sondern fie werden — schlimmsten Falls—ihre Turnübungen nach Karlsbad oder Marienbad verlegen. Auf diese Weise wird auch Deutschböhmen^etwas vom Sokolkongreß abbekommen. Zwischen Erröten und Erbleichen wird den Hemden dieser Amerikaner die Wahl nicht schwer werden". — So weit, so schön und belustigend. Aber zur Schlußglösse der „Bohemia" ließe fich bemerken, daß dieJudäo- Amerikaner der lockenden Einladung, nach Karlsbad oder Marienbad zu kommen, nicht kopfüber folgen werden, denn es ist ihnen nicht unbekannt, daß der teutonische Antisemitismus dem slawischen kaum etwas an Eifer und Zähigkeit nachgibt. An unsere Freunde! : Die bereits seit Monaten unablässig und maßlos steigende Verteuerung der Buchdrucker-, Papier- und alle sonstigen Herstellungskosten unseres Blattes, dazu noch die nunmehr auch vollzogene Erhöhung des Expeditionsportos bringen uns in die bedauerliche Zwangslage einer Abömiementserhöhung von bisher K 50 auf K 80 ganzjährig, damit der Betrieb dieses Blattes den äußerordehtliäien Mehrauslagen entsprochen könne. Wir bitten diep.t. Empfänger diese Maßregel als eine Lebensfrage für das Blatt zu betrachten und die Abonnementsbeträge baldfreündiiäist zu überweisen. Die Administration: II. Kaiser Josefstr. 13 on Nah und Fern Zur Kuttnsgemeiüdewahl. Der Schlachtenlärm ist verstüüimt. Unsere Gegner haben, wie im' modernen Kriege, keine erlaubten und Unerlaubten Wdffen verschmäht, um die Kultüsstube zu errobein, um den Sieg an ihre Fahnen zu bringen; sie haben mit allen Behelfen des Terrors, Mit BerfannnlungsspMgüngen, Brachialgewaltsögar mit wüsten EMtellüügen gearbeitet; sie haben in Ihrer taktischen Verblendung sich auch gefälschter Stimmzettel bedient, um die KaMstübe zu erübern und den Gegner, wie sie hochmütig verkündeten, wegzublasen, aber trotz alledem, trotz dem Umstande, daß die Wahl im Sommer stattfand, wo ein Großteil der Wählerschaft zur Erholung und Genesung nach im Kriege erworbenen Leiden und Gebrechen Heilbäder und Kurorte besuchte und den Wahlen fernbleiben mußte, hat der Wahlkampf zu unserem Gunsten entschieden, wenn auch die Gegner es nicht bekennen wollen und in ihren Organen ein Siegesfeuerwerk abbrennen, das eigentlich nur de» Zweck eines Blendwerks hat. Aber die überzeugende Sprache der Ziffern spricht auch hier die Wahrheit und besonders instruktiv ist die Rubrik, welche die ungiltigen Stimmzettel anführt, als ein Dokument für die noch nie dagewesene Kampfesweise. Nachstehend die ziffernmäßigen Resultate: Resultate der Kultusgemeindewahlen 27. Juni 1920 l e «■ «3 m A e 5 S -£> S «?.§ cs L « j=> .2? <3 CS 00 «3 O «i rr g Ja »s* s u 2-~ -o*a «c ** JO 'S =3 f« 'S 3 S-tt Q 'S rr d 'o' s 5 o> cs Q ts> •a 5 5 § <s =*3 CS « 53 D 1. Bezirk. a 1217 525 375 46 103 1 21 1. . . b 1210 555 385 41 125 4 16 2. Bezirk. a 938 644 236 167 237 4 19 2. „ . b 1006 713 274 163 270 6 2 2. . . c 1047 559 274 48 230 7 92 2. „ . d 1125 713 426 48 238 1 8 3. und lt. Bezirk . a 823 452 238 16 194 4 18 3. „ 11. „ b 808 418 228 14 175 1 18 4 und 5. Bezirk . 1050 483 308 37 135 3 17 6 und 7. Bezirk a 1182 628 421 53 154 — 19 6. . 7. „ b 1225 674 448 49 177 — 19 8. Bezirk . 668 296 165 7 124 — 24 9. Bezirk. a 1361 609 320 45 239 5 96 9. . . b 1252 578 277 52 246 3 123 10. Bezirk . 353 289 152 7 130 — 3 12., 14., 15. Bezirk . 644 358 205 42 111 — 15 13. Bezirk - . 513 239 159 6 74 — 14 16. und 17. Bezirk . 618 472 202 8 260 2 8 18. Bezirk . 638 322 197 5 117 3 7 19. Bezirk - . 794 447 287 8 150 2 2 20. Bezirk . 509 358 150 13 192 3 26 21. Bezirk - . . 261 221 185 3 33 — — Totale - - - 19.262 10.553 6912 878 3714 49 564 Ausatmend verzeichnen wir das Ende dieses in der Geschichte Wiens unerhört leidenschaftlichen Wahlkampfes, der gewiß kein Ruhmesblatt für die Wiener Judenschaft bildet, vielmehr den Anlaß zu einem vehementen Angriff von Juden gegen Juden bot und ihren gemeinsamen Widersachern Wasser auf die Mühle trieb. Der Teilerfolg der Jüdischnationalen muß sich nun zum Wohl der Kultusgemeinde auswirken. Die Strickerpartei muß zeige», ob sie mehr als große Worte machen kann, wenn sie aber nach der bisherigen Methode bloß fruchtlose Demagogie treiben sollte, dann wird sie sich selbst den grünen Zweig absagen, aus den sie kommen will. Die schwergeprüfte Wiener Kultusgemeinde ist der leeren, tönenden Redensarten satt. Sie will Taten Und Werke sehen. Die Jüdischnationalen haben ihr Rhodus, nun mögen sie zeigen, ob ihnen auch der Sprung gelingt oder ob es ein Sprung ins Dunkle werden wird.