Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 10 (7.7.1920)
- Date
- 1920-07-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10 Seite 8 ä)ie Wahrhert V i i nicht zu. Die Verluste, die der oberste 'Kriegsherr erlitten, die Rot, die verlorene Krvege stets im Gefolge haben, erzeugten eine böse, gefährliche Stimmung im Volke. Der verlorene Krieg schrie nach einem Sündenbocke und die arme Judengemeinde mußte wieder, wie so oft, für die Sünden und politische Fehler anderer büßen. Ein Vorwand war bald gefunden. Wann hat es den Machthabern an einem solchen gefehlt!? Die Juden hätten es mit dem Feinde gehalten, hätten ihm Waffen geliefert, hätten auch — der alte Unsinn — Hostien geschändet. Das eine so wahr als. das andere. Abgesehen von dem Umstande, den Krauß nicht in Betracht zieht, daß es nach dem Talmud und den Dezisoren den Juden strenge untersagt ist, mit Waffen zu handeln (Ab. sara 16 a; vgl. auch Joreh Deah 151, 5—6) — es wäre denn, daß man solche dem eigenen Staate zum Schutz der Heimat liefern würde — wie hätten die Wiener Juden zu Waffen, und wie mit den Huffiten in Berührung kommen sollen! Aber wer fragte in jener Zeit nach dem Rechte? „Es raste der See der aufgewühlten Volksleidenschaft und wollte sein Opfer haben". Den Juden wurde der Prozeß gemacht. Hunderte wurden auf Schiffe gebracht, die man führer- und ruderlos den Wellen der Donau überantwortete und als der alte Strom, milder als die Menschen, die Unglücklichen den Ufern des gesegneten, unter der Regierung eines gerechten Königs blühenden Ungarlandes zutrieb, wurde der Rest, 92 Männer und 120 Frauen, ins Gefängnis geworfen und nach zehn qualvollen Monaten am 12. März 1421 „mit dem Brande gerichtet". Auf 86 Wagen wurden die ahnungslosen Opfer vom Schergenhause in den Himmelpforten zum Richtplahe auf der Erdberger Wiese geführt. Beim Anblicke des Brandhauses „hoben, sie an zu springen und zu tanzen, als ob es zur Hochzeit ginge", erzählen die Chronisten. Vergebens machte die Geistlichkeit noch eine letzte Anstrengung, die dem Tode Geweihten zum Abfalle und zur Untreue gegen ihren Gott zu verleiten. Ein Wort, eine Lüge hätte genügt, um ihr Leben zu retten. Aber Männer und Frauen blieben standhaft. Unter lauten Zurufen baten sie sich gegenseitig um Vergebung und bestiegen hocherhobenen Hauptes den Scheiterhaufen, um ihre reine Seele mit dem Schma auszuhauchen. Mil den Flammen auf der Erdberger Wiese erlosch eine licht- und glanzvolle Epoche der Geschichte der Wiener Judengemeinde. Männer von Weltruf, wie der Verfaffer des „Orsurua", haben in den ersten Jahrhunderten ihres Bestandes aus Wien Lichtstrahlen in die Wett gesandt, die kein Sturm verlöschen konnte und die letzten ihrer Söhne haben sterbend die Mit- und Nachwelt gelehrt, wie man für die Ideale der Väter mutig in den Tod gehen soll. Möge die fünfhundertste Wiederkehr ihres Sterbetages uns an der Schwelle einer neuen Zeit mahnen, für die Heiligtümer unseres Volkes zu leben und wenn es sein müßte — gleich ihnen, den erhabenen Vorbildern menschlicher Größe, zu leiden und zu sterben. Dr. S. Funk. Wahrheiten vom Tage Freilassung des Overrabbiners Löw. Der greise Szegediner Oberrabbiner Löw soll nunmehr endlich auf Ersuchen der holländischen Gesandtschaft, der Ententemission in Budapest und des Exkönigs Karl aus der Haft befreit werden. Man will sich mit einer disziplinarischen Bestrafung des angeblichen Verbrechens, das man dem bewährten Patrioten andichtete, begnügen. Unter den vielen schmachvollen, aufregenden Vorkommniffen, deren sich die erwachenden Ungarn schuldig gemacht und die als europäische Kulturschande nicht nur das Gewissen der Welt aufgeruttelt, sondern letzten Endes zu der unerhörten Boykottverfügung führten, ist gewiß die an Rabbiner Dr. Löw begangene Uebeltat nicht die geringste. Man erinnert sich des Hergangs und der Entstehung der „Hochverratsaffäre", die. einer aus Lüge und Denunziation entstandenen Aktion des Täuflings Holofsy entsprungen ist. Selbst die unter aller Kritik stehende neumagyarische Justizpflege mußte sich eines Kronzeugen von der Qualität des gemeinen Defraudanten und Schwindlers Holofsy schämen und deshalb dem Untersuchungsrichter, der sich mit dem „Hochverrat" Dr.Lörvs befaßte, aNvinken. Ob die Anwandlung von Moral oder die Furcht vor der gewerkschaftlichen Kontrollkommission entscheidend war, wollen wir dahingestellt sein lasten und auch nicht nachprüfen, ob die obgenannten Faktoren entscheidend für die Freilassung Dr. Löws waren. Welches Interesse sollte der jetzige Privatmann ehemalige Kaiser Karl, der bekanntlich schon durch seine Gattin Zita beein-. flußt, niemals für prominente Juden etwas übrig hatte, gerade in diesem Falle dem Szegediner Oberrabbiner entgegenbringen? Die Wahrheit im Falle Dr. Löw liegt wohl ziemlich abseits'von der offiziösen Verlautbarung und hat ganz andere Quellen. Das gewesene ungarische Ministerium der „Erwachenden" will aus der Verlegenheit eine Tugend machen und sich einen wirksamen Abgang schaffen. Wenn die Perhandlung gegen Dr. Löw nicht überhaupt im Sande verlaufen wird, ist zu erwarten, daß ihm ein Prozeß gemacht wird, der die bestandene Untersuchungshaft als Strafvollzug annehmen wird. So wahrt yian ein Dekorum, wo längst schon keines vorhanden ist. Der Jude im roten Hemd. Unter dieser Spitzmarke schreibt die „Bohemia": Die einzige Ueberraschung, die der Sokolkongreß bisher bot, war die Ankunft der Amerikaner. Es kamen im ganzen 700 Sokoln aus Amerika in Prag an. Bei ihrem Einzug sah (;■