Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 10 (7.7.1920)
- Date
- 1920-07-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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vielleicht auch für die Zionisten: Sollen wir die Existenz unseres Volkes, die Jahrtausende überdauerte, auf ein schließlich d.o ch nur vergängliches Machwerk augenblicklich noch so mächtiger Faktoren basieren und die vieltausendjährige Tradition hiedurch verlassen? Bernhard Barber. .Die Wiener Geserah. „Den Märtyrern von Wien, die im Jahre 1420 und 1421 ob ihres Judentums teils vertrieben, teils ,mit dem Brande gerichtet wurden", will ich zur 500 jährigen Wiederkehr ihrer Erinnerung ein Denkmal setzen, das ihrer würdig ist." Diese Worte, die sich wie die Einleitung einer Kinah, eines Klageliedes lesen, prangen an der Stirne des schönen Buches, das der gelehrte Professor Dr. S. Krauß dem Andenken der Wiener Blutzeugen gewidmet.*) In ruhigen Zeiten hätte man das Andenken der 212 Glaubenshelden, die für die Ideale des Judentums ihr Leben gelassen haben, anders gefeiert. Man hätte Trauerandachten abgehalten, hätte die geschichtliche Erinnerung durch wohltätige Stiftungen verewigt und dem Autor jedenfalls reichliche Mittel zur Verfügung gestellt, um es ihm zu ermöglichen, seinem „Buche auch an äußerem Umfang und innerer Ausstattung die Gestalt zu geben, die des Anlasses würdig gewesen wäre". Aber die Not der Zeit und die traurigen Ereignisse der Gegenwart nehmen alle unseren seelischen und materiellen Kräfte in Anspruch. Umso dankbarer müssen wir dem gelehrten Verfasser sein, der fern von dem wilden Treiben der Welt in seiner Men Studiertstube Stein um Stein zur Geschichte jener traurigen Zeit zusammengetragen und den Glaubenshelden unserer Gemeinde dieses würdige Denkmal gesetzt hat. „Nicht Erz, nicht Marmor, nur ein bescheidenes Buch, aber dennoch ein Denkmal", sagt der bescheidene Verfasser. Ein würdiges und vor allem ein jüdisches Denkmal, .möchten wir hinzufügen. Das jüdische Volk hat das Andenken seiner Helden nie durch Stein und Marmor verherrlicht. Steine sind kalt, leblos und lieblose Nur aus geistigen Denkmälern spricht Mitgefühl, spricht Liebe. Und ein solches ist auch das Buch, das uns Professor Kraus geschenkt hat. Mitgefühl hat ihm die Feder geführt, Liebe zum Volke spricht aus jeder Zeile seines Werkes. Wie eine Mutter, die um den verlorenen Sohn trauert, die Lieblingsorte ihres Kindes aufsucht, kosend Über die Kleider fährt, die er getragen, die Bücher *)Die Wiener Geserah vom Jahre 1421 von Samuel Krauß, Wien und Leipzig, W. Braumüller, 1920« ordnet, aus denen er studiert, selbst die Spiele, au denen er sich ergötzt, wie einen kostbaren Schatz verwahrt; wie sie im Geiste immer wieder den Weg durchmißt, den der, Frühvollendete von der Wiege bis zum Grabe gegangen, führt uns das schöne Buch .durch das Leben der Glaubenshelden, die für ihre religiöse Ueberzeugung sich selbst auf den Mar gelegt haben. Es zeigt uns die Orte und Gaffm, in denen sie gelebt, die Auen, in denen sie lustwandelt; es erzählt uns von ihrer Freude und von ihrer Trauer, berichtet von dem Luxus, den die Frauen getrieben, von den Kleidern, die die Männer getragen; schildert uns ihren regen Sinn für die Gemeinde und führt an uns die Kehillafunktionäre vorüber, von. dem „Stadlan", der ohne Mandat als „Fürsprech" für sein Volk eintritt, dem Montefiore der alten Gemeinde bis zum „Kalsmeschores" oder „aller Leut" (s' Diener), wie die Quellen ihn bezeichnen; von dem Gemeindegewaltigen, dem Parnes, und dem weltberühmten geistigen Führer, dem im Buche ein besonderes Kapitel gewidmet wird, bis zum „Juden Schüler", dem „8co1ar!8 luctueorum". „Der Brand" steht als flammende Ueberschrist über dem ersten Kapitel. Mit einem furchtbaren und folgenschweren Brande nimmt die Schreckenszeit ihren Anfang. An einem Freitagabend des Jahres 140Ü durchbrausen klagende Töne der Sturmglocken die Donaustadt. Die Judenstadt brennt! Aus der „Judenschul" schlagen blutrote Flammen zum nächtlichen Himmel empor. Die verheerende Feuersbrunst eilt von Haus zu Haus, von Gaffe zu Gaffe. Bald bildet die Judenstadt ein wogendes Flammenmeer. Und wild, wie die entseffelte Natur, zügellos wie die immer weiter um sich greifenden Flammen, ist der Haß, der in den Herzen und aus den Augen des versammelten Pöbels lodert. Kein Jude soll sein Habe aus dem Feuermeere retten! Ein Unglücklicher, der dies wagt, wird aus der Stelle getötet. In wenigen Stunden ist der Wohlstand der blühenden Gemeinde vernichtet. Trauernd stehen die Familienväter vor den rauchenden Trümmern und ahnen nicht, daß der Brand nur den Auftakt bildet, nur der schreckliche Anfang eines noch schrecklicheren Endes ist. Den reichen Juden hatte man ihr Judentum verziehen, den bettelarmen, die als Steuerobjekt nicht mehr in Betracht kamen, wurde es zum Verhängnisse. Die Gemeinde vegetierte, wohl noch 15 Jahre. Unter normalen Verhältnissen ein genügender Zeitraum für jüdischen Fleiß und Energie, wieder in die Höhe zu kommen. Aber die Zeiten waren mehr als ungünstig, waren traurig. Der Landesherr mußte schwere und kostspielige Kriege gegen die Huffitea führen und diese ließen ein Aufblühen des Wohlstandes