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Die Wahrheit · 1920-07-07 · Heft 10 (7.7.1920) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 10 (7.7.1920)
Date
1920-07-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 / &U llöahr^eit Är. 16 im Friedm Juden Mnister und Bürgermeister in weit höherem. perzentuellenAusmache als nach der Bevölkerungsproportion.) Wir resümieren: das Judentum ist ein merkwürdiges, ja das wundervollste Volksgebilde. Polypengleich zieht es in gefahrdrohenden Zeiten sich auf seinen Kern zurück, um, wenn der Druck der Außenwelt geschwunden, rasch und anpassungsfähig wie keinan deres Volk, das alles befeuernde, allen anderen Völkern Flügel leihende Element zu bilden. Jene anderen sehen u u r, daß wir a u ch, selbst in Zeiten der Unterdrückung, unseren Vorteil wahren können. Den ungeheuren Idealismus des Judentums, seine allen anderen Völkern vorbildliche Triebkraft wollen jene nicht sehen, wollen nicht bekennen, daß gar oft Judengeist und Judengeister vorschauend die Dinge trieben: Marx, Engels! Nach Berücksichtigung des Vorstehenden scheint es mir ein großer Rückschritt und hauptsächlich ein Äbweichen vom Geiste des Judentums zu sein, wenn heute mit einem Male wir uns genau so „nationalisieren" wollen wie die anderen Völker. Ich leugne nicht das völkische Wesen des Judentums. Doch bestand dieses. Gottlob, stets in einem anderen und sicher höheren Sinne als bei den Feinden, die uns-umgaben; deshalb hat das Judentum auch stets das Leben jener anderen uns feindlichen Völker Überdauern können. Wir führten im allgemeinen nie das Schwert. Die Episode der Makkabäer kann heute nichts beweisen. Wir huldigten stets, besonders wenn der Druck nachließ, einem freien Weltbürgertum! Wir achteten die Meinungen der anderen, wir handelten zumeist christlicher als jene, die das Christentum täglich auf der Zunge trugen! Und da sollten wir heute, wo fünf Jahre lang nie vorher gekannte, von uns Menschen an Ort und Stunde planvoll gebundene Naturgewalten eine alte Kultur fast vernichteten — heute, wo die darbende Menschheit nach reiner Menschlichkeit, nach Entnationalisierung schreit, den groben Fehler machen, uns nach ach so bewährte m M u st e r zu nationalisieren: Staat, Ministerium (Kriegsministerium nicht zu vergessen), kurz alle Marterinstanzen bis hinab zur militärischen Dressur der Jugend.-- — Nein, das kann ein wahrhaft jüdisch Denkender nicht mitmachen! Träger eines besseren freien Weltbürgertums waren wir bis heule. Das wundervolle Gebäude des Judentums von heute, über fünf Kontinente, von Melbourne bis Petersburg aufzubauen, uns über die Erde zu v erb r^i t e n und dabei doch Juden zu bleiben gelang uns, weil tief in uns das Bewußtsein ruhte, daß wir, daß alle Menschen Bürger einer Erde seien: Weltbürgertum! Die Nationalisierung der Juden im Sinne der Jüdischnationalen bedeutet ein A u f g e b e n des höchsten von uns Erreichten und ein- Unterdrücken unserer wertvollsten, in uns Juden unbewußt bestehenden Anlagen. Mir Juden streiten uns in unserem Kreise vielleicht nur um Worte; der Begriff des Nationalen darf aber nicht so weit gehen, gerade jene Eigenschaften zu unterdrücken, die unser Stolz sein sollen, vielleicht weil sie dem bösen Nachbar nicht gefallen. Unterdrücken wir lieber unsere wirklichen Fehler; wo die sitzen, brauche ich nicht zu sagen; ich habe sie früher angedeutet; -und Helsen wir durch die Tat den Ostjuden; die werden, wenn nicht schon heute, sicher doch einst früher oder später in unsere Fußstapfen treten: in unbewußtem Drange, im Triebe, der seil Jahrtausenden in uns ruht, werden auch sie „sich expandieren", um, wie wir alle, zurückzufluten zum gemeinsamen Stamme. Veredeln wir .sie und uns! Seien wir so ein Vorbild den anderen Völkern! Im Juden "zeigen sich die Ansätze des Zukuuftsmenschen, wie er, wenn die Menschheit überhaupt bestehen soll, sich entwickeln wird. Volle geistige und körperliche Ausbildung unter gleichzeitiger Entfernung der alle Fortschritte hemmenden Kriegsmittel!.-Wir Juden waren vielleicht das einzige abendländische Volk, das die Kriegswaffen nicht gebrauchte. Heute ist die Menschheit zu Hörigen der eigenen Mittel herabgesunken. Wir Juden wußten uns stets ihrer zu erwehren. Das gab uns unsere Größe. Ist dies auch nach außen nicht anerkannt:' wir sind uns ihrer bewußt. Ich glaube, daß. gerade jene Juden, die nicht glauben und auch nicht Zionisten sind, die obgeschilderte Eigenschaft das wertvollste am Judentums erscheint. In diesem Sinne mögen alle Juden Nationalisten sein. Diese Zeilen sind der Versuch, das durch eine Riesenagitation und seine unausbleiblichen Folgen ein wenig verschobene Bild von, der Art der jüdischen Nation richtigzustellen. Ich konnte hiebei begreiflicherweise nur allgemeine Gesichtspunkte aufstellen und nicht auf konkrete Tatsachen eingehen. Dem steht von Seiten der Zionisten nun eine ganz positives Behauptung gegenüber. Die nämlich, daß die Friedensverträge von St. Germain und Versailles Gleichberechtigung in allen Staaten zusichern. — Ueber die Ungerechtigkeit jener Verträge sind wohl alle einigauch darüber, daß diese von Bureaukraten und Menschen haffern entworfenen Paragraphen nicht dauernd in . der Wirklichkeit zum Ausdrucke kommen können. Es entsteht nun die berechtigte Frage,

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