Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 10 (7.7.1920)
- Date
- 1920-07-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063928-3063937--10916-3078291- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die gBafrrfreü Seite 5 Nr. 1§ Nirgends, weder in der heiligen Schrift, noch in den rabbinischen Schriften findet sich ein solch engherziger Ausspruch. Was für einen Feind meint das Evangelium? Versteht es darunter den p ersönlichen Feind? Nun, die heilige Schrift verbietet im Gegenteil den persönlichen Feind zu hassen (HI. B. M. 19, 17), oder Rachsucht im Herzen gegen ihn zu hegen (ibid. 16). Die einzige Rache, die sie empfiehlt, ist nicht etwa diejenige, „daß wir unserem Feinde, der uns auf die eine Wange schlug, die andere Wange Hinhalten sollen" (Math. V, 39), sondern etwas Besseres, Wirksameres, daß wir ihm Wohltaten erweisen. „Hungert deinem Feind, so gib ihm Brod zu essen, durstet ihn, so gib ihm Wasser zu trinken, denn Du scharrst dadurch Kohlen auf sein Haupt". (Spr. 25, 21 u. 22). „Siehst Du den Esel Deines Feindes unter seiner Last erliegen, so unterlaffe es nicht, ihm beizustehen". (II. B. M. 23, 5.). Spricht das Evangelium von dem religiösen Feinde oder dem Andersgläubigen, nun die Heiden gehörten doch wohl zu der letzteren Art von Feinden, und doch sprechen Schemaja und. Abtaljon, die beiden Synhedrialhäupter, welche vor Christus lebten, den Satz aus: „Die Söhne der Heiden, welche die Tugenden Arons nachahmen, mögen in Frieden kommen". (Joma 71 b.). Hillel, der Zeitgenosse Christus, sagt: „Liebe die Menschen". (Aboth I, 12.) Er macht keinen Unterschied zwischen Juden und Heiden, sondern predigt Liebe gegen die Menschen überhaupt. Von Hillel stammt der Ausspruch, der Christus in den Mund gelegt wird: „Was Du nicht willst, daß man Dir tue, das tue auch einem Andern nicht". Darin liegt das ganze Gesetz, das Uebrige ist nur dessen Erläuterung". (Sabbath 31a. Vgl. Math. VII, 12 und Luk. VI, 31, wo der Satz positiv ausgedrückt ist: „Was Du willst, daß die Leute Dir tun sollen, das tue auch ihnen".) Auch hier wird zwischen Juden und Heiden kein Unterschied gemacht. Waren doch die Worte Hillel's an einen Heiden gerichtet. Versteht das obengenannte Evangelium mrter Feind den nationalen Feind, den nichtisraelitischen Ausländer, den Fremden, wie denn überhaupt im Altertume z. B. bei den Griechen die Bezeichnung Feind und Ausländer identisch waren, nun, die heilige Schrift predigt im Gegenteil gegen den Ausländer die größte Toleranz und Liebe. Als der König Salomo den Tempel einweihte, schloß er in sein Gebet auch die fremden Völker. „Wenn der Fremde, der nicht -Deinem Volke Israel angehört, von fernem Lande kommt und in diesem Hause betet, dann erschließe auch ihm den Himmel und erhöre ihn". (1. Regum Vill, 41 - 43.). In der Regierungszeit Salomos, der Blütezeit der Geschichte Israel, herrschte eick überaus reger und freundschaftlicher Verkehr zwischen Israeliten und den Ausländern und es liegt kein Grund zur Annahme vor, daß später axt Stelle dieser Freundschaft Haß getreten wäre. (Schluß folgt.) Nation oder nicht? So lange es Juden gibt, wird diese Frage offen bleiben! Im tiefsten Wesen des Judentums liegt ein Sichbeschränken auf den eigenen Stamm. Dieses Sichzurückziehen hat mehr wirtschaftliche als nationale Beweggründe! Die Ghetti waren die Schutzhäuser, die den Juden in Verfolgungszeiten einigermaßen Sicherheit boten! Zwar unvollkommen, doch der auf dem jüdischen Volke lastende ungeheure Druck wurde hier gemildert; gemeinsam konnte Leid und Not leichter ertragen werden. Doch dann kamen Zeiten, da der Druck schwand I Da setzte in den Jahrhunderten aufs neue jene Tätigkeit ein, die die andere charakteristische Seite des Judenvolkes ausmacht: die Lust zu expandieren, hinaus» zufluten in die Welt, alle Möglichkeiten auszuschöpfen. Morsches niederzureißen. Neues aufzubauen, überall gärende Hefe im besten Sinne des Wortes zu sein! In solch furchtbar gärender Zeit leben wir wieder heute. Nur scheinen beide Tendenzen sich zu kreuzen. Der jede Freiheit erstickende Druck der Weltkriegsjahre scheint zu Ende zu gehen. Und schon hat das exponierteste und sich exponierendste aller Völker — und das sind die Juden — alle Möglichkeiten durchlebt; mir sind wieder zu treibenden Kräften der vorgeschrittensten Parteien geworden — wir Juden, die wie kein anderes Volk dieser Erde aus Vergangenheit und gegebenen Tatsachen intuitiv aus kommende Möglichkeiten schließen können. Wir warens im Weltkriege in anderem, weniger rühmlichen Sinn. DerArier wohl nicht minder!-Daß wir dies eben auch konnten, trägt so außerordentlich zur Stärkung des Antisemitismus im Weltkriege bei. Unsere Vorzüge werden geflissentlich übersehen. (Bei dieser Gelegenheit fei eingeschaltet, daß der Hauptgrund des Judenhasses aus antropologischem Gebiete liegt! Unsere Raffenmerkmale! Wir find darin Leidensgenoffen eines anderen großen Kulturvolkes: der Italiener! Der Haß gegen „Welsche ufld Katzelmacher" hat säst gleiche Ursachen wie der Judenhaß! In Italien ist der äußere Unterschied zwischen Ariern und Semsten gleich Null. Daher keinerlei Antisemitismus! Im Gegenteile! Dort warm — dank der Gesetze der natürlichen Auslese her Fähigsten — schon