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Die Wahrheit · 1920-07-07 · Heft 10 (7.7.1920) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 10 (7.7.1920)
Date
1920-07-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Die Wahrhei t Nr. 10 die Volksseele und den geistigen und kulturellen Standpunkt der Bevölkerung studieren und nicht glauben, daß man der jüdische Lueger sei oder die jüdische Frau Ruziska, wenn man in alle Wirtshäuser geht, wenn man fleißig schimpft und alles herabsetzt. Der Jude ist ein Kulturmensch und kein Wirtshausbruder^ Der Jüde ist ein Denker und prüft und wägt. Aber der Wahlkampf, wie ihn jetzt die Jüdischnationalen geführt haben, war nach dem Muster der Luegerschlachten geführt und das ist eine Beleidigung für das jüdische Volk gewesen. Darum haben die Jüdischnationalen verloren und darum sind ihre Führer schlechte Generale gewesen. Die Herren müssen, wie ich meine, umlernen. Sie sind keine Kenner des Wiener Judentums, sie verstehen nicht, die jüdische Seele. Sie haben nach meiner Meinung durch ihr jetziges Austreten in Wien für immer verspielt. Ihr erster und so heftiger Ansturm wurde abgewehrt und hat ihnen die Aussicht für weitere Erfolge für immer genommen. Sie müßten denn umlernen und anders werden. Wie? Ich bin ihr guter Freund, ich trage den Herren nichts nach, denn ich glaube, daß sie nicht wissen, was sie tun, und rate ihnen: Lernen Sie, lernen Sie, werden Sie geistiger und manierlicher, werden Sie gebildeter und sachlicher, klüger und sorgen Sie wirklich für die Zukunft des Wiener Judentums! Nicht Politik, sondern Humanität, nicht Dreinreden in alles, sondern soziale Fürsorge ziehen in Men. Wir wollen Arbeit, Fleiß, Ruhe und den Kampf der Geister, nicht den der Fäuste und der Phrasen! Wollen Sie mit Ihren Ideen die Welt befruchten, dann bedarf es geistiger Arbeit und nicht der Art, in der Sie bisher wirkten und die so deutlich vom Kulturzentrum Wien abgelenkt wurde. Sie haben eine Mederlage erlitten. Lernen Sie daraus! Dir. Dr. S. Krenberger. Die Zeindesliebe im alten und neuen Testamente. Literarische Skizze von Bezirksrabbiner Dr. Josef Hoff, Bisenz. Das höchste Prinzip der Humanität ist die Menschenliebe. Das Christentum betrachtet nun dieses höchste Prinzip als sein eigenes, von ihm zuerst mit Nachdruck verkündetes und zun Geltung gebrachtes. Es nennt sich die „Religion der Liebe" kat' exochen und man hat sich seit Jahrhunderten daran gewöhnt,. Christentum und Liebe zu identifizieren. Wir sind weit entfernt, die Verdienste des Christentums um die Gesittung der Menschheit zu schmälern; es hat sich zu den höchsten Ideen der .Sittlichkeit erhoben, aber das Judentum lieh ihm zu diesem Fluge die Schwingen. Das Christentum hat auf den Trümmern der heidnischen Welt einen großartigen Bau aufgeführt, doch das Judentum lieferte ihm dazu den Plan und die Bausteine. Das Christentum verdankt seinen Triumph vor allem seiner Moral, welche große, herrliche und erhabene Ideen zeitigte, aber diese letzteren stammen zum allergrößten Teile aus dem Judentum. Neu waren sie nur den Heiden und allen denjenigen, welche das Judentum nicht kannten. Heben wir nun aus der christlichen Moral einige auf die Menschenliebe sich beziehende Momente hervor. Die christliche Moral leitet die Menschenliebe von der Liebe Gottes zu den Menschen ab. Wenn das Christentum sagt: „Gott ist die Liebe" (l. Joh. 4, 8.), so hat ihm die heilige Schrift dieses schöne Wort in den Mund gelegt. Gott liebt Israel „in weiser Liebe" (Jerem. 31, 3), aber „er liebt auch andere Völker" (HI. B. M. 33, 3), wendet auch ihnen seine Gnade zu und sendet auch ihnen seine Propheten, um sie zur Sittlichkeit anzuleiten. „Gott liebt überhaupt jeden Menschen, den er in seinem Ebenbilde erschaffen hat", lehrte R. Akiba, der unter dem Beile der Schergen Hadrians seine Seele aushauchte. „Gott ist allgütig gnd allbarmherzig gegen alle seine Geschöpfe" (Ps. 145), denn sein Geist durchdringt und belebt das ganze All und sorgt für die Erhaltung aller seiner Geschöpfe. Wo bleibt da bei einer solchen Vorstellung von Gott noch Raum übrig für die Gedanken eines Nationalgottes, den man so oft dem Judentum vorgeworfen hat? Neben das Gebot der Liebe gegen Gott stellt die christliche Moral das Gebot der Nächstenliebe und betrachtet beide als die höchsten, wichtigsten Gebote, die das Reich Gottes begründen (Markus 12, 28). Doch schärft nicht die heilige Schrift die Liebe gegen Gott zu wiederholten Malen ein? „Der Ewige", sagt sie, „verlangt nichts weiter von dir, als daß du ihn liebst und fürchtest" /V. B. M. 10, 12). Liebe gegen Gott, das, Verlangen und die ^Sehnsucht nach ihm, ist der Grundzug der Psalmen. Ist es nicht die heilige Schrift, die zuerst den Satz anssprach „liebe deinen Nächsten wie dich selbst" (III. B. M. 19, 16. vgl. Sifra z. Stelle: Rabi Akiba aumer „se klall godaul batauroh". Das Christentum ging darauf aus, diesen Satz zu verdunkeln. „Es wurde Euch gesagt", heißt es im Evangelium (Math. V. 43), „Du sollst Deinen Nächsten lieben und Deinen Feind hassen, ich aber (Jesus) sage Euch, liebet Eure Feinde". » " . - . ' -

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