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Die Wahrheit · 1920-07-07 · Heft 10 (7.7.1920) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 10 (7.7.1920)
Date
1920-07-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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MaWnMLÄeMrfft für MMeMeEn- «vcvnvujl REDAKTION irA DM I NISTRATION 43-2-16 Wien. 2. Kaiser Josefstratze 13 Wien, 7. Juli 1920 Nummer io XXXVI. Jahrgang Abgewehrt. Die goldene Jugend unserer Jüdischnationalen hat also am 27. Juni ebensowenig die Kultusgemeinde erobert, wie sie nach ihren Kundgebungen Palästina erobert haben. Sie haben freilich die Zahl der Vertreter im Kultusvorstand von 5 auf 13 erhöht. Sie haben also vom Bestände der früheren Mehrheit 8 Mandate weggenommen. Dieser ganze Erfolg ist das Ergebnis ungeheuerer Agitation und rührigster Tätigkeit. Das ist das Ergebnis einer Propaganda mit den Mitteln eines Wahlkampfes, wie sie nur in bewegtesten Zeiten und von skrupellosesten Faktoren geübt wird. Unqualifizierbar war das Vorgehen der Jüdischnationalen im Wählkampf. Die persönlichen Beleidigungen der Gegenkandidaten, die Schmähungen jedes Menschen, der eine andere Meinung hatte als die ihre, die Wahlmittel der rücksichtslosen politischen Parteien, die zu nennen meinem Empfinden widerstrebt, haben wohl die Zahl der Wähler vermehrt, aber haben gegen die Jüdischnationalen entschieden. Sie haben die Schlacht verloren, weil ihre Kampfesweise die Majorität der Wiener Juden abgeschreckt hat. Die Majorität der Wiener" Juden will keine Sitten der Roheit, des Terrors, der Unwahrheit, der persönlichen Jnvektiven, der Besudelungen. Die Majorität der Wiener Juden will den geistigen Kampf der Ideen und verabscheut den Kamps mit den Fäusten. Die Majorität der Wiener Juden hat die Jüdischnationalen abgewiesen, weil sie gewohnt sind an verfeinerte Sitten, weil^ sie eine soziale Schichte sind, in die auch der Wiener Sinn für Kultur gedLungen ist, für Milde und Toleranz. Die Majorität der Wiener Juden will auch in ihrem religiösen Leben und in der Betätigung für das Judentum nur hochwertige Formen beobachtet sehen. Das Wiener Judentum verabscheut die Gewohnheiten der niederen politischen Aeußerungen. Es rekrutiert sich aus Intellektuellen, aus gebildeten Menschen, die zumeist schon Mittelschulen absolviert haben und im Hause auf Kultur und Gediegenheit sehen, außer dem Hause aber auch das Schöne lieben. Diesen guten und seinen Menschen darf man nicht mit robusten Hausknechtsmanieren kommen, man darf sie nicht in ihren Gefühlen durch Geschrei, Phantastik, Rüpelhaftigkeit und Terror verletzen und beleidigen. Und weil dies durch die Presse der Jüdischnationalen, durch ihre Flugblätter und Redner so heftig und so oft und so stark geschah, haben sie die Schlacht verloren. Man wird es ihnen nie vergessen, daß sie die Gegner als Horthybuben bezeichneten, als Mordgesellen. Man wird es ihnen nicht verzeihen, daß sie die Führer ihrer politischen Gegner, Männer von wissenschaftlichem Ruse, die auch in der Betätigung sozialer ArbeitbeiJuden und Christen Anwert haben, beschimpften und besudelten. Alles war Len Jüdischnationalen günstig, der Sommersonntag, die Anlage der Wählerlisten, die äußeren Formell des Wahlaktes und sie haben auch nach dem Muster von Riccaut das Glück zu verbessern gesucht. Sie sind unterlegen, denn sie haben nicht ihr Ziel erreicht. Sie find nur eine Minorität in der Kultusstube. Ihre Führer haben schlecht geführt und schlecht gearbeitet. Sie müssen umlernen oder anders arbeiten. Sie müssen lernen, daß man die Juden in Wien anders einzuschätzen, zu achten, zu bewerten und zu behandeln hat, wie die Juden des Ostens. Unsere Brüder in Ostgalizien haben andere Gewohnheiten wie die Juden in Wien. Sie haben andere Wahlkämpfe bei sich zu führen wie wir in Wien. Bei ihnen find andere politische und andere Gemeindeziele wie bei uns. Auch das müssen die Herren Führer der Jüdischnationalen lernen und begreifen, daß die Wahlkämpfe und Wahlsitten der - Christlichsozialen und Sozialdemokraten auf die Wahlen in den Wiener Kultusvorstand nicht anzuwenden sind. Man muß, wenn man klug sein will, wenn man weitblickend sein will, wenn man wirklich nur ideelle Erfolge anstrebt und nicht nur den Besitz von Mandaten, differenzieren können. II u

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