Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 9 (23.6.1920)
- Date
- 1920-06-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Die Wahrheit Nr. 9 Olmütz undWien zu einer Einheit? Doch nur das, war unser innerer Wesen, unsere Eigenart ausmacht, was uns Juden vom ersten Auftreten in der Geschichte bis heute beseelt hat; dar ist die Religiöse Idee, die in der Entwickkmg des Gewissens, in der Demut vor einem höheren Zweck und Ln der ErMung aller Besten in der Welt sich manifestiert. Soll man denn wiederholen, daß alle jene Völker, die in der Geschichte kulturbringend und gestaltend aufgetreten sind, eine MffionSidee vertraten und eine Kulturidee der Menschheit gaben? Die Aegypter gaben uns das Sonnenjahr, die Babylonier die Woche, die Affyrer die Verwaltung, die Griechen dar Schöne, die Römer das Recht, die Germanen die individuelle Freiheit, die Juden den Gottesbegriff. Seine Ausbreitung zur höchsten Form einer beseelten Gesellschaft in der Welt ist noch nicht erfüllt. Daher besteht da- Judentum, daher lebt eS und wird dauern, bis die Erfüllung da ist. Wie ist gegenüber diesem großen, erhabenen Daseinszweck kleinlich, niedrig, war wir vom jüdischen Nationalismus hier und anderwärts lesen und Hören- Mer wir, denen daS Wesen der Juden ein Hoher und Heiliges ist, müssen eS als eigene Sendung ansehen, die Meinungen, die wenig von Wissen und Denken beschwert siud,.zv Mre» und zur wichtigem Erkenntnis unserer Zeit zu bringen. DaS.Merzehnmillionenvolk der Juden ist ideell in seiner Weltsendung geeint und die Ausgabe ihrer Lehrer und Führer soll es sein, sie über diese Sendung aufzuklären und ihnen diese hohe Sendung beizubringen. Dann wird nicht der Materialismus überwiegen, nicht der Gelderwerb da- Lebensziel sein, dann wird nicht der Mann oder die Frau nach ihrem Besitz beurteilt werden, dann werden geistige und moralische Vorzüge den Ausschlag in der Schätzung geben, dann wird wieder dar Volk der Juden das Volk der Lehre sein. Freilich nicht abgekehrt vom Weltgetriebe soll eS das sein. Kunst und Technik und Handwerk, Handel und Industrie find auch Betätigungen für den aufrechten Mann und zu Männern soll man unsere Juden erziehen, überall, ,hie und dort; eingreifen sollen sie in die Weltwirtschaft, in Wissenschaft und Kunst als Kenner.und mit Vollendung, aber auch alr Juden, die ihrer Weltsendung bewußt sind. WaS aber Stricker mit seiner Lehre vom jüdischen Nationalismus bietet, ist, wie schon ferne Grundsätze gezeigt haben,' leer und ohne Halt. Das Volk der Juden hat in der Welt keine einheitliche politische Gestaltung, sie ist auch nicht zu erreichen, weil sie von den Staaten, in denen Juden wohnen, nicht gestattet würde. Wie soll dann eine Vertretung im Völkerbünde und vor demselben geschehen? Und die Judenfrage als Weltfrage? Was bedeutet wieder dieser Wort- Die Frage Palästina ist nach unserer Meinung auf Jahrzehnte zumindest, gelöst. Solange England erste Weltmacht ist .und daß. Weltreich, wie er unter Alexander dem Großen und - unter den römischen Kaisern bestand, unter seiner Führung oder unter angelsächsischer überhaupt besteht, wird Palästina kein Judenstaat sein, sondern eine Kolonie " Englands. . WaS aber die freie Entwicklung der Juden in allen Ländern als bindendes Völkerrecht bedeutet, dar, meine Herren Nationalen, das wollen auch wir. Dar ist unser, der Nichtnationalen Wunsch und Programm. Solche Märe bei. Euch, Geratter Stricker, zu finden, bringt Freude und Gewinn. ES zeugt aber die ganze Verworrenheit und Unklarheit der jüdischnationalen Lehren, daß bald darauf gefordert wird: „für die Juden alr Nation im Staate Rechte". Wie reimt sich das zur obigen, schon zweimal angeführten Forderung der freien Entwicklung der Juden in allen Ländert? Ist die freie Entwicklung dasselbe wie die Rechte der Juden als Nation im Staate? Kann er dasselbe sein, wenn; nationale Selbstverwaltung gewünscht -wird^ also nationale Autonomie, mit einem eigenen Schul- und Berwaltungsapparat? Daß dabei aber auch die Juden mit den anderen Mitbewohnern um Stellen,. Titeln und Posten noch ringen können und dabei noch der Grundsatz „freie Bahn dem Tüchtigsten" auch für die Juden gelten kann und soll, verstehe ich nicht. Es sollen nationale jüdische Schulen errichtet werden und zwar auS öffentlichen Mitteln unter Wahrung der staatlichen Oberhoheit, aber besorgt von Organen des jüdischen Volkes. Daneben, sollen den Juden auch alle Erziehungsiustitute deS Staates frei zugänglich gemacht werden und bleiben und die Absolventen jüdischer Schulen dürfen in ihrem Rechte als vollwertige Staatsbürger nicht im geringsten beeinträchtigt werden. Wie dies alles zu machen ist, verschweigt des Sängers Höflichkeit.' Eigene, selbständige Verwaltung und doch volle Teilnahme an der staatlichen Verwaltung, eigene Schulen und doch auch voll», ungehinderte Benutzung der Staatsschulen. Jüdischer Kataster zur Einschreibung und Evidenzhaltung der jüdischen Bewohner und freies Bekenntnis zur jüdischen Nation. Besonderer und doch das Ganze! Welcher Staatsmann und Verwalter wird solche Grundsätze einführen und befolgen? Bleibt da die Einheit und Organisation des. jüdischen Volkes auf- 4