Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 8 (9.6.1920)
- Date
- 1920-06-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 Die Wahrheit Nr. 6 Tschecho-Slowakei und besprach die Rolle, welche hiebei der Mischen Wählerschaft beschieden war. JhreSchriftleitung hat dabei eine genaue Kenntnis der schwierigen, verworrenen Lage, wie zutreffenden Beurteilung der trostlosen, folgenschweren Verhältnisse an den Tag gelegt. Man muß aber mitten in denselben stehen, die Ursachen der scharfen Konffikte der verschiedenen Parteien zu erfassen imstande fein, um das tiefbedauerliche Resultat der unfruchtbaren Wahlkämpfe erklären zu können. Die Jüdisch nationalen glaubten an einen Sieg ihrer Sache, stützten sich auf das Gesetz der Zahl, vergaßen aber, daß der große Heerbann, den sie zusammen trommelten, weder aus Begeisterung noch aus Hingabe sich um die blauweiße Fahne scharte. Es ist kein Zweifel, daß ein Teil der Jüdischnationalen, namentlich die Jugend, mit Ueberzeugung und Leidenschaft der ausgegebenen Parole folgte. Die überwiegende Mehrzahl aber stand vor einem peinlichen Wahldilemma. Die deutschjüdischen Wählerkreise, die unter der alten Monarchie unbesorgt ihrem Bekenntnisse durch den Stimmzettel Ausdruck geben konnten, durften ihrer alten Gesinnung diesmal aus Gründen persönlicher Sicherheit und Existenzrücksichten nicht durchwegs treu bleiben. Dem alten Vorwurf, daß die Juden in Tschechien stets mit den Deutschen gehen, wollten manche vermeüren. An einem tschechischen Bekenntnis hinderte sie die Gesinnung. Aehnlich verhielt es sich mit der Mischen Wählerschaft in den ehemals ungarischen Gemeinden, die sich vor dem Umsturz stolz als magyarisch bekannte. Wie durfte sie dies unter dem neuen Kurs? Anderseits hätte man auch den deutschen und flowakischen Juden ein plötzliches Proselitentum anläßlich der politischen Wahlen übel vermerkt. Sie standen vor einer bedauernswerten Zwangslage, aus der sie sich durch Schwenkung inS jüdischnationale Lager retten zu können glaubten. ES war dies aber ein verhängnisvoller Glaube; er führte vorerst zur Zersplitterung und dann die getrennt Marschierenden zur gemeinsamen Mederlage und in weiterer Folge zu Vorwürfen, Anklagen und Zerwürfnissen innerhalb der irregeleiteten Wählerschaft, die schwer benachteiligt und auch politisch geschädigt wurde. Die Jüdischnationalen müssen es also auf ihr Gewissen nehmen, wenn sie selbst und die anders orientierten jüdischen Parteien die so wichtige Vertretung in der tschechoslowakischen Kammer und im Senat entbehren. K. Zionismus und Kultusgemeind eftube. Glosse eines Fernstehenden. Im jüdischen Blätterwald — nicht zu verwechseln mit dem Libanon — tobt um die bevorstehenden Kultuswahlen ein heißer Kampf. Ein Blatt betitelt sogar seinen AgitationS-Leitarkel mit: Leben und Tod! Ich bitte daher als Unbetelligter und Leidenschaftsloser um Raum! Vielleicht gelingt eS mir, ein Atom Wahrheit und Klarheit in die Reihen der unbändigen Streiter zu bringen? Als Kind hörte ich in meiner Heimat Wunderdinge über die Leistungen eines Schwarzkünstlers. Man erzählte unter anderem, er wäre — zum Entzücken des Publikums — wie die Kielfeder durch das Pfeifenröhrlein, durch einen dicken Klotz gekrochen; da tritt eine noch unverblendete, unverkischefte Frau in den Vorstellungssaal und ruft mit Lachen: „Was laßt Ihr Euch vom Komödianten narren! Er kriecht doch nicht durch den Klotz, sondern darauf!" Aber im Moment war die Rufende verblendet, Sie wähnte sich in einem reißenden Fluß und hebt in ihrem Entsetzen, aber zum Gaudium des Publikums, immer höher ihre Kleider . . . Aehnlich wie der verkifcheften Frau ergeht es dem Manne mit unsichtbaren Parteibrillen auf der Nase: Er sieht Tod und Verderben, wo es mit einem Niesen abgeholfen ist. Ich aber sage: „Weder ist der Jüdischkonservative der Würgengel, noch der Jüdischnationale der alleinige Aufrichter der Nation. Das richtige wäre nach dem Gebote der Thora: Weattoh techefeh mikkol hoom . . Man suche au§ allen Kreisen des Volkes biedere und tapfere Männer und so fort. Ob gerade die Jüdischnationalen allen den Jndifferentismus aus der Gemeindestube verbannen werden . . .? Ich bekenne mich selbst als ein glühender Zionist, wie es wohl im Gebetbuche heißt: Wesechesenoh enenu beschu wiho le-Zion; ich habe auch die ersten Biluisten, die die Studentenuniform mit dem Kolonistenkittel vertauschten, gekannt und bewundert. Allein der nur politische Zionismus, der das religiöse Moment prinzipiell aus allen seinen Bestrebungen ausscheidet, scheint mir nicht der richtige Faktor in der Kultusgemeinde, wo doch die Religion ihre sorgsame Pflege finden soll. Armin Wilkowitsch, Eger. Das Wort eines Kirchenfürsten. Der Veszpremer Bischof Ferdinand R o t t berührte bei seiner Firmungsrundfahrt auch dir Gemeinde Nagytad. Das Empfangskomitee lehnte die Vorführung einer Deputation der jüdischen Gemeinde zum Bischof ab, doch Bischof Rott ließ dem Gemeinderabbi misteilen, er sei bereit, die Deputation zu empfangen. Auf die Begrüßungsansprache des Rabbiners Dr. Josef Borsodi, der auch von den vielen Unbillen sprach, die das ungarische Judentum in letzter Zeit betroffey hätten, antwortete Bischof Rott: Sowohl ich, als auch jeder nüchtern denkende Ungar fühlen Schmerz über die geschehenen Mißgriffe. Was geschehen ist, daS war nicht gegen die intelligente und konsolidierte ungarische Judenschaft gerichtet. Die Ausfälle eine- Fieberkranken dürfen nicht ernst genommen werden. Ungarn befindet sich noch immer in einem solchen Fiebertraume. Warten wir geduldig, die Zeit bringt für alle Wunden ihren Balsam. Die Wogen werden sich wieder legen und unsere jüdischen Mitbürger werden wieder der gleichen Hochachtung teilhaft werden wie früher, verkünden doch Moses und das Evangelium ein und dasselbe: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst". Hl Von Nah und Fern Jüvischnationale Entstellungen. Die von uns bei wiederholten Anlässen stigmatisierte Wahlkampftaktik, die vor bewußten Unwahrheiten nicht zurückscheut, richtet sich nicht bloß gegen die von ihnen geschmähten Assimilanten, sondern auch die orthodoxe Partei, insoferne diese dem Gegner das Feld streitig