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Die Wahrheit · 1920-06-09 · Heft 8 (9.6.1920) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 8 (9.6.1920)
Date
1920-06-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 8 Die Wahrheit Seite S alten Frau, die einst bessere Tage gesehen, aus. Wahrlich ein Elend, das jedes fühlende Menschenherz erschüttern mußte. Wenige Tage später besuchte ich das Altersheim der kranken Frauen in der Seegasse. Welch ein Unterschied! In einem großen, sonnenhellen Saal, besten hohe Fenster in den Garten hinausgingen, standen wohl 30 Betten; alle weiß bezogen, überall peinliche Sauberkeit. In den Betten alte, kranke Frauen, deren weiße Haare und eingefallene Züge Mitleid erregten. Die meisten von ihnen waren siebzig Jahre, etliche achtzig und neunzig. Aus meine Frage wie es ihnen ginge, überall die Antwort: „Gott sei Dank! Hier sind wir vor Not geborgen!" In Gedanken verglich ich das elende Heim, in dem ich unlängst die alte Frau L. fand, mit dem sauberen, schönen Heim, das edle Menschenfreunde hier den armen Alten geschaffen. Anstoßend an den großen Schlafsaal eine schöne, nach den Garten gehende Terraffe, in der eben viele alten Frauen ihre Jause einnahmen. Wie ihnen das schmeckte! Sie hatten sich nicht um Brot, Kaffee, Milch anzustellen, lebten sorglos, hatten gute Bedienung, ärztliche Pflege. Jetzt mehr als je sind solche Altersheime ein Segen für die Greise und Greisinnen. Auf meine Frage, ob alle Aufnahmsgesuche erledigt wurden, sagte man mir: „So reich ist unsere Kultusgemeinde nicht!" Ja, wenn es bei uns wie in England und Frankreich Silte wäre, daß die mit Glücksgütern Gesegneten, wenn sie dem Greifenalter nahe sind, einen Teil ihres Vermögens für die bedürftigen alten Leute abzweigen! Aber diese Sitte will sich bei uns nur schwer einbürgern. Und doch! Wie nötig wäre es nach dem Muster der großen Berliner, Pariser, Londoner Alters- und Siechenheime solche Anstalten bei uns zu schaffen. Das Haus in der Seegasse gereicht hunderten alten Leuten, die sonst der bittersten Not preisgegeben wären, zum Segen, abertausende bitten um Ausnahme; sie hungern und frieren, sind auf die Mildtätigkeit edler Menschen angewiesen. Möge ihnen so ausgiebig Hilfe werden wie den armen, alten Frauen in der Seegasse. Aber auch all die Reichen, die die Stunde nahen sehen, die sie zum ewigen Schlaf abruft, mögen auch sie der armen Alten gedenken, die hilflos und verlassen wären, wenn ihnen nicht edle Menschen ein Heim errichtet hätten, in dem sie ihren Lebensabend sorglos verbringen können. Helfe, wer helfen kann! Ein Einbruch. Am 20. Mai fand die Generalversammlung des Vereines zur Errichtung von Volksküchen nach israelitischem Rttus statt. Der Verein besieht schon fast fünfzig Jahre und erhält die Volksküchen im 3. Krummbaumgässe und 20. Kluckygaffe, sowie die Gemeinschaftsküche für Handelsangestellte und den Mittelstand 1. Eßlinggaffe 18. Seit dreißig Jahren leitet als Küchenpräsidentin Frau Hermine Kadisch diese notwendigen und sehr ersprießlich wirkenden jüdischen Wohlfahrts-Einrichtungen. Der amtierende Vorstand waltete sorglos seines Amtes, nur darauf bedacht, in diesen schweren Zeiten die drei Küchen aufrecht zu erhalten und den Besuchern nicht das Essen versagen zu müssen. Wer die Verpflegsverhältnisse der letzten Zeit in Wien kennt, weiß, was das für Sorge gab, was das für Mühe war. Die Vorstände des Volksküchenvereins waren sich also keines Fehlers bewußt. Sie ahnten nicht, daß es Leute in Wien geben könnte, die heimlich alles vorbereiteten, um sich in den Besitz dieser drei Küchen und des Vermögens dieser Küchen und der Herrschaft über diese Küchen zu setzen. Nach dem Bilanzkonto von 1919 betrugen die Aktiva des Vereins 436.087 92 K. Herr über dieses Vermögen zu werden, lohnt sich doch. Man ließ 86 Personen zu 6 K. Mitglied werden und wurde so um 516 K. Verwalter und Gebieter über ein Vermögen von fast einer halben Million Kronen, wurde mit 516 K. Herrscher über viele Angestellte, machte einige mandatslüsterne Damen und Herren zu Gebietern über drei Küchen und verschaffte einigen bisher jeder Wohltätigkeit ferne gestandenen Herren und Damen Titel als Präsident, Kaffier, Vorsteher und war ein so großer Mann, ein Verteiler von Gunst und Gnaden. Ja, man zahlte am 19. Mai, einen Tag vor der Generalversammlung, die 86 Mitgliedsbeiträge 3 6 K. ein, meldete sich natürlich nicht früher als Mitglied, wartete auch nicht die Einladung zur Generalversammlung ab, sondern erschien plötzlich zur Generalversammlung, zückte den Erlagschein der Postsparkaffe und wählte sich und die Gesoffen zu Vorständen des Vereins zur Errichtung von Volksküchen nach israelitischem Ritus. Das geschah aber nicht, weil die bisherige Führung der Volksküchen im 2. und 20. Bezirk oder die Gemeinschaftsküche am Kai schlecht, verwahrlost oder inhuman gewesen war. Nein, das geschah um sich eine Macht anzueignen. Das geschah nach Art von Verschwörern, heimlich, verstohlen, überraschend, illegal und unhonorig. Sollen wir die Herren nennen, die dieses Heldenstück zustande gebracht haben? Sollen wir sagen, daß ein Rechtsanwalt der Führer dieser Verschwörer gewesen? Wir schämen uns, daß es solche Frauen und Männer in unserer Gemeinde gibt, die ein solches Stücklein zuwege brachten. Wir wollen uns nicht den Ordnungsruf der Leser zuziehen, sonst würden wir sagen: Pfui! Die Wahlen irr der Tschecho-Slowakei. Man schreibt uns aus Brünn: Ihr geschätztes Blatt brachte in Nr. 6 eine Nottz zu den Wahlen in der Jda Barber.

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