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Die Wahrheit · 1920-06-09 · Heft 8 (9.6.1920) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 8 (9.6.1920)
Date
1920-06-09
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 Die Wahrheit Nr. 8 Nebel ganz verfinstert. Der Berg Sinai in hell lodernde, mächtige Rauchschwaden entwickelnde Flammen gehüllt. Unaufhörlich immer kräftiger anschwellender Posaunenschall, die Naturelemente bis zur Unerträglichkeit entfesselt ob de- Gewaltigen, daS sich vollziehen soll. Denn der allmächtige Gott, der Schöpfer und Beherrscher der Weltalls steigt herab auf die Spitze des Berger Sinai, den ein Zittern durchströmt, rin Beben erfaßt, um sich dem Volke Israel zu offenbaren, demselben die 10 Gebote zu verkünden. DaS Aller sieht daS Volk, es erstarrt vor Schrecken nnd steht erschüttert da. Da ertönt der Ruf: „Onochi adonoi elehecho". „Ich bin der Ewige dein Gott, der ich dich aus Mizrajim, aus dem Hause der Sklaverei herausgeführt habe". Du sollst nicht mehr Sklave, sondern Mensch sein, nicht mehr in Knechtschaft leben, sondern die Freiheit genießen. Das jüdische Volk kann sich aber nur dann die errungene Freiheit, die Freiheit an Geist und Körper bewahren, wenn eS an den einig einzigen Gott glaubt, an Gott ohne Anfang und Ende, der stets war, ist und sein wird. Es darf keine anderen Götter anbeten, keinen Götzendienst treiben. ES muß stets daran festhalteu, daß eS nur einen wahrhaften Gott gibt, daß ein« immer nur eins bleiben kann. Und nicht wie es leider jetzt, insbesonders in den großen Judenzentren maffenhaft geschieht — glauben oder glauben machen wollen — denn in Wirklichkeit glaubt doch kein Jude, daran, daß drei einS ist. „Poked awon owos". Der allmächtige Gott ahndet nach den von ihm geschaffenen Naturgesetze das Uebertreten seiner Lehren, das Vergehen gegen feine Gebote. Wer sich gegen die Sittlichkeit-- und Keuschheitsgesetze verfehlt, wer in übermäßigen feuchtfröhlichen Genüffen schwelgt, seine Kräfte maßlos vergeudet, der untergräbt feine Gesundheit, zerrüttet an Körper und Geist und verfällt einem unhellbaren Siechtume, das nicht stationär bleibt, sondern sich an den Kindern bis ins dritte und vierte Geschlecht fortpflanzt, sie degeneriert und ihnen ein fluchwürdiges Dasein bereitet. „Weosch chesed loalofim". Wer aber nach den Helligen Satzungen der Thora lebt — die nur den Zweck haben, den Menschen immer mehr zu veredeln, dessen Herz und Sinn für alles Schöne, Ideale und Erhabene zu wecken und zu begeistern — die Lebensfreuden mit Maß und zur richtigen Zeit genießt und fich nicht auf einmal ausleben will, wer sich die Menschenliebe, Ehrlichkeit und Redlichkeit zum Lebensprinzipe macht, alle- Widernatürliche und Gesundheitsschädliche vermeidet, der bleibt gesund an Leib und Seele, was auch seinen Nachkommen bis ins tausendste Geschlecht zugute kommt und zum Segen gereicht. „Kabed eS owicho w'eS imecho". „Ehre Vater und Mutter, damit Du lange lebest und eS Dir wohlergehe auf dem Boden, den ich Dir geben werde", lautet daS b. Gebot (6. B. M. Kap. 5/16). Man könnte wohl fragen: 1. ) War es notwendig dieses Gebot zu erlaffen? Ist es nicht vielmehr selbstverständlich, die Eltern zu achten und zu schätzen, unsere Eltern, die uns das Leben gegeben, unS vom zartesten Kindesalter an gehegt und gepflegt, bewacht und beschirmt, unsere Eltern, denen keine Arbeit zu schwer, kein Weg zu weit, kein Wetter zu schlecht war, wenn es galt, für unser Wohl zu sorgen, die oft kummervolle Tage und verzweiflung-volle Nächte an unserem Krankenlager weinend zubrachlen, den lieben Gott anflehend, daß er uns am Leben erhalte, die keine Mühe und Opfer gescheut, unS zu an Körper und Geist gesunden Menschen zu erziehen. 2. ) Warum heißt eS: Du sollst Deine Eltern ehren, damit es Dir wohl ergehe? Eigentlich sollte es doch heißen, damit es ihnen, Deinen Eltern, wohlergehe, damit sie sich freuen, sich von ihren Kindern geehrt und geschätzt zu sehen. 3. ) Wozu der Zusatz: In dem Lande das ich Dir geben werde? Es würde doch genügen, wenn es hieße: Ehre Vater und Mutter, damit Du lange lebest und es Dir wohl ergehe. (Schluß folgt.) Bei den alten Frauen in der Heegasse. Die Wenigsten von unS haben sich mal eine Stunde Zeit genommen, um daS Alters-VersorgungShaus der jüdischen Gemeinde in der Seegasse zu besuchen. Menschenfreunde seien auf diese- Haus aufmerksam gemacht. ES herrscht ein Vorurteil in Kreisen der armen alten Leute, die ungern ihr eigenes Heim aufgeben, um Aufnahme in der AlterS-Versorgungsanstalt anzusuchen; sind sie aber mal ausgenommen, so erkennen sie die große Wohltat, die ihnen geworden. Unlängst besuchte ich die kranke, achtzigjährige Frau L., die mir klagte, wie schlecht es ihr ginge: „Wer bedient mich? Wer holt mir die Lebensmittel ein? Wer kocht für mich? Wer macht mir Umschläge um die geschwollenen Füße?" jammerte sie. Und wie verwahrlost sah die ehedem so saubere Wirtschaft der

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