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Die Wahrheit · 1920-05-26 · Heft 7 (26.5.1920) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 7 (26.5.1920)
Date
1920-05-26
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Die Wahrheit Nr. 1 Dr. Weizmann ist zuversichtlich. Ein Sonderberichterstatter des freisinnigen englischen Blattes «Manchester Guardian" hatte nach Schluß der Beratungen des Obersten Rates in San Remo, der bekannttich den Juden Palästina als Heimstätte zuerkannte, eine Unterredung mit Dr. Weizmann, wie dieser sich nun die weitere Entwicklung denke. Ohne sich in den Freudentaumel unserer gelernten Jüdischnationalen zu stürzen, ohne die exstatischen Jubelrufe unentwegter berufsmäßiger Schwärmer begnügte sich Dr. Weizmann, dem englischen Journalisten mehr kühl erwägend als voraussetzungslos begeistert seine Ansichten mitzuteilen, indem er, Licht und Schatten sorgfältig beobachtend, findet, daß für die Palästinaaktion nunmehr die Lichtseiten vorherrschen. Der gewissenhaft urteilende Beobachter wird aber gerade auf Grund der Weizmannschen Aeußerungen das Gegenteil folgern. Man höre die eigenen Worte dieses bedeutenden zionistischen Pioniers: „Die Mehrheit der britischen Offiziere sind innerlich dieser (judenfreundlichen) Politik abgeneigt und bemühen sich auch niemals, die anderen (die Mannschaft oder die Araber) aufzuklären. Dr. Weizmann fühlte bereits anläßlich seiner letzten Anwesenheit in Jerusalem eine „ungeheure Spannung", war sich darüber klar, daß die kleinste Provokation (von welcher Seite?) genüge, einen Brand zu entfachen. Die arabischen Pogromleute rühmten sich öffentlich der „britischen Unterstützung". Dr. Weizmann bezeichnet die Verurteilung Jabotimskis, des Führers der jüdischen Selbstwehr gegen die arabischen Mordbrenner, als eine Ungeheuerlichkeit und einen Justizmord, eine Perversität der britischen Justiz; fürwahr Umstände genug, um die Zuversicht Weizmanns mehr als ungerechtfertigt zu finden. Und worauf stützt sich diese? Auf den guten Glauben, daß schließlich das englische Protektorat den Juden in Palästina Schutz gewähren und solche „schmerzvolle Episoden" wie die letzten Pogroms verhüten werde. Eine noch wankendere Stütze ist die Berufung auf den faulen, bedenklichen Faisul, daß Juden,und Araber zusammen gehören. Wahrlich, dieser Herr Weizmann ist ein unverbesserlicher Optimist. Seine Wiener Parteigenoffen kann man nicht mit so gesundem Tadel entlassen. SV. Geburtstag. Der verdienstvolle Vizepräsident des Jofefstädter Tempelvereins, Herr Ludwig M.edak, Mitglied des Aktionskomitees der vereinigten Wiener Tempelvereine, Besitzer des Cafe Dobner, 6. Getreibemarkt Nr. 1, feierte am 28. April d. I. seinen Sv. Geburtstag. Erst jetzt erfahren wir von diesem Tag und entbieten dem Manne, der für Arme viel tut, der in der Kinderfürsorge Vorzügliches leistet, der vor 40 Jahren schon für jüdische Interessen begeistert arbeitete, unsere herzlichsten, aufrichtigsten und treuesten Wünsche. Wir wollen den 70 er und 80 er mit Freund Ludwig M e d a k in gleicher Frische und Kraft feiern. Jüdischer Schulverein für den 9. Bezirk. Seit Dezennien sorgt dieser Schulverein für einen gediegenen Unterricht im heiligen Schrifttum für Hunderte von Kindern, Unbemittelte unentgeltlich. Nur mit der größten Anstrengung war es bisnun möglich, dank dem Wohlwollen der Mitglieder und Gönner die Schule zu erhalten. Die katastrophale Geldentwertung hat genötigt, die Bezüge der Vereinsangestellten und Lehrer entsprechend zu erhöhen, auch die anderen Ausgaben sind aufs 10-50fache emporgeschnellt; das Schulgeld deckt kaum 10 Prozent der Einnahmen, da zirka 80 Prozent der Schüler unentgeltlich unterrichtet werden. Der Vorstand richtet deshalb an alle Mitglieder und Freunde die dringende Bitte, durch größere Zuwendungen und durch Gewinnung neuer Förderer zu helfen, damit dieses Werk erhalten und weiter ausgebaut werden könne. Die Pesach-Ausspeisung des Vereines „Einheit". Wir stehen vor Schewouth und berichten erst über die Pesach-Ausspeisung der „Einheit". Es sind doch nicht Echrogim nach Sukkoth. Erst jetzt wurde die Verrechnung der Pesach-Aktion fertig und so können wir mit Zahlen beweisen, was dieser Verein wieder geleistet hat. Die Summe der verabreichten Mahlzeiten zu Pesach betrug 20394. Die Kosten waren 255519*82 K. Für Mazzot allein wurden 12190 K. ausgegeben, für Kartoffel und Gemüse 45060*95 K., für Eier 32000 K. Das sind horrende Ziffern, die aber besagen, daß die „Einheit" den Forderungen des Ritus und der Humanität in vollstem Maße gerecht werden wollte und gerecht ward, wie der Dank der Ausgespeisten überall kundgab. Die „Einheit" hat nicht nur, wie im Vorjahre in ihren Hallen ausgespeist, sondern auch allen kranken, in den hiesigen Spitälern untergebrachten jüdischen Soldaten, welche Pesachkost verlangten, das Essen in Thermophoren zugeschickt. Die „Einheit" hat es durch ihre im allgemeinen Krankenhause befindliche Küche dem Krankenverein ermöglicht, sämliche jüdische Kranke der Wiener Spitäler mit Pesachkost zu versehen. Endlich schickte sie den jüdischen Pfleglingen des Lainzer Versorgungshauses täglich Mittag und Abend mit Lastautos während der ganzen Pesachtage warmes Essen. Was die armen Insassen dieses Heimes durch diese Fürsorge der „Einheit" Gutes empfingen, besagten deren Dankesworte und Tränen. Paradiesestage nannten sie diese 9 Tage und Bitten um andauernde jüdische Aufsicht bestürmten die Geber. Die Pesach-Aktion der „Einheit" war eine Ruhmestat. Darum muß man allen Faktoren danken, die dafür gewirkt. So dem holländischen Mazzothkomitee und dem Joint für große materielle Unterstützung, so der Kultusgemeinde Wien, die einen Teil der Lainzer Kosten tragen wird. So der Familie des Herrn Rabbiners Moritz Lewin und Frau Helene Jacob, welche fürsorglich, umsichtig und voller Herz die Versorgung in Lainz versahen. So dem genialen Oekonomen Adolf Fischer für die mustergiltige Organisation, den Herren Bernhard und Max Hofbauer, die beide voll Eifer die Initiative zum Guten geben. Ein interessanter Glaubeuswechsel wurde als ungewöhnliches Ereignis in der slowakischen orthodoxen Kultusgemeinde Kolta besprochen. Dort meldete sich ein christkatholisches Mädchen, das in angesehener Stellung ist, beim Ortsrabbiner zum Zwecke des UebertritteS zum Judentum. Das Aufsehen, hervorgerufen durch diesen

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