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Die Wahrheit · 1920-05-26 · Heft 7 (26.5.1920) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 7 (26.5.1920)
Date
1920-05-26
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 Die Wahrheit Nr. 7 Bezüge, eine nur aus der Revolutionszeit zu erklärende Erscheinung, wobei die Berechtigung der Klagen aller Angestellten hervorgehoben sei. Es gab durch Tage in der Kultusgemeinde keine Autorität Und keine Ordnung. — Durch die Plenarsitzungen vom 11. und 14. Mai kam endlich ein technisches Kompromiß mit den Züdischnationalen zustande, das folgenden Effekt hatte: 1. Sämtliche Angestellte der Wiener Kultusgemeinde sind den Staats-, beziehungsweise Kommunalbeamten grundsätzlich gleichzustelleu nach Maßgabe eines Schemas, das von einer paritätischen Kommiffion zu vereinbaren ist. Dieselbe wird ermächtigt, bis zu einem Betrage von zweieinhalb Millionen zu gehen. Eine Ueberschreitung dieser Summe ist ohne eine neuerliche Zustimmung des Plenums nicht möglich. 2. Es wurde bei der Bodenkreditanstalt ein Betrag bis zu fünf Millionen Kronen unter,der Restriktion der Möglichkeit jederzeitiger Rückzahlung genehmigt. 3. Die sofortige Ausschreibung der Wahlen würde genehmigt und olls Wahltag Sonntag, der 27. Juni 1920 festgesetzt. 4. Zur Führung der Geschäfte, die jetzt besonders die Durchführung der Wahlen die Aufnahme der Anleihe und oie Befriedigung der Angestellten betreffen, wurde das Präsidium neu konstituiert. Präsident wurde Hofrat Dr. Benjamin Rappaport, erster Vizepräsident Dr. Jakob Engel, zweiter Vizepräsident Abgeordneter Robert Stricker. Es ist also Friede in der Kultusgemeinde. Die Jüdischnationalen haben einen sichtbaren Erfolg. Unsere Herren Vorstände haben ihnen diesen Sieg erleichtert durch unzeitgemäßen Eigensinn, durch lässiges Besuchen der Plenarsitzungen und durch stete Eigenbrödelei einzelner. Bei den bisherigen Kultusvorständen herrscht keine Parteidisziplin, kein festes Zusammenhalten. Den Angestellten gönnen wir voll den Erfolg. Es sind schwere Zeiten, die wir alle durchleben, und wo alle für das nackte Durchhalten kämpfen müssen, sollen, die Angestellten Mischer Institutionen nicht Zurückbleiben. Der abtvetende Vorstand hinterläßt aber seinen Nachfolgern große Aufgaben. Die Verwaltung und die Finanzen sind zu regeln. Das Statut der Gemeinde muß modem gestattet werden. Es wird gerade der besten Männer bedürfen, um die Wiener israelitische Kultusgemeinde wieder zu heben. Nicht Redner, sondern Arbeiter und Männer, die sich stets ihrer Verantwortung bewußt sind, müffen in dieKultusstube kommen. Höchste Zeit zur Arbeit! Der gewaltige Krieg, welcher die ganze Wett erschütterte und alle bisherigen Wertungen über den Haufen warf, hat auch bei uns Juden Gestnnungsänderungen gezeitigt, welche, wenn in die Tat umgesetzt, uns nicht nur der Sorge für die Zukunft unserer Kinder entheben könnten, sondern auch bei der anderen Bevölkerung guten Eindruck hervorbringen würden. Die mächtige Entente hat unseren Staat aus der Bahn seiner langjährigen Geschichte geschleudert, hat ihn auf ein kleines Häuflein von 6 bis 7 Millionen Menschen reduziert, entblößt von allen materiellen Hilfsquellen und Naturschätzen. Haben wir schon bis zum Kriegs- Leginne die geistigen Arbeiter schwer kämpfen gesehen, um ihr Auskommen zu finden, wieviel mehr jetzt, wo eine ganze Reihe von geistigen Proletariem durch die Auflassung unserer Armee hinzugekommen ist. Da kann eben nur durch die manuelle Arbeit des einzelnen diesem selbst und dem Staate als ganzem geholfen werden. Vor allem müffen wir Juden vorbildlich sein und der ganzen Bevölkerung mit gutem Beispiele vorangehen. Nicht in den Kaffeehäusern, nicht vor der Börse wollen wir unsere Zeit, die große Forderungen an uns stellt, tot schlagen, auch wollen wir nicht mit Schwärmereien unsere teuere Zeit vergeuden. Wir wollen als die autochtone Bevölkerung Deutschösterreichs an die Arbeit gehen, um uns selbst und dem Staate, in dem wir wohnen, in dem schon unsere Eltern für die Gleichberechtigung mit Feuereifer gekämpft, gelitten und gearbeitet haben, zu nützen. Es wäre also an der Zeit, daß eine Gruppe von Männern unter Aussicht der Kultusgemeinde sich bildet, die sich der Aufgabe unterziehen soll, Arbeitsstätten zu errichten, um unsere Jugend, die die Schulen verläßt, dort sofort einzustellen. Unter Weisung von tüchtigen Handwerkern sollen Schneider, Schuhmacher, Schlosser, Tischler, Anstreicher, Spängler, Maler, Uhrmacher, Goldarbeiter, je nach Talent vollkommen ausgebildet werden; dabei soll darauf besonders geachtet werden, daß diese Lehrlinge in ihrer freien Zeit vom jüdischen Geiste erfüllt werden, weshalb auf die Pflege der jüdischen Geschichte und Literatur besonderes Gewicht gelegt werden soll. Wie das amerikanische „Joint" unsere Kinder in lobenswerter Weise heute mit Nahrungsmittel versieht/ wirdes hoffentlich auch die zu errichtenden Arbeitsstätten mit Rohmaterial versorgen (entgeltlich). Unsere Exporteure werden gewiß gerne die von jüdischen Kindern erzeugten Waren im In- und Auslande abzusetzen trachten. Der Staat selbst, der jetzt seine sichere Hilfe von der vollkommenen Ausnützung der manuellen Kräfte seiner Staatsbürger erwartet, dürfte sicherlich dieser Neugründung das größte Vertrauen entgegenbringen und sie nicht nur ausgiebig subventionieren, sondern auch im Staate frei gewordene Ubikationen zur Verfügung stellen. Also auf zur Arbeit! Straßberg. * Diesen Aufruf unseres wackeren Freundes, deS Herrn Jakob S. Straßberg, legen wir besonders dem Verein zur Unterbringung jüdischer Lehrlinge, an deffen Spitze jetzt der Börsenrat Leopold Langer steht, ans Herz. Nur durch Arbeit werden wir alle gesunden. Tirrtettarrb und Kousorte». Während in Budapest eine gewisse Sorte unverantwortlicher Demagogen sich in den heftigsten Ausfällen gegen die ungarischen Juden ergeht und ihnen jede Berechtigung, sich als Ungarn fühlen zu dürfen, absprechen will, gehen die ungarischen Juden ruhig und unentwegt ihren Weg weiter. Wie sie ihre angebliche Agitation gegen Ungarn betreiben, ist Mch aus den Nachrichten ersichtlich, die aus Amerika über die Tätigkeit dort weilender ungarischer Juden zu uns gelangt sind. Der vierzehnjährige Sohn des Erzsebetfalvaer (ein Vorort Budapests) jüdischen Kantors Turteltaubhält den freien Bürgern der United States Vorträge über Ungarn, in denen er die große Not, das Elend der

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