Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 7 (26.5.1920)
- Date
- 1920-05-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Gerte 6 Die Wahrheit Nr. 1 Dulderdasein, die das Schicksal so vielen unserer jüdischen Brüder auferlegt — wie blitzt dann in heitrem Zorn aus jüdischen Augen der Funke vom Sinai! Zu lichter Glut bläst jetzt den Funken an eine traumhafte Mär. Ein Flammenmeer begeisterten Jubelbei den einen, den Jungen. TränenerstickteS, bebendes, heißes GlückSempfinden und wortloser Dank an den Gott der Väter bei den Alien. „Das Land, das uns allen heilig, eS soll zu neuer Blüte erstehn!" Der Boden, über den unsere Größten geschritten! Die Höhen und Täler, denen die Sonne Davids und JesajaS scheint! Das Land, dem, unberührt von der Parteien Haß und Gunst, die innige, fromme Liebe jedes Juden gehört, in dem nicht erstickt ist der Sinaifunke! Unser Dornröschen hat seinen Prinzen, seinen Erwecker gefunden! Großes geschieht vor unserenAugen. Im Tiefften erschüttert stehen wir davor, wie unsere Väter vor dem flammenden, donnerbebenden Sinai! „Naaffeh wenischmo." Dawaren die einzigen Worte, die fie fanden. „Die Tat ist stumm, der Gehorsam blind!" Wo Gott spricht, ziemt dem Menschen Schweigen. Taten sollen für unreden. „Naaffeh." Mittun soll und muß ein jeder von uns an dem erhabenen Werk, der schweren Aufgabe, die unjetzt die Weltgeschichte stellt. „Wenischmo!" Freudig gehorchen dem Ruse her Stunde. Wem das Herz versagt und der Atem nicht reicht für die Höhenluft der großen Politik, wer nicht als Leiter mittun kann am Bau, einen Stein ins Ganze za fügen, ist eine Pflicht, für keinen von uns zu schwer, eine Forderung, der niemand, nicht Mann, nicht Frau, nicht Jugend noch Alter sich entziehen darf. Schowuauwar einst daS Fest deS Dankefür den Besitz des Landes der Verheißung. Eigenhändig trugen die Wallfahrer, von weit und breit herbeigeströmt, der König voran, die „Bikkürim" zum Tempel hinauf. Erstlinge jener sieben Pflanzenartei^ in denen die Furchtbarkeit des heiligen Bodens zum Ausdruck kam. „Eigenhändig", so betont die Tora mit allem Nachdruck, soll gerade diese Gabe sein. Ein SchowuauS mit Tempel, Wallfahrern und Erstlingsgaben bleibt der Zukunft Vorbehalten. Aber schon in diesem Jahre, dem ersten, in dem wieder der jüdische Name genannt wird über dem alten Judenlande, fordert Schowuaus, selbst im GoluS, von uns eigenhändige Leistung für Erez Jisroel. — „Bikkürim", Erstlinge, einen Anfang, eine Tat von jedem, ein Aufflackern des Sinaisunkens! Dr. Grunwald. Stricker, Aunschak & Comp. Die Früchte der jüdischnationalen Bewegung beginnen zu reifen. Unmittelbar nach dem Zusammenbruche, als die gesamte öffentliche Beamtenschaft Deutschösterreichs auf die neue republikanische Ordnung vereidigt werden sollte, wurden zahlreiche jüdische Staatsbeamte bei den Eisenbahnen, bei der Post, ja, selbst jüdische Professoren der Wiener Hochschulen de-halb von der Vereidigung ausgeschloffen, weil ihre Vorgesetzten der Meinung waren, daß der sogenannte jüdische Nationalrat, der sich damals gegen den Willen der ungeheuren Mehrheit der österreichischen Judenschaft die Autorität einer jüdischen Gesamtvertretung gegenüber den Behörden angemaßt hatte, tatsächlich die oberste Führung der österreichischen Judenschaft in der Hand hatte und daß seinen Weisungen jeder Jude Folge leisten müsse. Dieser falschen Anschauung ist von berufener Seite entgegengewirkt worden und es ist damals gelungen, zahlreiche jüdische Beamte in ihren Stellungen zu erhalten. Seither hat der jüdische Nationalrat, der von niemandem gewählt, von niemandem legitimiert ist und dessen Versuche, einen jüdischen Kataster aufzustellen, kläglich gescheitert sind, seine Anmaßung weitergetrieben und sich immer mehr als das Sprachrohr und die geeichte Vertretung aller jüdischen Interessen in Oesterreich aufgespielt. Nachdem es gelungen ist, den Ingenieur Stricker durch die Eigenart der Verhältnisse, die sich in der Leopoldstadt herausgebildet hatten, in den Nationalrat zu bringen, hat die Verwirrung weitere Fortschritte gemacht. Die Forderung nach Anerkennung einer eigenen jüdischen Nation in dem deutschen Einheitsstaate Oesterreich ist auf der parlamentarischen Tribüne erhoben und von unseren geschworenen Feinden, den Christlichsozialen und Deutschnationalen, mit Jubel begrüßt worden. Die vereinigten Antisemiten haben aus dieser Forderung auch sofort die volle Konsequenz gezogen. Sie haben sich bereit erklärt, eine eigene jüdische Nation anzuerkennen, doch sollen gegen diese AusnahmSgesetze in weitestem Maße angewendet werden. In einer großen Antisemitenversammlung in der Volkshalle des Rathauses erklärte der. derzeitige christlichsoziale Parteichef, Abgeordneter Kunschak, schon vor Monaten, daß die Juden tatsächlich Fremdlinge in diesem Staate seien und danach behandelt werden müffen. Ein Gesetzentwurf wurde angekündigt, durch welchen alle Juden in einen Zwangskataster verwiesen und von allen öffentlichen Aemtern ausgeschlossen werden sollen. Gewerbekonzessionen sollen Juden nicht erteilt werden, die Zulaffung jüdischer Kinder zu den öffentlichen