Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 7 (26.5.1920)
- Date
- 1920-05-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Die Wahrheit Nr. 7 erfüllen und wird zum Endziel noch Jahrtausende brauchen, denn die Durchsetzung auch nur einer Idee, wie zum Beispiel die der.individuellen Freiheit, braucht viele Menschenalter. Aber in den Wegen der weltbeglückenden Jude» wandelten stets nur wenige und die Wüstenwanderung durch 40 Jahre ist das ^Symbol der Leiden und Irrungen, die sittliche Ideen bis zu ihrer vollen Erfüllung zu bestehen haben. Das Judentum also lebt und wird leben und braucht nicht den kleinen und geringen Vorstand der Wiener israelitischen Kultusgemeinde zu fürchten und nicht die Hilfe der wackeren Wiener Jüdischnationalen anzurusen. Es ist eine Blasphemie, eS ist eine Entwürdigung des erhabenen Begriffes und Wesens der Judentums, es beim Wahlkampfe in den letzten Zügen legend darzustellen, und es ist eine Ueberhebung, die Jüdischnationalen als heilbringende Retter anzurufen. Auch wir geben zu, daß der bisherige Vorstand der Wiener Kultusgemeinde vieles getan hat, was ihm, daS ist dem Vorstände selbst, geschadet hat. Dem Judentum werden aber weder die jetzigen, noch die künftigen Vorstande der Wiener Kulturgemeinde schaden. Das Judentum lebt und wird leben trotz der Jüdischnationalen. Wenn jemand, so wären sie es imstande zu schädigen, und zwar durch ihre Lehren und ihr Tun. Aber sie sind nur eine vorübergehende Erscheinung, eine Nachäffung fremder Gebräuche und fremder Worte. Solche kleine, aber laute Schadensstister hat das jüdische Volk schon in Menge erlebt und sie sind zuschanden geworden und werden wieder zuschanden werden. Die Jüdischnationalen erfassenwie wir schon gesehen haben, garnicht Wesen und Inhalt des Judentums, denn sonst dürfte der laute Verkünder nationaler Herrlichkeit daS Judentum nicht so tief einschätzen, daß eS durch wenige Wiener Juden getötet und. vernichtet und durch junge Lärmmacher gerettet werden könnte. Das Wesen des Judentums ist die Religion, daS heißt die tiefe Gebundenheit an ein höheres Walten, das im Innern wurzelnde Vertrauen auf ein gütiges mck gerechtes Urteil, das stets lebendige Gewissen und Wissen des Guten. Die Riten und Zeremonien sind die Ranken, an denen die Erziehung zur Religiosität anknüpst, sie sind die Mittel, um unseren menschlichen Begierden. Hemmungen aufzuerlegen. Sie bewahren u»S vor eitlem Materialismus, sie sind auch für den höchst gebildeten Menschen die Hilfsmittel gegen Ueberhebung und Eitelkeit. Die Jüdischnationalm sind nicht religiös, haben - also nicht das innerste Wesen des Judentums erfaßt. Sie find nicht religiös, well sie das nationale Prinzip zum Hauptmotiv ihrer Handlungen machen. National ist ihnen völkische Zugehörigkeit, ist ihnen das physische Band des Volkstums. Sie übersehen die Geschichte und Entwicklung der Juden in den einzelnen Wohnorten, sie übersehen, daß Klima, Boden, Erwerb und die Kultur des Wohlstandes auf die psychische Gestaltung großen Einfluß haben. Darum setzen sie politische Forderungen für die Juden, die für diese nicht passen. Sie sehen alle Juden als eine Einheit an, aber sie fordern für sie verschiedene politische Stellung. Wollen sie dasselbe Recht für die Juden Argentiniens und Nordamerikas wie für die Juden Oesterreichs? Nein, sie sind also in ihren Folgerungen im Gegensatz zu ihrem Prinzip und sie achten vor allem nicht darauf, daß die Juden vor allem eine religiöse Einheit sind. Von dieser Erkenntnis aus ist alles zu formulieren, was für Juden und Judentum von Wert und Gewinn ist. Politisch und staatlich sind wir Oesterreicher, wie der amerikanische Jude Amerikaner und der englische Engländer und der argentinische Argentinier. Wer dies nicht anerkennt, ist umser Gegner, mag er Kunschak heißen oder Stricker. Beide wollen die Juden in Oesterreich zur gesetzlichen Minorität machen, obzwar sie nur eine konfeffionelle Minorität sind, stattlich aber vollkommen gleich. Die Jüdischnationalen können, weil sie nicht das Wesen des Judentums verstehen, weil sie nicht religiös sind, weil sie die politische Stellung des Judentums mindern, nicht wertvolle und fördernde Vorsteher der Wiener israelitischen Kultusgemeinde sein, denn deren Aufgabe ist es, die religiösen Bedürfnisse der in Wien lebenden Juden zu befriedigen. Weiter nichts. Die Wiener israelitische Kultusgemeinde hat auch Wohltätigkeitsressorts. Diese sind ihr aus Stiftungen zugewachsen. Wie aber die Chewra Kadischa nicht zum Inhalte der Kultusgemeinde gehört, so gehören auch nicht das Rothschildspital und das Versorgungshaus zur eigentlichen Agende der Kultusgemeinde. Es gehören zu ihrem Wirkungskreis wohl die Schechita, Mikwah und das Beerdigungswesen, aber nicht die Kinderfürforge. Für viele, sehr viele ihrer Aufgaben sollte und müßte der Staat ebenso sorgen, wie für die Katholiken; für viele ihrer Betriebe müßte und sollte eine eigene Verwaltung bestehen. Die Wiener israelitische Kultusgemeinde ist eine Einrichtung zur Befriedigung der religiösen Bedürfnisse der Wiener Juden und für diese Aufgabe müssen bald neue Männer gefunden werden. Die alten haben sehr viel Unterlassungen zu entschuldigen, aber alle haben im besten Wollen gehandelt. Zu eliminieren sind von den früheren alle jene, die wohl Kultusvorstände hießen, es aber in der Tat nie waren, weil sie nie oder selten kamen. Auch jene