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Die Wahrheit · 1920-05-12 · Heft 6 (12.5.1920) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 6 (12.5.1920)
Date
1920-05-12
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Die Wahrheit Nr. 6 sind. Taktische Gründe bewogen die Juden in Böhmen, Mähren und Schlesien Heuer national zu wählen. Früher hatten sie vornehmlich deutsch gewählt. Nach dem Umsturz und der BUdung der tschechoslowakischen Republik war dies nicht mehr möglich. So gingen sie für die erste Zeit des neuen Staates ins nationale Fahrwasser. Das Gleiche geschah in der Slowakei, wo die Juden früher magyarisch gewählt halten. Die nationale Liebe wird jetzt vorüber sein. Hätten aber kluge Politiker die Wahl beeinflußt, so hätte man mit 80.000 Stimmen andere. Parteien beeinflußen und wirklich jüdische Mandatare erringen können. Der Schaden für die Juden in der Tschecho-Slowakei ist groß. Bei der Beratung über den Wiederaufbau des Staates sind sie ohne Vertreter. Die tschechoslowakischen Juden sind ohne Mandat im Senat und in der Kammer der Republik. Das wird ein politischer, wirtschaftlicher und kultureller Schaden sein. Sie können sich bei den Nationalisten bedanken. Die Not der Wiener Kantoren. Vor uns liegt ein langer Beschwerdebrief aus dem Kreise der Wiener Kantoren, der sich mit dem durch die jetzigen Verhältniffe. bedingten, wahrhaft trostlosen wirtschaftlichen Tiefstand dieser Berufsklaffe beschäftigt und in seiner Schilderung ein ergreifendes Bild entrollt. Wir können aus dieser traurigen Epistel heute nur ein Kapitel herausgreisen, das die Kantorengebühren bei Leichenbegängniffen behandelt und tatsächlich raschen Wandel dringend fordert. Als krasses Beispiel sei erwähnt, daß die dem Kantor zugemeffene Gebühr bei einem Leichenbegängniffe IV. Klasse 6 K. und — man höre — daß ca. dreifache bei der I. Klaffe beträgt. Für die Fahrt erhält er 5 K. Diese Bemessung stammt aus der guten alten Zeit, in der der Tramwaytarif die Friedhoffahrt mit 60 Heller tour und retour sestlegte. Heute kostet die Elektrische 5K., es erübrigt also aus diesem Titel nicht ein Heller. Daß der Kantor aber bei den Sechskronensporteln tatsächlich draufzahlt, ergibt sich aus dem Umstande, daß er der Weihe des Ortes und Anlasses entsprechend stets würdig in seiner Erscheinung sein muß. Bedenkt man was jetzt ein reiner Halskragen und das Rasieren kostet, dann wird man leicht berechnen können, daß die Sechskronensportel zu einer Unterbilanz führt und nach der alten Tradition damit gerechnet wird, daß dem Kantor ein Geschenk gereicht werde. Diese Gepflogenheit verträgt sich weder mit dem Standesbewußtsein noch mit der Pietät, die bei Trauersallen nicht verletzt werden sollte. Es ist aber auch der Friedhof kein Ort, an Entschädigung von Seiten der Leidtragenden zu denken. Unseres Erachtens wäre die Kanzlei des FriedhofamteS, wo die Kosten der Beerdigung bestimmt werden, die geeignete'Stelle, die Gebühren der Kantoren zeitgemäß zu regeln, denn aus das System des Trinkgeldes wollen selbst die Tramwayschaffner nicht mehr eingehen. Unseres Wissens steht der Kultusoorstand dieser Frage sympathisch gegenüber, aber . . . Die Sitzungen sind in der Regel beschlußunfähig, denn die Opposition hat nur ihre Wahlsorgen im Kops und wie man verhindern kann, daß ein Vizepräsident gewählt werde, um dann mit Bewußtsein zu verkünden, daß die Sitzung durch Absentierung der Opposition beschlußunfähig geworden. Und doch harrt eine Reihe dringender sozialer Angelegenheiten der Erledigung. Allen, ob Kantoren, Lehrern oder Beamten, soll und muß geholfen werden. DaS mitfühlende Herz und der gute Wille sind bei allen Persönlichkeiten, die in dieser Frage mitzusprechen haben, gewiß vorhanden. Aber der zur Erzielung des angestrebten Zieles einzig gangbare Weg will sich noch nicht zeigen. Hier könnten die jüdischnationalen Vertreter in der Gemeindestube positive Arbeit leisten und mithelfen, diesen Weg zu finden. Absentierung von Sitzungen und Reden in Streikversammlungen .allein tun's nicht ... Wiener Bet-hawidrasch, Wien, 2. Bezirk, Ferdinandsstraße 23.VorlesungenimSommer- S e m e st e r 1920: Sonntag 6—7 Lektor Dr. Rubin: Midrasch. Montag 6—7 Lektor Dr. Rubin : Talmud. Montag 7—8 Rabbiner Dr.Kaminka: MoreNebuchim. Dienstag 6—7 Rabbiner Dr. Feuchtwang: Jesaja. Dienstag 7—8 Rabbiner Dr. Feuchtwang: Pesikta. Mittwoch 6—7 Lektor Dr. Gelbhaus: Samuel. Mittwoch 7—8 Rabbiner Dr. Kaminka: En Jakob. Donnerstag 6—7 Rektor Dr. Schwarz: Mischna. Donnerstag 7—8 Rabbiner Dr. Kaminka: More Nebuchim. Samstag 11—13 Lektor Dr. Rubin: Parascha der Woche. Samstag 4—5 Rabbiner Dr. Kaminka: Pirke Aboth. Freunde der jüdischen Wissenschaft werden gebeten, durch Mitgliedsbeiträge und Stiftungen zur Erhaltung des Bet-Hamidrasch beizutragen. Zuwendungen sind an die Bank- und Wechselstuben A.-G. „Merkur", 1. Bezirk, Wollzeile Nr. 1 für die Sammlung zu Gunsten des Bet-Hamidrasch zu richten. . Ein jüd. Advokatenkammer-Präfident. Die Sache wäre nicht Aufsehen und Aufregung verursachend, wenn sie nicht im „erwachenden Ungarn" vorgefallen wäre. Die Erlauer Advokatenkammer hat nämlich vor kurzem in ihrer abgehaltenen Generalversammlung einhellig den dortigen Advokaten Dr. David Alföldi, der sich als Rechtsgelehrter, Publizist und forensischer Redner einegroßen Rufes erfreut, zum Präsidenten der Advokatenkammer gewählt. Dr. Alföldi ist ein selbstbewußter Jud'e, der nach dem Sturze der Proletarierdiktatur unseligen Angedenkens in einer Broschüre über die Judenfrage die angegriffenen ungarischen Juden verteidigte. Jedenfalls kann Dr. Alföldi kein alltäglicher Mensch sein, wenn er in den heutigen Zeiten in einer katholisch fühlenden Stadt wie Erlau, in der sich auch so viele angesehene und ausgezeichnete katholische Advokaten befinden, einstimmig zum Kammerpräsidenten gewählt wurde. Seine überragende Bedeutung zeigt sich auch darin, daß er in ein einer Zeit, wo es unter deck Horthy- und Friederichregime ein Spiel um das eigene Leben bedeutete, sich zum Judentum zu bekennen, diesen persönlichen und Moralischen Mut aufbrachte; ein rühmlicher Gegensatz zu den Opportunisten, die ihr Heil und Wohl in der Flucht aus dem Judentum suchen. Vielleicht war es eben dieser unbeugsame Mannesmut, der seine Kollegen mit anerkennender Achtung erfüllte, sie zu der Wahl verünlaßte und so den Beweis erbrachte, dgßMur dem Charakter die führende Stellung gebühre.

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