Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 6 (12.5.1920)
- Date
- 1920-05-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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M> » ■■■! I I »I, ■h l’nan HIBM Nr. 6 Die Wahrheit Seite 9 der kommenden Kultuswahlen das Verlangen gestellt, daß dieser Partei gemäß ihrem Zahlenverhältniffe eine eigene Kandidatenliste, gebühre und wenn ste an den Kahaljuden gelegentlich Kritik üben, so geschieht dies gleichwohl in einem gemäßigten Ton. Dagegen wollen die Orthodoxen das Eindringen der Jüdischnationalen in die Gemeindestube als eine Gefahr für den Geist der gesetzestreuen Juden und das Judentum im allgemeinen mit aller Entschiedenheit bskämpfen und vereiteln. So heißt es in dem letzten Artikel der I. K.: „Im Gegensätze zu den heutigen Machthabern in der Kahalstube, die zumindest in letzter Zeit die, Seelen der Glaubenstreuen in Ruhe ließen, gehen die Nationalisten gerade auf die Seelen in erster Linie los. Sie wollen ja ein neues Judentum, nach ihrem Modell, schaffen, „lau 8cliöurim abau88enu"; sie wollen das religiöse Moment im Judentums in den Hintergrund schieben und dem nationalen die Priorität verschaffen. Sie werden sich nicht mit einer passiven Taktik den religiösen Dingen gegenüber begnügen, sondern aktiv und — was besonders bedenklich ist — aggressiv austreten. Die offizielle Kultusgemeinde in nationalistischen Händen, insolange die Trennung nicht möglich ist, bedeutet für die Orthodoxie einen Kampf auf Tod und Leben." Dazu muß bemerkt werden: Wenn die Jüdischnationalen das Wirken und Streben der Kahaljuden und der vielgeschmähten Affimilanten durch die Parteiprefse und in terroristischen Versammlungen als verhängnisvoll für unsere Gemeinde in der Oeffentlichkeit glaubhaft machen wollen, die Orthodoxen aber, die zwar nicht in allen Stücken das gutheißen, was von dieser Seite geschieht, solche aber gleichwohl für unverhältnismäßig bester als die Jüdischnationalen betrachten, wie arg muß es um die Qualität der letzteren stehen und welche Gefahr würde ihre Geltendmachung im Gemeindevorstande nach sich ziehen, wenn die Orthodoxen, welche die Angelegenheit bloß vom religiösen Standpunkt betrachten, eine solche Eventualität als Katastrophe für die jüdische Allgemeinheit hinstellten. Mit dieser Wahrheit muß sich jeder befreunden, dem das Wohl und die Zukunft unserer Gemeinde am Herzen liegt und von diesem Gesichtspunkte in den bevorstehenden Wahlkampf eintreten. Von Nah und Fern Dr. Markus Spitzeres s. A. Montag, den 10. d. M. fand im Gemeindetempel, 1. Seitenstettengasse, eine Trauerfeier für Dr. Markus Spitzer statt, die unter überaus großer Teilnahme abgehalien wurde. Die Gedenkrede hielt Herr Rabbiner Dr. I. Tag licht, der in schwungvollen Worten die Verdienste des Hingeschiedenen um die Kultusgemeinde und ganz besonders um die Chewra Kadischa erläuterte. Den kantoralen Teil der Feier leitete Herr I. Kantor Mätyäs. Eine erhebende Trauerfeier für den Verblichenen ist bereits am 26. v. M. im Huldigungstempel in der Pazmanitengasse vorausgegangen, bei welchem Anlasse Herr Rabbiner Dr. S. Funk in der Gedenkrede die hervorragenden Eigenschaften deS Hingeschieden im allgemeinen und für den Leopoldstädter Tempelverein in besonderem in tiefempfundener Rede zum Ausdruck brachte. Die kantorale Funktion versah Herr Oberkantor I. Giblichmann. Kundgebung des Wiener Kultusvorstandes, betreffend die Verhältniffe in Ungarn: Der Vorstand der Wiener israelitischen Kultusgemeinde lenkt die Aufmerksamkeit der gesamten Kulturwelt auf die gegen die Juden Ungarns unter Duldung der Behörden haupsächlich von im Dienste des Staates stehenden Offiziersdetachements und Brachialformationen verübten Greuel, sowie auf die Verfolgungen, denen die jüdische Hochschuljugend ausgesetzt ist, welche es ihnen unmöglich machen, ihren Studien in der Heimat zu obliegen, und sie zwingt, ins Ausland auszuwandern. Diese Kulturschande kann unmöglich die Billigung der zivilisierten Welt finden. Das stillschweigende Gewährenlaffen der kulturwidrigen Vorgänge in Ungarn bildet eine eminente Gefahr für den Frieden der ganzen Welt und wirkt — wie die jüngsten Vorgänge an der Wiener Universität beweisen — anspornend auf alle Feinde einer friedlichen Entwicklung, ungestraft das Gleiche zu tun wie in Ungarn. Der Vorstand der Wiener israelitischen Kultusgemeinde protestiert mit aller Entschiedenheit gegen den Versuch, die jüdischen Hörer von der Wiener Universität auszuschließen und appelliert an die österreichische Regierung, dem Uebergreifen des Budapester Kurses nach Oesterreich unverzüglich Einhalt zu gebieten, ruft aber auch das Gewissen der Mächte an, den den Friedensbestrebungen der ganzen Welt hohnsprechenden kulturwidrigen Vorgängen in Ungarn ein Ende zu bereiten. Die Wahlen in -er Tschecho-Slowakei. Sowohl die Wahlen in die Kammer, wie in den Senat der tschechostowakischen Republik sind nun abgeschlossen. Etwa 400.000 Juden wohnen daselbst. Sie werden in beiden gesetzgebenden Körperschaften ohne jede Vertretung sein. Die Jüdischnationalen haben gegen 80.000 Stimmen auf sich vereinigt, das ist ein Fünftel aller jüdischen Stimmen. Das ist sehr viel und dennoch war kein Erfolg zu erreichen. Worin die Ursachen lagen, sagt ein Bericht des in Wien erscheinenden Bruderblattes „Jüdische Korrespondenz" vom 30. April. Dieser Bericht beschuldigt die Jüdischnationalen der ausschließlichen Mandatspolitik. Sie seien gar nicht auf das Wohl der Gesamtheit bedacht. Das sind schwere Vorwürfe. Sie werden begründet durch Feststellung einiger Tatsachen. Die Nationalisten nannten sich „Vereinigte jüdische Parteien" und hatten nicht einmal die Poale Zion, die Arbeiterpartei, hinter sich. Die organisierten Orthodoxen in der Slowakei gingen nicht mit den Nationalisten, auch die deutsch-jüdischen und tschechisch-jüdischen Parteien gingen ihre eigenen Wege. Die „Bereinigten jüdischen Parteien" führten diesen Titel ohne Berechtigung. Es kann auch in Wien der Nachweis geführt werden, daß die Jüdischnationalen auf Genauigkeit und Berechtigung in ihrem Auftreten kein Gewicht legen. Ferner wird festgestellt, daß trotz der abgegebenen 80.000 Stimmen kaum 8000 Nationalisten im tschechostowakischen Staatsgebiet vorhanden