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Die Wahrheit · 1920-05-12 · Heft 6 (12.5.1920) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 6 (12.5.1920)
Date
1920-05-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Ar . 6 Die Wahrheit Seite? Recht habe, angebotenes Land abzuweisen, und weil ich aus historischen, geographischen und geschichtsphilosophischen Gründen den Erwerb Palästinas als nationale Heimstätte als unmöglich erkannte und erkenne. Ich war auch innerpolitisch im Gegensatz, weil ich die von der damaligen „Jüdischen Volkspartei" propagierte nationale Autonomie stets ablehnte und öffentlich bekämpfte und gerade jetzt auch bekämpfe. Daß mich aber nicht nur Prinzipien von der zionistischen Partei trennten, ist sicher. Abgestoßen haben mich, wie soll ich schönsprachig sagen?, die rustikalen Sitten. Nach dem Prager Zionistentage, dessen Schöpfer ich wohl mit Herrn Dr. Zweigs Erlaubnis sein Lars, kam ich mit solchem Ekel nach Wien, wie ich ihn nie empfunden. Ich rettete mich aber wieder in die Arbeit und war glücklich, die Last des Wiener zionistischen Landeskömitees los geworden zu sein. Brauche ich Herrn Dr. Zweig zu sagen, was dann im Landeskomitee vorging? Für diese Dinge, die mir zu gute kommen, wird er doch noch einmal bei rechtem Besinnen ein Gedächtnis haben. Und wenn er das aufbringt, so muß er das Wort, daß ich mich als Siegelbewahrer Herzls aufspiele, zurücknehmen, denn er sollte wissen, daß ich mich nie mit Herzls Namen gedeckt und nie mit Herz! geprunkt habe. Herr Dr. Zweig hat sich in seiner Polemik gegen mich nicht ganz einwandfreier Worte bedient und kein Gedächtnis bewiesen. Die Stärke des Dr. Egon Zweig liegt in der Statistik. Er kann alle E in einem Aufsatze zählen. So pflegten wir oft zu sagen. Ich will nun im vorliegenden Aufsatze des ehrenwerten Dr. Zweig alle Kraftausdrücke zählen und zusammenstellen. „Anschlag der Offiziellen", „aus erbärmlichen parteitaktischen Gründen", „Entrüstung und Ekel", „diese Gesellschaft", „schäbigste assimilatorische Instinkte", — ich glaube an Zahl und Kraft genug. Daß man auch seine Argumente mit anderen besseren Worten Vorbringen kann, ist klar. Daß man sie aber auch -begründen und einleuchtend machen soll, ist noch wichtiger. Daran mangelt es diesmal bei Dr. Zweig bedenklich. Am bedenklichsten und ohne jeden Beleg ist seine Behauptung, daß ich wiederholt versucht habe, die studentische Jugend gegen die zionistische Partei aufzureizen. Das ist eine unsagbare Erfindung oder Entstellung. Nie habe ich für meine Ideen anders als durch Argumente gewirkt und nie habe ich qufgereizt oder Propaganda gemacht. Herr Dr. Zweig ist sehr schlecht unterrichtet und erzählt Sachen, die keine tatsächliche Basis haben. Gerne höre ich, daß die Jüdischnationalen bald ihr Kultusgemeindeprogramm veröffentlichen werden. Ja, das will ich und mir ist nicht klar, warum das nicht schon geschehen ist. Dann werden wir Richtnationalen objektiv es prüfen und es wird sich zeigen, was die Jüdischnationalen wollen und was wir wollen, und nur der Vortell der Wiener Judenschast, ihr Wohl und Wehe, wird unser Leitstern sein. Wir werdm nur Erreichbares anstreben und es wird sich zeigen, was verschwommen ist und was greifbar, was gewissenhaft und was agitatorisch, was ehrlich und aufrichtig, und was ohne Ernst. Daß unser Programm, daS Programm der Nichtnationalen, gegen die Plutokratie und für Demokratie eintreten wird, deffen sei Herr Dr. Zweig versichert. Gegen die Plutokratie und das System Dr. Stern habe ich gekämpft, und geschrieben und gegen dasselbe werde ich immer sein. Hiebei muß angemerkt und festgehatten werden, daß ich seit meinem Austritt - aus der zionistischen Partei nach Herzls Tode mich an keinem Wahlkamps für die Kultusgemeinde beteiligt habe, daß ich bloß ein- oder zweimal Mitglied der Wahlkommiffion gewesen bin, daß also Herr-Dr. Zweig sich wieder irrte. Daß außer mir noch viele andere tüchtige und bedeutende Männer da- Lager dieses Zionismus verlaffen haben, verschweigt des Gegners Höflichkeit. Heuer trete ich im Wahlkampf führend aus, weil ich die politische Richtung der Jüdischnationalen bekämpfe, wie ich sie 1912 bekämpft habe. Das Alljudentum des Dr. Zweig verstehe ich nicht. Ich muß als Jude das Wesen und Wollen der Ostgalizier billigen? Ich muß dieselben politischen Richtlinien für Wien, Brünn, Krakau und Ostrau ansetzen? Warum und wie? Sind hier nicht andere Verhältniffe als dort? Hat der Ostgalizier nicht eine andere Kulturstufe und eine andere Lebensauffassung und Weltanschauung als wir, die wir seit Jahrhunderten in Währen zum Beispiel ansäffig waren? Wenn Herr Dr. Zweig so alle Juden mit seiner Liebe umfaßt und ihnen den gleichen Ideengehalt zubilligt, warum ist er nicht nachsichtiger gegen die Juden Wiens? Warum überlegt er nicht mit seinen GefinnungSgenoffen, ob sie nicht durch ruhige Belehrung, vorbildliche Führung und urbane Lebensformen, durch Mitarbeit und Befruchtung mit Ideen mehr und eher zum Siege des demokratischen jüdischen Geistes beitragen könnten als durch Kampf, Geschrei, Terror und rüdes Benehmen? Bor allem aber sei eS gesagt, ist ihr alljüdffcher Geist nicht der Geist deS Judentums. Er ist nicht der religiöse Geist, nicht der Ideengehalt deS Judentums. Er baut auf die physiische Zugehörigkeit politische und staatliche Ideen, die von rohen, nicht vergeistigten Ideen der ftemdvölkischen Nationalitätsbestrebungen beeinflußt sind. Nein, mein Alljudentum ist die Verwirklichung

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