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Die Wahrheit · 1920-05-12 · Heft 6 (12.5.1920) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 6 (12.5.1920)
Date
1920-05-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 6 Die Wahrheit Seite 5 Darf ein ernster Mann, dem wirklich nur das Wahl der gesamten Judenheit am Herzen liegt, mit diesem Namen über den Mißerfolg hinwegtäuschen? Muß auch die heilige Sache des Judentums in Palästina hier Gauklern zum Vorwand ihrer agitatorischen Mandatspolitik 'dienen? Wer wirklich ein großes, freies, schönes Judentum will, klagt zwar über eine für immer verschwundene Hoffnung und richtet ein neues Palästina in seinem Innern auf, ein Palästina voll sittlichen Strebens und weisen Handelns. Dr. Kr. Antisemitsche Roheit und Feigheit. Die Wiener Tagesblätter brachten einen Bericht über antisemitische Studentenkrawalle, die fich am 26., 27. und 28. April in Wien abspielten. Nachdem sie einen mit Schmährusen auf alle Juden gezierten skandalösen Straßenzug von der Unviersität bis zum Quai ausgeführt und den Herrn Dr. Erwin Last der Einschmuggelung von Juden in die Schweiz bezichtigt hatten, die gar keine Hochschüler gewesen seien, zogen sie in die Alserstraße in die jüdische Mensa, prügelten dort arme, speisende Studenten und richteten großen Sachschaden an. Diese Studenten erschienen auch in einer vom Antisemitenbund einberufenen Versammlung in der Volkshalle des Rathauses, wo die bekannten Antisemitenhäuptlinge Jerabek, Orel, Ratbauer und Drabauer ihr Unwesen trieben. Nach Schluß der Versammlung machte diese „tapfere" Studentenschar der Polizei Mühe, weiteren Skandal von der'Stadt abzuwehren. Die Wahlen im Jahre 1919 zeigten wohl klar, daß diese Rüdauantisemiten keinen ernsten Anhang besitzen, denn es gelang ihnen ja nicht einmal, einen einzigen Abgeordneten in die verschiedenen Vertretungskörper zu bringen. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, dann stehen wir wieder bereits vor allgemeinen Wahlen. Wenn die Wiener wütenden Antisemiten nun in ihrer Feigheit sich nur gegen arme und schon darum in der Regel unschuldige Juden wenden, dann werden sie mit solch plumpem Manöver wenig Menschen in ihre Netze bekommen. So urteilslos ist nach so langen entsetzlichen Leiden der Not die Volksmenge doch nicht mehr, als es die Judenfeinde wünschen. Sie weiß es beispielsweise jetzt ganz genau, daß die christlich-arische, bäuerliche Habsucht der jüdischen nicht nachsteht. Das Volk hat eS deutlich genug erfahren,. daß es vom christlichen Kleinhändler genau so mißbraucht wird wie vom jüdischen. Solche Wahlvorbereitungen müffen daher ihren Zweck unbedingt verfehlen und wenn es die christlichsozialen und deutschnationalen Vereinigungen nicht sofort und energisch unternehmen, den Antisemitenbund von fich abzuschütteln, dann können sie ein noch entschiedeneres WahlfiaSko erleiden wie das erstemal. Wohl sind Nationalität und ReligionSform noch gewaltige moralische Mächte, sie vertragen aber ihre Steigerung zur Bestialität nicht mehr. Die allgemeine Maffennot machte aber die wirtschaftliche Orientierung zur ersten und wichtigsten Frage. Der Hunger und die Habsucht find bei allen Menschen gleich, es ist daher ein unglückliches Beginnen, den Terror teutonicus mit skandalösen Ueberfällen auf arme, speisende, jüdische Studenten einzuleiten. R. L. * * * Zu dieser tiefbeklagenswerten Erscheinung müffen wir noch unsere Meinung im folgenden äußern: Die Wiener Hochschulen genießen den traurigen Ruhm, jedes Jahr ein- oder zweimal Studentenkrawalle zu haben. Sie richteten fich immer gegen fremdnationale Besucher der Wiener Hochschulen und gingen von den deutschnationalen Verbindungen aus. Jetzt hatten wir Kämpfe der Deutschnationalen gegen die Juden. Es wurde ausdrücklich die Parole gegen die Juden ausgegeben und nach dem Muster der Budapester Universitätsjugend Brachialgewalt in dm Hörsälen, im Univerfitätshof und auf der Universität»- rampe, wie auf der Straße angewendet, eS wurde nach demselben Muster der Taufschein gefordert. War auf der Universität geschah, wiederholte fich auf der Technik, auf der Hochschule für Bodenkultur und für den Welthandel. Ueberall Geschrei, Geschimpfe, Schlägerei. Daß auch dabei Propaganda für die Monarchie und gegen den Sozialismus vorhandm war, ist selbstverständlich, denn der Kampf gilt der Beschränkung und der Unterdrückung von Gleichberechtigung und Freiheit. Die Krawalle sind beigelegt, aber die Forderung nach dem numerus clausus an dm Wiener Hochschulm bleibt Programmpunkt der deutschen Hochschüler. Wir meinen, daß es nun Ausgabe des jüdischen Hochschulausschusses sein muß,, der in diesen schweren Tagen tapfer und mutig für die jüdischm Kommilitonen eingetreten ist, neben der vollen Wahrung der akademischen Freiheit und der wiffmschaftlichen -

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