Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 6 (12.5.1920)
- Date
- 1920-05-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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kennen, so benehmen sich die Wortführer der Wiener Zionisten und bereiten dem armen, gläubigen Judenvolk wieder eine große Enttäuschung, ein Vorgehen, das man nicht genug rügen kann. Hören wir die Nachrichten,, die Israel Zangwill, der große jüdische Dichter, der große jüdische Politiker, deffen ganzes Sehnen dem Glücke des jüdischen Volkes gilt, uns am 3. Mai schreibt. Wir haben schon am b. April ein Schreiben erhalten, das die englische Verwaltung in Palästina nicht im rosigen Lichte der Wiener zonistischen Korybanten erscheinen ließ. Wir taffen Zangwills Artikel vom 26. März d. I. im „The Jewish Chronicle", der den Titel führt: „The Fiaseo os Political Zio- »iSm.*. Wir hörten mit Trauer und Weh von den Judenpogromen in Jerusalem und mußten uns sagen, daß Vorsicht sehr angezeigt sei. Wir müssen jetzt aber gegen den Lärm der Zionisten aufklärend eingreifen und diesen Kindsköpfen ein Halt zurufen, damit sie nicht noch daS Erreichte schädigen. Zangwill schreibt: „Keiner würde lieber wie ich in den Jubel einstimmen, aber ich bedauere unfähig zu sein, zu sehen, daß die Lage wesentlich vorgeschritten ist. Niemand, der irgend einen Sinn für Realpolitik besitzt, bezweifelte je, daß England das Mandat über Palästina erhalten werde. Selbst wenn man vom Zionismus nichts wüßte oder gehört hätte, wäre es nicht möglich gewesen, die Juden aus einem britischen Palästina auszuschließen. Aber eine absichtliche Verwirrung wurde geschaffen zwischen einem „Palästina als nationale Heimstätte für Juden" und „einer nationalen Heimstätte für Juden i n Palästina". Es ist nicht leicht zu erkennen, wie sich das letztere, geringere Ziel in Anbetracht der 600.000 Araber verwirklichen soll. Es wird sich gewiß nicht verwirklichen lassen, wenn die Regierung den Grundsätzen des Generals Bols, die er in einer Ansprache in Acre kundgab, folgen würde. Das Beste, was sich hoffen läßt, ist, daß der General, das Haupt der Verwaltung in Palästina, andauernd versucht, die Araber zu besänftigen, und daß spater die Juden mehr Macht gewinnen. Wer einige jüdische Repräsentanten in einem Militärrat wäre eine dem „Judenstaat" nicht entsprechende Auffassung. Ich neige im ganzen dahin, zu glauben, daß wir nichts als eine erweiterte Jca-Kolonisation erhalten haben, ergänzt durch eine freiwillige Einwanderung, und daß wir nicht di^ Verwirklichung deS Zionismus mit ansehen, sondern die Angliederung Palästinas an die anderen Länder des Galuth". Im Briese vom 5. Aprll hatte schon Zangwill Mitgeteilt, daß Palästina durch einen Militärrat werde verwaltet werden, in dem die Juden einen oder zwei Vertreter und die Araber drei- oder viermal so viel haben würden. Und die Rede des Generals Sir L. I. Bols lautet nach der „Times" vom 1. Mai d. I. so: „In Acre hielt gestern (d. i. am 28. April) General Sir L. I. Bols, das Haupt der Verwaltung (der Regierungschef), an die Repräsentanten aller Gemeinschaften eine Ansprache und verkündigte, daß wahrscheinlich das Mandat Großbritanniens und die Erklärung Balfours in Bezug auf die Errichtung einer jüdischen Heimstätte in Palästina in den Friedensvertrag mit der Türkei enthalten sein werden. Am 29. April sagte derselbe: „Großbritannien wird das Land zum Wohle aller Eiwohner regieren. Ich will Ihnen nun Mr. Balfours Erklärung vorlesen, deren Einschaltung in den Friedensvertrag besagt, daß keine Einmischung in religiöse Gebräuche oder geweihte Stätten, noch irgend eine Verkürzung oder Behinderung religiöser Freiheit der Untertanen beabsichtigt ist, sondern daß bloß der Wille besteht, die öffentliche Ordnung und Sicherheit aufrecht zu erhalten. Einwanderer dürfen in das Land kommen, so weit es die Entwicklung des Landes erfordert und gestattet: die Einwanderung wird von der britischen Regierung des Landes kontrolliert. Die jetzigen Grundbesitzer werden weder vertrieben, noch beraubt und vorteilhafte Zugeständnisse werden weder Einzelpersonen noch Gruppen zum Nachteile anderer gemacht. Die britische Regierung wird führen und es wird keinesfalls einer Minorität gestattet sein, die Majorität der Bevölkerung zu beherrschen, wenn die Zeit für irgend eine Art von Volksvertretung kommen wird. Unter diesen Bedingungen ist die Hoffnung auf zunehmenden Wohlstand der Einwohner berechtigt. Die Entscheidung wurde gefällt und hinfort muß ein Ende sein mit politischem Zwist und Unruhe. Alle treuen Palästininenser müssen sich nun bestreben, einer mit dem andern in gesunder Rivalität zum Wohle Palästinas und für die Wohlfahrt künftiger Generationen zu leben. Politisieren ist der Feind der Industrie und harte Arbeit ist das alleinige Mittel, um die Verwüstung der letzten Jahre gut zu machen und ein neues, starkes, gesundes, zufriedenes Palästina aufzubauen. Ich bin sicher, daß ich auf Ihre Mitarbeit zählen kann". Hier haben wir die offizielle Erläuterung der Balsöurschen Deklaration. Sie besagt, daß die jüdische Minorität in jeder Art Minorität bleiben muß. Nur der schöne Name „nationale Heimstätte" bleibt.