Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 5 (27.4.1920)
- Date
- 1920-04-27
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 Die Wahrheit Nr. ö Der 70. Geburtstag des Professors Dr. Leopold Köuigsteiu. Am 26. April feierte der jetzige Präsident des Zentral-Wahlkomitees der Nichtjüdischnationalen, der allseits verehrte und hochgeschätzte Augenarzt Professor Dr. Leopold Königstein seinen 70. Geburtstag. Er war der Gegenstand innigster und jubelndster Kundgebungen einer zahlreichen Versammlung des Zentral-Wahlkomitees. Der 1. Vizepräsident desselben, Herr Dr. Jakob Ornstein, pries die unermüdliche Arbeit und Tätigkeit des jetzigen Führers im Kampfe gegen die Jüdischnationalen, hob rühmend hervor, daß Professor Dr. Königstein in allen Versammlungen anwesend ist, überall belehrend und aufmunternd eingreist, aber nie ein arges oder beschimpfendes Wort gegen die Gegner anwendet, immer sachlich bleibt, trotzdem er gerade von den Jüdischnationalen, und zwar von den Funktionären derselben, in unqualifizierbarer Weise angegriffen und beschimpft worden war. In einer stilistisch meisterhaft und schwungvoll abgefaßten Adresse, die der Verfasser, Herr Sekretär Siegfried Fleischer verlas, wird diesen so hervorragenden Eigenschaften des Gefeierten beredter Ausdruck gegeben. In der Tat hat das Wiener Judentum recht, aus Professor Dr. Leopold Königstein stolz zu sein. Er wird als Gelehrter und Praktiker in der Augenheilkunde von seinen Fachgenossen überaus hoch bewertet. Als Organisator der wirtschaftlichen Aerztevereinigung, als Präsident des Aerztevereines im 1. Bezirke genießt Professor Dr. Leopold Königstein bei Juden und Christen das größte Ansehen und unbedingtes Vertrauen. Er hat, als der Kampf der deutschnationalen Aerzte gegen die jüdischen zu Zeiten Schönerers entbrannt war, wie ein Fels in der Brandung gestanden und den Frieden herbeigeführt und den Deutschnationalen die Achtung abgerungen. Schon dadurch hat er mehr geleistet als jene jüdischnationalen Schreier, die es wagen, diesem Bannerträger des ruhigen, aber festen Judentums Geifer nachzuwerfen. Gerade diese klare, feste Organisationsgabe und dieses treue Ausharren ohne Hingabe seiner Ueberzeugung befähigen ihn jetzt, Führer der ruhigen, Stetigkeit, . Fortschritt und bedachte Entwicklung wünschenden Wiener Juden zu sein. Was Professor Dr. Leopold Königstein für Arme und Kranke geleistet, ist nicht zu zählen. Davon hat er nie gesprochen. Wir aber wissen es und die Erzählung hievon würde Bände füllen. Wieviele Palästinenser waren seine Klienten! Auch darin hat er seine Pflicht als Jude erfüllt und sein Zionismus bestand darin, daß er Hunderten von Juden das Augenlicht zurückgegeben oder verbeffert hat. Wahrlich, wir alle, denen das Judentum nicht ein politisches Kapital ist, um es für Mandate und Stellen zu fruktifizieren, die wir das Judentum als Quelle größter Sittlichkeit lieben und in jedem Juden die Verkörperung deS Edlen sehen möchten, wir lieben, verehren, preisen und heben hoch Professor Dr. Leopold Königstein, das Muster des Juden als Typus der ethischen Männlichkeit und Muster vollster Charakterstärke. Möge sein weiteresLeben glücklich und gesegnetsein! Gnftav Springer. Am 14. d. M. starb in Wien der Ehef der Wettfirma Max Springer, Herr Gustav Springer, die er nach dem Ableben seine» Vaters in den alten ehrenhaften Traditionen des Hauses weiter führte und als ihr eifrigster Arbeiter auf der' dominierenden Höhe hielt. Gustav Springer gehörte zu den oberen Zehntausenden, deren Namen sich nicht nur der exklusiven gesellschaftlichen Wertschätzung, sondern auch der Beliebtheit in allen Kreisen erfreuen. Er dankte diese Sympathie dem Umstand, daß er als Grandseigneur stets ein fühlendes Herz und freigebige Hand für die Enterbten bewies. Namentlich seine notleidenden Glaubensgenoffen erfuhren die Beweise großzügiger Wohltätigkeit, die er so ernst nahm, daß er stets sein eigener Almosonior war, jede Bitte, jedes Ansuchen sorgsam prüfte und erledigte. Diese Humanität steigerte sich noch, als zwei seiner Brüder ihm in jüngeren Jahren gestorben waren und er sich der Pflichten des Besitzes großen Reichtums in edelsinnigster Weise bewußt war. Schlicht und bescheiden wie sein ganzes Wesen und Hervortreten war, jeder Reklame abhold, die stille Art seiner Humanität. Ein Jdealmensch nach der wahren Bedeutung des Wortes förderte er alles Gute und Schöne, wo immer sich Anlaß bot. Bei all dem wahrte er sein lebhaftes jüdisches Empfinden. Gustav Springer hinterläßt eine Tochter, deren glückliche standesgemäße Verheiratung seine Lebenssorge war. Er hat die richtige Wahl getroffen, indem er sie an dem einer alten französisch-jüdischen Patrizierfamilie entstammenden Fould verheiratete, der unter Kaiser Franz Josef die Baronie erhielt und mit seinem Namen jenen Springers vereinigte, damit das Andenken an diesen in der Achtung der Nachwelt weiter lebe. Em Manneswort in schweren Zeiten. Inmitten der Flut von Angriffen und Beschuldigungen, die in neuerer Zeit gegen das ungarrsche Judentum gerichtet werden, endlich ein ehrliches, offenes Mannes, wort von maßgebender Seite. Der kalvinische Bischof von Debrecen, Desider Baltazar, dessen lauteres, tiefes ungarisches Gefühl in ganz Ungarn sprichwörtlich geworden ist und der sich ob seiner Gesinnungsfestigkeit und Glaubenstreue in allen Kreisen der größten Wertschätzung erfreut, hat sich im '„Egyenlöseg" — dem politischen Ochane der Judenschaft Ungarns — mit folgenden inhaltsreichen Worten über den modernen Antisemitismus geäußert: „In Debrecen, der Hauptstadt der Kalviner, kann die Reaktion und die törichte Hetze die Verfolgung nicht ihr Haupt erheben. Ich würde gegen jede konfessionelle Hetze meine Stimmeerheben, weil wir indiesemLande keine Ungerechtigkeiten dulden dürfen. Wer gefehlt hat,möge sühnen, aberunschuldige Menschen sollen nicht leiden'" Nicht zum erstenmal begegnen wir der tröstlichen verheißungsvollen Erscheinung, daß christliche Kirchenfürsten wie Angehörige des niederen Klerus in Wort und Tat für den Schutz unschuldig verfolgter Juden eingetreten. Daß aber im heutigen, erwachenden antisemitischen * Ungarn ein Bischof den Mut des Bekenntniffes zur Wahrheit an den Tag legt und gegen die herrschende Strömung, gegen die verwerflichen Tendenzen führender Männer und Machthaber Stellung nimmt, kann nicht genug hoch gewertet werden. Die Worte des edelsinnigen, rechtliebenden Bischofs werden hoffentlich weit über die Grenzen seiner Diözöse ein Echo finden und zur Einkehr,