Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 3 (1.4.1920)
- Date
- 1920-04-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 12 -Die Wahrheit Nr. S die schon seit langem angestrebte Gleichstellung ihrer Bezüge mit denen der städtischen Lehrer an Volks¬ und Bürgerschulen mit allen ihr zu Gebote stehenden gesetzlichen Mitteln durchzusetzen. — Nach einstimmiger Genehmigung seitens der Versammlung behufs einer Statutenänderung schloß der Vorsitzende nach zweistündiger Dauer die Versammlung, der auch unter andern der Schulinspektor für den israelitischen Religionsunterricht, Herr Lazar Wie Sn er, beiwohnte. Sch. Jüdische Wählerversammlung! Am 21. März fand im großen Saale des Gewerbevereines eine vom Bezirkswahlkomitee VI, VH und VIII der nichtjüdischnationalen Parteien veranstaltete Versammlung von Kultuswählern der drei genannten Bezirke statt, welche überaus zahlreich besucht war. Der Beginn der Versammlung verzögerte sich dadurch, daß eine Anzahl jüdischnationaler Agitatoren und Nichtwähler unter Führung des Gemeinderates Dr. Plaschkes und des Herrn Waltuch in die Versammlung einzudringen versuchten, obwohl der Zutritt nur gegen Einladungen, die aus Namen lauteten, gestattet war. Da ein Teil der Eindringlinge der an sie gerichteten rtchigen Aufforderung, den Saal zu verlassen, nicht Foige leisten wollte, mußte polizeiliche Affistenz requiriert werden. Die Versammlung, wurde vom Obmann des Bezirkswahlkomitees Mariahils-Neubau-Josefstadt, Herrn Siegried Engl, mit einer herzlichen Begrüßung der erschienenen Wähler eröffnet, woraus Herr Fabrikant B u ch w a l d den Zweck der Wahlbesprechung erörterte und die Notwendigkeit betonte, mit gesammelter Kraft den Kamps gegen die jüdischnationalen Schädlinge zu organisiereu. Sodann entwickelten der Obmann des Zsntralwahlkomitee, Univ.-Prof. Dr. Königstein, Sekretär F l e i s ch e r und Rechtsanwalt, Dr. Jakob O r n st e i n in durchaus sachlicher Weise die Argumente, welche die schärfste Bekämpfung der Bestrebungen nach Anerkennung einer jüdischen Nation in Deutschösterreich und die „Erroberung" der Kultusgemeinde durch die Jüdischnationalen begründeten. Die Ausführungen der genannten Redner fanden den wiederholten stürmischen Beifall der Versammlung. Zum Schluffe wollte ein junger Mann, der sich als jüdischnational bekannte, aus der wechselnden Gütung der jüdischen Eigennamen einen Beweis für die Berechtigung der jüdischnationalen Idee ableiten. Er rief jedoch nur die Heiterkeit der Versammlung hervor. Als zum Schluß der Vorsitzende an die Anwesenden die Frage stellte, ob diefeiben dem Programm des vereinigten Wahlkomitees der nicht-jüdischnationalen Parteien zustimmen und dem Bezirkswahlkomitee VI, VII und VIII beitreten wollen, erhob sich die ganze Versammlung wie ein Mann unter stürmischer Akklamation. Der eindrucksvolle Verlauf dieser von mehreren hundert Kultuswählern der westlichen Bezirke besuchten Versammlung bewies, daß die weitaus überwiegende Mehrheit dieser Bezirke den jüdischnationalen Forderungen auf das entschiedenste widerstrebt und daß es nur einer zweckmäßigen Organisation bedarf, um diese große Mehrheit für die Verteidigung der staatsbürgerlichen Rechte und der wirtschvsllichen Existenz der österreichischen Juden zu entflammen und die schädliche Taktik der Jüdischnationalen wirksam abzuwehren. Zu Oberkautor Simou Singers 50. Geburtstag. Durch die vermehrte Tätigkeit bei Uebernahme dieses Blattes in seine neue Leitung war der jetzige Herausgeber verhindert, allen Ereigniffen des Tages innerhalb der Judenheit mit voller Aufmerksamkeit zu folgen und so blieb auch der 50. Geburtstag der Öberkantors Simon Singer unerwähnt. Wir kommen diesem unliebsamen Versäumnis um so lieber nach, als der Genannte zu den alten Freunden und Mitarbeitern der „Wahrheit" zählt und deshalb unsere verspätete Beglückwünschung nicht mißdeuten wird. Simon Singer, Sohn des Wiener Oberkantors kaiserlicher Rat Josef Singer s. A., wurde am 24. Februar 1870 in Beuthen, Ober-Schlesien, geboren. Den ersten Musikunterricht genoß er schon als fünfjähriger Knabe bei seinem Vater. Nach Wien übersiedelt, absolvierte Singer das akademische Gymnasium und trat 1887 in das kaiserliche Konservatorium ein; hier erhielt er bereits 1689 das Diplom als Musikdirektor und bezog die Kapellmeister- und Kompositionsschule. Um diese Zeit wurde seine wundervolle Stimme entdeckt und unter Anleitung erster Musiker war Singer bereits 1893 so weit, daß er als erster Bariton an das königliche Theater nach Preßburg ging. Nach einer glänzenden Opernlaufbahn wurde Singer auf Wunsch des Vaters Kantor (I960) und kam zunächst nach Ungarn, wo er in Hlinik zum erstenmal vorbetete. Dann erhielt er die Berufung nach Kattowitz (1901), nachdem 22 Kandidaten vor ihm Probe sangen. Singer hat sich hier eine ideale Stellung geschaffen; sein Haus ist der Mittelpunkt des musikalischen Lebens ^von Kattowitz, er genießt den Ruf eines ausgezeichneten Lehrers für Gesang und Klavier und ist Musikrezensent der „Kattowitzer Zeitung". Trotz Berufungen in verschiedene große Städte ging Singer von hier nicht weg. Er hat eine Anzahl weltlicher und synagogaler Musikstücke geschrieben, ebenso interessante Abhandlungen über die modernen Meister der Oper, der Lieder und der synagogalen Musik. So kann Simon Singer an seinem 50. Geburtstage mit Genugtuung auf ein arbeitsreiches Leben zurückblicken. Eine chassidiftische Trauung. Sonntag, den 21. März fand im Hause des Großrabbiners S. Friedmann aus Sadagorä die Trauung einer seiner Verwandten nach streng chäffidistischem Ritus statt. Rabbiner Friedmann legte Wert darauf, daß die Zeremonie in seinem Haufe und im engsten Familienkreise stattfinde. Es war demgemäß nur ein kleiner Kreis zu dieser intereffanten Vermählung geladen. Nach verrichtetem Mincha-Gebete vollzog Rabbiner Dr. S. Funk, von der Kultusgemeinde hiezu delegiert, die Trauung. In seiner geistvollen, zuerst hebräisch und dann deutsch gehaltenen Rede entwickelte Rabbiner S. Funk die historische Entwicklung des Chassidismus und die Bedeutung ihres Gründers Rabbi Israel Baal schem tauw als Ahnherrn der Familie Friedmann. Er sprach dann davon, daß durch die aus ihr hervorgegangenen hervorragenden Rabbiner tausende und abertausende während der schwierigsten Zeiten zu beharrlichem Kampfe ermahnt, die Mutlosen und Verzagten aufgerichtet und die Bedrückten gestärkt wurden. Alle diese Mühseligen und Beladenen hatten durch das Walten dieser frommen Männer, die