Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 3 (1.4.1920)
- Date
- 1920-04-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 3 Die Wahrheit Seite 11 sich erheben konnte, und vor dessen Klinge sich Freund und Feind haben beugen müssen. Nun hat der Kämpfer, der — man darf es ohne Uebertreibung sagen — von der Welt anerkannt worden ist, seine Klinge niederlegen müssen, weil die Feder unvermutet rasch den alten, aber doch immer jung gebliebenen Händen entglitten ist. So mögen wir alle sein Andenken in Ehren halten! So mag der wackere Kämpfer des Lebens nunmehr auch einziehen in das Reich des ewigen Friedens. Amen!" Namens der Redaktion sprach als ältestes Mitglied Dr. Kolm er und betonte, daß die seltene Individualität des Hingeschiedenen Herausgebers und Chef den Namen Benedikts und der Neuen Freien Presse zu einem indentischen Begriff machte. Namens der Administration sprach Bureau-Vorstand Heinrich Ollscher und rühmte Benedikts Fürsorge, die alle seine Angestellten umfaßte. In ähnlichem Sinne sprach der Vorsitzende des Arbeiterbetriebsrates der Neuen Freien Presse Nikolaus Suttenfeldner. Am offenen Grabe hielt Redakteur Dr. Julius Sternberg dem toten Meister einen tief empfundenen, ergreifenden Nachruf. Exminister Hnszar als Judenanwalt. Eine empfindsam erdachte Geschichte wird von dem verflossenen ungarischen Ministerpräsidenten Huszar kolportiert, der in den letzten Tagen seiner Amtstätigkeit einen Anbiederungsversuch an die sonst nicht glimpflich behandelten ungarischen Juden unternahm. Die Sache wird so geschildert: Huszar hielt im Redoutensaale eine Rede zugunsten der von ihm eingeleiteten Nötstandsaktion für die notleidende Bevölkerung Buda^ pests. Er teilte mit, daß sein Notschrei bisher eine Sammlung von etwa vierzehn Millionen ergeben habe, während er zumindest fünfzig Millionen haben müsse, um dem großen Elend wenigstens teilweise abhelfen zu können. Er hoffe wohl, aus dem Auslande, an welches er sich mit seinem Appell gleichfalls gewendet habe, ansehnliche Zuwendungen zu erhalten, doch sei es vor allem notwendig, daß das Jnnland seine Opfer bringe. Bei diesen Worten des Ministerpräsidenten ertönte aus den ersten Sitzreihen der Zwischenruf: „Nehmt es. den Juden weg!" Der Ministerpräsident: Das Problem ist nicht so einfach. Wer hungert, den frage ich nicht, ob er Jude ist oder Christ. Und wer heute praßt und dabei den Notleidenden gegenüber geizig ist, dem verzeihe ich nicht, ob ec Jude ist oder Christ. Das kann keine Konfessionsfrage sein. Hier kann man nicht als Partei vorgehen, hier muß man handeln als Christenmensch. Jeder, der mithelfen will, sei willkommen. Wieder der Zwischenruf: „Nehmt es den Juden weg!" Nun wird Präsident Huszar unwillig, hält einen Moment in seiner Rede inne und sagt dann, jedes Wort scharf betonend: „Ich weiß nicht, wieviel Sie, mein Herr, zu dem Liebeswerk beigetragen haben. Die aber, die Sie apostrophieren, haben das ihrige getan". Aber auch Huszar verstummte seitdem. Kultnsgemeindewahlen in Brün». Man schreibt uns aus Brünn: Die am 14. März d. I. vorgenommenen Wahlen in die hiesige Kultusgemeinde bildete ein Ereignis, das schon wochenlang seine Schatten vorauswarf. Man darf wohl behaupten, daß, so lange es hier eine jüdische Gemeinde gibt, noch nie die Vorstandwahlen unter so lebhafter Spannung und Aufregung vor sich gingen, als diesmal, wo die Jüdischnationalen und die Deutschdemokraten kampsgerüstet und entschlossen einander gegenüberstanden und beiderseits den letzten Mann für den Endkampf zur Urne riefen. Ich will gestehen, daß es in beiden Lagern nicht immer nach den alten Kampfmethoden zuging, doch kann kein ehrlicher Jude an den von den Jüdischnaiionalen gewählten Kampfmitteln Gefallen finden. Immer wieder hörte man das Feldgeschrei der Jüdischnationalen: Wir müffen und werden als Sieger bei den Wahlen hervorgehen! Und die Kultusgemeinde muß erobert werden! Nachdem sie eine gründliche Schlappe erlitten, mit einer auffallenden Minderheit im Hintertreffen geblieben find, schütten sie begreiflicherweise die volle Schale unverdienten Hasses auf den erfolgreichen Gegner. Anstatt die richtigen Folgerungen aus der erlebten Niederlage abzuleiten, den Sieg der Ueberzeugung der Majorität als vollzogene Tatsache hinzunehmen, gefallen sie sich jetzt darin, das Wahlergebnis ein Resultat unerlaubter Machenschaften zu nennen, die Gegenpartei zu verdächtigen und zu schmähen und lassen es selbst an Drohungen für die Zukunft nicht fehlen. Das war immer so die Art der Unterlegenen und eignet ganz besonders unseren in der Wahl der Waffe nicht sehr skrupellosen Gegner. Aber derlei ficht uns wenig an. Auch wir halten an dem Grundsätze fest, daß Bange machen nicht gilt und daß mit großen Worten nicht geschafft wird. Allerdings eines müffen wir den Jüdischnationalen zuerkennen, ein Erfolg ist auf ihr Konto zu buchen: sie haben unsere,bisher friedliche Kultusgemeinde zum Schauplatz noch nicht dagewesener Austritte gemacht und da immer ein dritter lacht, wenn zwei sich streiten, so ist diesmal der Dritte der nichtjüdische Teil der Brünner Bewohnerschaft, dem das heurige Treiben der Kultusgemeinde-Wähler ein willkommenes Gaudium bot. Aber ich glaube nicht, daß irgendwer die Drahtzieher dieser beklagenswerten Bewegung um einen solchen Erfolg beneiden wird und so dürste es überall sein, wo das Kräfteverhältnis der Jüdischnationalen und ihrer Gegner in Erscheinung treten wird. Ich hoffe, daß Sie Ihrem Programme gemäß die Wahrheit stets zu vertreten, ihr auch in dieser Sache die Ehre geben, die, ohne persönlich zu sein, nur das rein Objektive im Auge behielt. K. B. Versammlung. Die Sektion der Religionslehrer an Volks- und Bürgerschulen des Verbandes der Beamten der Kultusgemeinde hielten am Sonntag, den 28. März, unter Vorsitz ihres Obmannes Markus Stengel eine sehr zahlreich besuchte Versammlung ab, in welcher nach einem eingehend begründeten Referate des Lehrers Josef Pick nach längerer Wechselrede folgende Resolution unter stürmischen Beifall zum Beschlüsse erhoben wurde: Die am 28. März im AmtShaufe in der Seitenstettengaffe im Lehrzimmer für den Religionsunterricht tagende Versammlung der israel. Religionslehrer an Volks- und Bürgerschulen lehnt di» vom Vorstande beabstchtigte 60 prozentige Erhöhung der Gehalte mit aller Entschiedenheit ab und ist entschlossen.