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Die Wahrheit · 1920-04-01 · Heft 3 (1.4.1920) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 3 (1.4.1920)
Date
1920-04-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Die Wahrheit Nr. 3 ihrenKindern „schöne", das heißt arisch klingende Namen auf den Lebensweg mitgeben. Diese Vorsicht kann sich aber nicht an dem Schicksal der Betreffenden erstrecken, weshalb diese ein, wie sie glauben, verläßlicheres Mittel für ihr unbehelligtes Wandeln im erwachenden Ungarn wählen. Es ist die Flucht zum Taufbecken, worüber unser geschätzter Mitarbeiter, Herr Prof. K r a u ß sich heute in einemArlikel dieser Nummer ausspricht. Das es jedoch selbst mit diesem Paliatiomittel manchmal sehr windig aussieht, erfahren wir aus dem folgenden Bericht: Kardinak-Fürstprimas Johann Csernoch hat kürzlich in der Universitätskirche wieder ungefähr hundertfünfzig getaufte Juden konfimiert. Der Dominikanerpater Ladislaus Vürös sagte über die Getauften folgendes: Im September vorigen Jahres erhielten alle neugetauften Erwachsenen die Einladung, an dem für sie veranstalteten UnterrichtskurS teilzunehmen. Es haben sich sehr viele gemeldet, jedoch nur hundertfünfzig bis zum Schluß ausgehalten. Die Männer habe er im Zentral-Priesterseminar fünf Monate hindurch unterrichtet, während die Frauen im Sioninstitut dem Unterricht anwohnten. Der Prozeß der Bekehrung hält noch an. Die Absolventen des Lehrkurses erhalten vom FürstprimaS ein amtliches Attest, laut welchem siie vor Gott und den Menschen würdig sind, den geborenen Katholiken gleich behandelt zu werden. Ob dieses Attest auch vor Gott und Menschen wird bestehen können? Von Nah und Fern Sehr geehrter Herr Redakteur! Wohl noch in keinem Jahre war es durch die furchtbare Lage der ttaditiontreuen Juden Wiens namentlich den Armen so schwer gemacht, die Peffachtage nach religiösen Vorschriften zu hallen wie heuer, und diese Schwierigkeit wäre zur Unmöglichkeit geworden, wenn nicht in dieser noch nie dagewesenen Not die Glaubensbrüder in der alten und neuen Welt einen herrlichen Wetteifer der Hilfe an den Tag gelegt hätten, um besonders durch Lebensmittelsendungen der Wiener Judenheit für die Beschaffung der Peffachbedürfniffe an die Hand zu gehen. Wenn auch die Att der Verteilung der reichen Spenden und Liebesgaben, sowie die Bemessung der Preise für den Verkauf der Mazzes nicht alle befriedigen konnte und zu mancherlei Rekriminationen führte, so darf das gute Werk und die große Hilfsbereitschaft der amerikanischen, holländischen, englischen und aller in Betracht kommenden anderen Wohltäter nicht ungewürdigt bleiben und ich rege deshalb an, daß ihnen allen gelegentlich der bevorstehenden Feiertage in allen Tempeln der wohlverdiente Mischeberach gemacht werde und von der Ausführung alle in Betracht kommenden Korporationen und führenden Persönlichkeiten entsprechend verständigt werden. Sie, geehrter Herr Redakteur, werden sich die Zustimmung der weitesten Kreise sichern, wenn Sie diese Anregung, über deren Vollzug sich die Herren Rabbiner ja einigen können, in Ihrem geschätzten Blatte veröffentlichen. Ein treuer Leser der „Wahrheit". Das Leichenbegängnis Moriz Benedikts. Am 21. d. M. wurde der Herausgeber und Chefredakteur der Neuen Freien Presse Moriz Benedikt zur ewigen Ruhe bestattet. Die ungewöhnlich imposante Teilnahme an dieser Leichenfeier, wobei die Blüte der Wiener Gesellschaft, die ersten Namen der Journalistik, Literatur, Kunst und Industrie vertreten waren, bewies die hohe Wertschätzung, deren der bedeutendste Publizist der Neuzeit übers Grab hinaus teilhaftig wurde. Daß manche der Großen von Zufalls Gnaden dabei durch ihre Abwesenheit glänzten, bildet für sie keine Ruhmesblätter und kann das Ansehen des Hingegangenen nicht schmälern. Die Leichenfeier war auch seinen Verfügungen gemäß ganz im jüdischen Geiste gehalten. Sie begann in der Zeremonienhalle mit einem Choral, den Oberkantor Kaufmann mit seinem Chorpersonale vortrug. Dann hielt Rabbiner Dr. Julius Max Bach folgenden Nachruf: „Es mag nichl leicht sein, bei diesem großen Manne, dem es vergönnt war, fein Leben nach den von ihm selber vorgezeichneten Linien so ganz und voll auszuleben, dem es vergönnt war, nach seinem Willen mittelbar oder unmittelbar zur ganzen Welt zu sprechen, dem es nicht zuletzt aber vergönnt war, bis ins hohe Alter mit seltener Jugendkraft^zu wirken, wie er einst zu wirken begonnen, die Kraft zu finden, die ihn befähigte, das alles zu vollbringen. Da wollen wir am liebsten das Buch aufschlagen, das ihm die Leiterin und Führerin gewesen aus seinen Jugendtagen her, die Bibel, die älteste Lehrmeisterin der Menschheit. Er sagte selber in den schwersten Stunden seines Lebens, daß er immer wieder mit Freuden in der Bibel blättere. Und in dieser Bibel lesen wir von dem Leiter des Heiligtums und seines Baues, Gott habe sein Herz ihm voll gemacht mit seiner Kunst". Rabbiner Dr. Bach rühmte die seltene Begabung Benedikts, große Gedanken in glänzenden Ausdruck zu bringen. Es ist hier nicht meine Aufgabe, fuhr der Redner fort, zu sagen, was er für diese Stadt, was er für den Staat geleistet, was er an Kultur gegeben, sondern wir wollen ihm vor allem dafür danken, daß sein Denken nicht wesenlos geblieben. Man kann bei ihm nicht von des Gedankens Blässe sprechen, weil sich die Gedanken bei ihm in die Tat umsetzten. Und gerade die letzten Jahre haben uns Gelegenheit gegeben, zu sehen, wie sein Wort auch zu den Taten der M ildtätigkeit und Wohltätigkeit angeeifert hat. Und ich will ihm nicht zuletzt dafür danken, daß es es niemals versäumt hat, zu sagen, wie er gefühlt hat. ES hat eine liebende Seele von ihm gerühmt, daß er sich niemals gescheut, zu sagen, woher er stammt. Noch mehr! So wie er im politischen Leben sich der Unterdrückten mit seinem scharfen Geiste, mit seiner glänzenden Feder angenommen, so war ihm das Judentum überall, wo es als Minorität angefochten und bekämpft wurde, ein Gegenstand seiner glänzenden Verteidigung. Der Redner rühmte auch die rein menschlichen Tugenden dieses seltenen Mannes, sein verbildliches Familienleben und schloß mit den Worten: „So war Moriz Benedikt ein ehrlicher, redlicher Kämpfer geworden, ein Kämpfer, an deffen Kampfesweise man

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