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Die Wahrheit · 1920-04-01 · Heft 3 (1.4.1920) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 3 (1.4.1920)
Date
1920-04-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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EU* Nr. 3 Die Wahrheit Seite S haben diese oft an einem Tage durch das Schwergewicht ihres Ansehens und Einflusses mehr Positives für die gesamte Judenheit bewirkt als die Herren, die ihre Ueberzeugung als die bodenständig allein selig machende halten und jeden Andersdenkenden rücksichtslos befehden. Wenn es noch eines unbestreitbaren Zeugnisses für echte und wahrhafte jüdische Wesensart im Geiste der heiligen Schrift bedürfte, so wären die Worte hinreichend, die im weihevollsten Augenblicke Rabbiner Dr. Bach angesichts der sterblichen Neberreste Moriz Benedikts vor dessen Bestattung gesprochen und die in den Herzen aller Hörer ein Echo fanden. Man sollte glauben, daß die Judenheit ausnahmslos Ursache hätte, auf Moriz Benedikt und seine Fähigkeit in treuem Gedenken zurückzublicken. Wie die Union Propaganda macht. Unter diesem die Absicht dmchblickenlassende.r Artikel glossiert die „Wiener Morgenzeitung" den Verlauf riner Wählerversammlung, über die an anderer Stelle dieses Blattes ausführlich berichtet wird. Im falschen Lichte der „Wiener Morgenzeitung" wird die Sache so dargestellt, als wäre bei Einladung zu jener Wählerversammlung ein täuschender Trick gebraucht worden, wogegen ja schon die Qualität der Einberufer, durchwegs bekannte und geachtete Persönlichkeiten, im vorhinein spricht. Verschwiegen dagegen wird von dem genannten Blatte, daß zur Versammlung nur auf Namen lautende Einladungen ergingen, wonach die trotzdem in dem Saal gelangten Jüdischnationalen, milde gesagt, zu unrecht erschienen und für die Konsequenzen ihrer Handlungsweise verantwortlich waren. Die durch Mißbrauch der Wahltaktik von den Eindringlingen heraufbeschworenen Szenen müssen im Gesamtinteresse des Judentums aufrichtig beklagt, und gewünscht werden, daß sie nicht mehr zur Wiederholung kommen. Die „Wiener Morgenzeitung" berichtet „das tiefbeschämende Schauspiel, daß jüdische Gemeinderäte, Bezirksräte und Männer, die im politischen und sozialen Leben eine Rolle spielen, sich von Wachleuten aufs Wachzimmer führen lassen mußten." Jawohl! Gewiß ein tiefbeschämendes Schauspiel, aber wer hat es verschuldet? Gewiß doch nur jene Männer, die unbeschadet ihrer Rolle im politischen und sozialen Leben sich nicht scheuen, Zwiespalt zu stiften und dadurch Abwehrmaßregeln notwendig machen. Daß der Bericht der „Wiener Morgenzeitung" tendenziös gehalten und entstellt ist, lehrt der folgende, ausführliche Bericht . eines Versammlungsteilnehmers, der hier Raum finden soll: „Das jüdischnationale Organ veröffentlicht in. gewohnter Weise einen durchaus entstellten und gefälschten Bericht über die imposante Verfaminlnng. Zunächst ist die Behauptung in der Überschrift, daß dieselbe von der „Union" veranstaltet war, eine Unwahrheit. Die Einberufung erfolgte vom nicht-jüdischnationalen Bezirkswahlkomitee für die westlichen Bezirke, dessen Obmann Herr Fabrikant Siegfried Engl ist. Es ist überflüssig, diese allgemein geachtete und für jüdische Interessen stets begeisterte Persönlichkeit näher zu kennzeichnen. Wenn das jüdischnationale Organ von „einem Herrn Siegfried Engl" spricht, so macht es sich in den Augen der gesamten jüdischen Bevölkerung der westlichen Bezirke nur unsäglich lächerlich. Dagegen muß von dem Zugeständnis der „Morgenzeitung" Akt genommen werden, daß die Zionisten — es ist immer die gleiche bewußte Jonglierkunst mit dem Begriff Zionismus und jüdischer Nationalismus — eingedrungen find, obwohl der Zutritt nur auf namentlich geladene Gäste beschränkt war.- DieEndringlinge standen unter Führung der Herren Plasch kes, Vater und Sohn — damit ist der Zweck ihres Aufmarsches genügend charakterifiert. Es ist nur selbstverständlich, daß das Wahlkomitee in seinen Veranstaltungen jene wüsten und erregten Szenen vermeiden will, welche gegenwärtig die Jüdischnationalen in jeder Sitzung des Kultusvorstandes verursachen. Da die Herren, nachdem sie aus dem Saale gedrängt waren, im Vorraum weiter schrieen und lärmten und sich bestimmt weigerten, das Lokal zu verlassen, mußten sie durch die Polizei entfernt werden. Wenn das ein „beschämendes Schauspiel" war, so find dafür die ungebetenen Gäste selbst verantwortlich. Es hat fich gezeigt, daß mit einiger Energie der Terrorismus der jüdischnationalen Führer gebrochen werden kann und das Wahlkomitee wird daraus hoffentlich für alle seine weiteren Veranstaltungen die Konsequenzen ziehen. Dann erst wird man erkennen, daß die Wiener Judenschaft bisher unter der angemaßten Herrschaft einer ganz verschwindenden Minorität gestanden ist. Die „Kehillagreise", wie die Herren Jüdischnationalen die bodenständigen Wiener Juden höhnisch nennen, werden dem faulen Zauber bald ein Ende machen". B . . . -i- * * Nachwort der Redaktion: Der Schlußsatz in der Notitz der „Wiener Morgenzeitung", die die „Wiener Affimilationsjuden" scharf appostrophierend ausruft: „Bei den Kultuswahlen, dir hoffentlich nicht mehr lange auf sich warten lassen werden, wird ganze Arbeit zu machen sein", fordert zur Entgegnung heraus. Ganze Arbeit, das lassen wir gelten, aber auch reinliche Arbeit und vor allem keine terroristische Arbeit nach dem Muster der früheren Reichsratswahlen. Hat denn die Wiener Judenschaft nicht schon genug der Raffenfeinde, daß ihr solche, unter Hohn und Schimpf von dieser Seite, noch aus den Reihen der Stammesbrüder Feinde erstehen muffen? Wäre nicht das einzig Richtige den Wahlkampf sachlich scharf, aber in der Form einwandfrei zu führen? Wir Juden sollten der Welt nicht das Schauspiel einer Selbstzerflleischung bieten! Was ein großer Moritz jetzt in Budapest erleben kann. Graf Moritz Esterhazy, der gewesene Ministerpräsident, wurde vor kurzem in Budapest in der Nacht von vier '.bis fünf Personen überfallen und blutig geschlagen. Bei der Affäre spielt, wie man annimmt, der fatale Umstand die Hauptrolle, daß man den stolzen Aristokraten, der als einer der Kandidaten für den Staatsoberhauptposten genannt wurde, für einen Juden hielt. Seit einiger Zeit machen kleine Gruppen von Personen die Straßen von Budapest vom konfessionellen Standpunke aus unsicher. Als nun Graf Esterhazy in der erwähnten Nacht von einem Bekannten mit den Worten „Servus Moritz" angesprochen wurde, sielen mehrere Männer über ihn her und mißhandelten ihn. Moritz und Jude sind eben fataler Weise in manchen Kreisen identische Begriffe, weshalb es manche jüdische Eltern bedauerlicherweise

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