Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 3 (1.4.1920)
- Date
- 1920-04-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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jüdischer Seite gegen den „christlichen" Charakter der Freimaurerlogen geführt wird, hat gerade in jüngster Zeit zu bemerkenswerten Erscheinungen geführt; so zu dem schönen Werke von H. Grub er „Der religiöse und politische Charakter der Freimaurerei im Lichte der Ausführungen Dr. Bischoffs, des Präsidenten des Vereines deutscher Freimaurer" (Stimmen der Zeit 1919), und es ist derselbe Kampf, der wiederholt auch in den Spalten der „Allgemeinen - Zeitung des Judentums" in Berlin geführt wurde, derselbe Kampf endlich, der da veranlaßte, daß die deutsche Liga für Völkerbund ein Preisschreiben eckieß: „Das Verhältnis der Grundlehre der Freimaurerei zum Völkerbundgedanken", ein Preisaufgebot, das von mehreren in einem eigenen Buche auch bereits glücklich gelöst wurde. Bekanntlich hat die oft zu Tage tretende Tendenz der Ausschließung von Personen jüdischen Glaubens aus den Freimaurerlogen bereits im Jahre 1846 einige wackere Männer in den Vereinigten Staaten von Nordamerika bewogen, den Orden der „B'ne Brith" zu gründen. Seit dem fast 100 Jahre alten Bestände dieses Verbandes ist für die Sache des Judentums, nicht minder aber auch für die Sache der allgemeinen Humanität und der Aufklärung, unendlich vieles geleistet worden, und selbst dasjenige, was die oberste Frage der Existenz des Judentums bildet, nämlich das Beharren und die Ausdauer im Judentum, wurde in zahllosen Fällen erst durch den B. B.-Orden erreicht. Dies scheint man nun auch in Budapest eingesehen zu haben, wo unter den politischen Wirren und dem argen Treiben des Antisemitismus der jüngsten Zeit die Abfallsbewegung besonders stark um sich greift. In Ungarn, in diesem bis vor kurzem frecheitlichen Lande, in welchem es den Juden vergönnt war, in allen Fragen des öffentlichen Lebens eine respektable Rolle zu spielen, hat die mit dem Umstürze erfolgte Reaktion für die Juden eine besonders schwere Situation geschaffen, aus der sich nur die Gefestigten und Heldenmütigsten in aufrechter Haltung befreien werden, während die Wankelmütigen und Schwachen von dem Sturm der Ereignisse gleich einer Pappel hin und her geschüttelt werden, ein Schwächezustand, der sich in der Fahnenflucht, in dem massenhaften Uebertritte zum Christentum äußert. (Schluß folgt.) Wahrheiten vom Tage „Israel — eine stabile Minorität unter den Völkern" war das Thema, das Herr Rabbiner Dr. S. Funk in seinem religiösen Vortrage am Sabbath haggudaul behandelte. Von dem bekannten Lehrsätze des Talmuds ausgehend: „Eine stabile Minorität muß der Mehrheit gleich gewertet werden, die ihr gegenüber steht," führte er aus, daß wir auf Grund dieses Lehrsatzes unseren Anspruch auf Luft und Leben, auf einen Platz an der Sonne, mit gutem Rechte vor dem Richterstuhle der Geschichte geltend machen könnten. Sind wir auch verurteilt, als das Volk der Minorität durch die Jahrtausende zu gehen — uns wurde es ja schon an der Wiege vorgesungen oder vielmehr zugerufen: „Nicht weil ihr zahlreicher seid als alle Völker hat Gott an euch Wohlgefallen gefunden, denn ihr seid das kleinste unter allen Völkern" — so haben wir durch unser bloßes Dasein den Beweis für die unverwüstliche Kraft erbracht, die uns innewohnt, für die Kraft der Gottesidee, deren Träger wir sind und von der wir getragen werden. Wir haben den Beweis dafür erbracht, daß es Mächte gibt, die stärker sind als Niesenheere und daß. wider den Geist die Gewalt machtlos ist. Wenn irgend etwas auf Erden als fest und unerschütterlich, als „^Kuwua" bezeichnet werden kann, so ist es unser Volk, „das kleinste unter den Völkern". Während all die Völker, die durch ihre numerische Größe, durch ihre Macht imponierten, spurlos verschwunden sind oder nur in der Geschichte fortleben, feiert Israel, der jugendliche Greis unter den Völkern seinen nationalen Geburtstag durch ein Seder-Festmahl an einer Tafelrunde sondergleichen und ruft in die weite, dunkle Nacht, die die Welt hüllt: „Ich sterbe nicht, sondern lebe und verkünde die Werke Gottes". Wir sind eine Minorität, aber keine verschwindende Minorität. Wir verschwinden nicht, so sehr dies auch manche Lenker kleiner Staaten von gestern und vorgestern wünschen. Wir stehen fest wie die Baumriesen, die sich zum Empfange des Frühlingsfestes mit neuem Grün schmücken, wie die alte Erde, die sich verjüngt. Moriz Benedikt. Er trug Szepter und Krone der Weltmacht-Publistik und diese Würde haben ihm auch die Wiener Berufskollegen anderer Gesinnung, anderen Glaubens neidlos zuerkannt. Selbst das grimmig kämpfende Parteiblatt, daß mit der hemmungslosen Leidenschaft des Klassenhasses Moriz Benedikt energisch angriff, ehrte den großen Toten wenigstens durch Schweigen an seiner Bahre. Um so bedauerlicher und beschämender ist die Erscheinung, daß eine Gilde zeitungsschreibender Stammesbrüder es nicht unterlassen konnte, ihn zu verunglimpfenweil er für ihr separatistisches Judentum nichts übrig hatte. Dabei vergessen oder übersehen die guten Leute, daß die hervorragenden Führer des Zionismus: Theodor Herzl und Dr. Max Nord au jahrelang ihren glänzenden Geist in der Neuen Freien Presse leuchten ließen, was sie gewiß nicht getan hätten, wenn sie nicht in Moriz Benedikt und seinem Weltblatte einflußreichste und wirksamste Anwälte, des Judentums erkannt hätten. Tatsächlich