Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 3 (1.4.1920)
- Date
- 1920-04-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit Seite 7 Nr. g das Verbot Landbesitz zu erwerben und das Drängen auf daS Gebiet der Geldgeschäfte, für die gerade die Juden durch ihre falsche Auffassung des ZinswesenS am allerwenigsten paßten (Bd. V, 178). * In Babylonien war es der größte Schimpf, den man einem Juden antun konnte, wenn man ihn als Wucherer bezeichnete. Und auch dem Handel war man abgeneigt; nicht nur dem Handel mit Nahrungsmitteln, — Getreidespekulanten wurden den Maßfälschern gleichgestellt»— sondern dem Handel über- Haupt. Halachisten und Haggadisten haben es zuwege gebracht, diese durch Ermahnungen und jene mit Gesetzen, daß die Eltern den Söhnen rieten, beim Ackerbau zu bleiben, denn „besser ein Maß Ackerboden, als ein großes Warenlager". Als treue Schüler der Propheten und Fortsetzer ihres Werkes, strebten die Schriftgelehrten nach möglicher Ausgleichung der sozialen Gegensätze. Und wenn die Sekte der Lewelers zur Zeit Cromwells, die sich mit Ackerbau beschäftigten und den Ausgleich der Klassengegensätze anstrebten, sich als Jews bezeichnete», so hatten sie nicht so Unrecht. Sie waren nicht die Epigonen der Propheten, sondern der Schriftgelehrten, die die prophetischen Lehren in die Praxis umsetzten. F. (Schluß folgt.) Der Antisemitismus und die Taufbewegung in Wien und Budapest. Von Professor S. Krauß, Wien. Das Judentum erlebt jetzt als Folgen deS Krieges unendlich schwere Zeiten. Die offenen Gewaltakte gegen sie, Pogroms genannt, in den Ländern des slawischen Ostens verübt, sind gewiß schmerzlich und erschütternd für jedes fühlende Herz, aber nicht minder betrübend ist der in Deutschland und in den Ländern der ehemaligen österreichisch - ungarischen Monarchie offen und mit verstärkter Gewalt auftretende Antisemitismus, gegen den eS vorläufig keine Abwehr gibt. Worin soll die Abwehr bestehen? In der Aufklärung der Massen? Diese hören aus ihre Demagogen, lesen ihre antisemitischen und sonst zum Raffen- und KonfeffionShaffe aufreizenden Zeitungen, folgen ihnen blindlings und urteilslos, und das Wort der Aufklärung, das Wort der Friedliebenden uud die höheren Gesichtspunkte vertretenden Männer hören sie nicht. Gegen die antisemitische Logik gibt es keine vernünftige Verteidigung. In Wien, auf diesem von der ärgsten Judenhetze arg durchwühtten Boden, find es hauptsächlich zwei journalistische Organe, die gegen das Judentum ankämpfen: die „Re ich-post", ein unter dem früheren Regime sehr mächtiges, aber auch heute noch von einer mächtigen Partei zur Fahne erhobenes Blatt, und die „Ostdeutsche Rundschau", ein Blatt, das zum Glück wenig Anhänger zählt und heute bereits so weit gesunken ist, daß eS höchstens wöchentlich nur einmal erscheinen kann. Dafür aber treten immer wieder neue Organe auf, und selbst die „Arbeiter-Zeitung", das Organ der Sozialdemokraten und jetzt, unter dem sozialdemokratischen Regime quasi ein offizielles Blatt, gefällt sich nicht selten in antisemitischen Ausfällen. Von der Logik dieser antisemitischen Hetze hier nur ein Pröbchen. Erscheint da in Wien seit mehr als einem Jahre die Zeitschrift „Das neue Reich", die sich für Kultur, Politik und Volkswirtschaft berufen fühlt. Gleich in dem Jännerheft deS vorigen Jahres schreibt Prinz Alois Liechtenstein*), dieser feudale Großgrundbesitzer, übrigens schon lange eine Zierde und „Leuchte" der antisemitischen Partei, einen Artikel über die Freimaurerei, die er, Gott weiß auf Grund welcher Quellen, als eine ursprünglich auf dem Gebiete des Islam entstandene freigeistige Propaganda darstellt, die aber allmälig auf die christlichen Länder Übergriff und heute eine Domäne des destruktiven Judentums sei. Die Freimaurerei, so meint der erleuchtete Prinz, fei ein Werkzeug des internationalen Judentums, dieser „ewig fremden Minderheit, die sich nicht begnügt mit der ihr großherzig gewährten Gleichberechtigung, sondern ihre Emanzipation nun als Vorstufe zur Knechtung der Völker betrachtet, welche sie beherbergen". Also Islam und Christentum vorzüglich daran beteiligt und dennoch eine jüdische „Erfindung"! Der Prinz rechnet nicht damit, daß selbst die Freimaurerei, diese im Prinzip von den höchsten humanen Gedanken getragene internationale Gesellschaft, so sehr ausschließlich den kirchlich-christlichen Geist pflegt, daß in vielen Verbänden oder „Orden" dieser Art die Juden grundsätzlich ferugehaltett werden, well eben das jüdische Bekenntnis a!S minderwertig eingefchätzt wird. Dieser beschränkte Gesichtspunkt, völlig auf mittelalterliche Ansichten aufgebaut, ist vom Standpunkte der allgemeinen menschlichen Interessen gewiß tief zu beklagen. Det Kampf, der von liberalen und nicht zuletzt auch von *) Der Mann ist vor Kurzem gestorben.