Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 3 (1.4.1920)
- Date
- 1920-04-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Gerte 6 Die Wahrheit Nr. 3 Mantel und Hut gegriffen und fort ins Versorgungshaus! Wie ein Alp fiel es mir vom Herzen, als ich dem Verwalter einen Betrag eingehändigt zur Besserung der Kost am Sederabend! Zum dritten: Was ich geträumt, wie leicht kann es jedem von uns befchieden sein! Wie traurig: ein Leben, an Mühen und Sorgen reich, zu beschließen, darbend und stierend im Versorgungshaus! Aber auch jede selbstische Regung beiseite! Wie können wir uns ruhigen Gemütes zum Seder setzen, ohne der Alten in der Versorgung zu gedenken! Vielleicht wird ihnen der Seder ebenso frugal serviert, wie jedes andere Nachtmahl! Wie denn sonst bei dieser Teuerung, wenn nicht wir, Pir alle für eine Aufbesserung der Kost Sorge tragen? Werbet darum Mitarbeiter und Förderer für das Komitee zur Sanierung unserer jüdischen Wohlfahrtöan st alten, das sich nun bereits seit Wochen mit schönem Erfolg dieser dringenden Menschenpflicht widmet. Männer und ^Frauen, die unter Persönlichen Opfern sich hilfreich unserer Alten und Kranken, unserer Taubstummen u. Blinden annehmen! Versorgungshaus und Rothschild-Spital, Blinden- und Taubstummeninstitut sind hilfsbedürftig geworden. Ihrer Insassen sich anzunehmen, dieser Aufgabe darf und kann sich kein Wiener Jude entziehen. „Lomectt noflim“, „eine Stütze der Fallenden", der Anstalten sowie ihrer Pfleglinge, zu werden muß jeder als seine heilige Pflicht erachten, der sein jüdisches Herz nicht ganz verleugnen will. Diesem Sanierungskomitee widmet eure Spenden am Pesachfe st, bei euren Bekannten sammelt von Mann zu Mann Beiträge für diesen edlen "Zweck, ihr alle, die ihr am Seder ernst und ehrlich die Worte sprechet: Kol dlchfin jesse w’jechaul. „Am Seder soll keiner Hunger leiden!"*) Dr. Grunwald. Kommunismus und Judentum. (Fortsetzung.) Die Propheten haben nicht vergebens gelebt, nicht vergebens geduldet und gelitten. Allmählich ging die Saat auf, die sie unter Tranen gesät. Schon in dem alten Gebete, daS uns der Spruchdichter aufbewahrt hat: „®i&* mir weder Armut noch Reichtum" (Spr. 30, 8), hören wir den Wiederhall der prophetischen Lehre. Zum siegreichen Durchbruche *) Geschäftsstelle des Komitees zur Sanierung jüdischer WohlfahrtSanstalte», 2. Kaiser Zosefstraße 39, 1/5. kam sie allerdings erst in späterer Zeit, — auf fremden Boden. Zu den Jahrhunderte hindurch fortgesetzten Anstrengungen der Gottesmänner mußten noch die Schicksalsschläge kommen, die die Vernichtung des jüdischen Staates über das jüdische Volk gebracht hat, um den Sinn weiter Kreise zu ändern und kann wohl die Zeit des babylonischen Exils als die Epoche bezeichnet werden, in welcher dieser Wendepunkt im religiösen Leben der Juden eintrat. „In Palästina" — predigte der Schriftgelehrte R. Jizchak geistvoll über den Psalm 137 — hatte Jeremia die Israeliten ermahnt, Buße zu tun, ehe das Endgericht über sie beschlossen würde. Sie folgten nicht. Im Exile aber da übten sie Heiligkeit durch die Uebung der Gebote. Sie nahmen ihre Harfen und hängten sie an die Weiden". Bald nachdem der Sang der Leviten verstummt, hörte auch das Prophetentum auf. Aber dem Volke fehlte es nie mehr an geistigen Führern. Die Propheten wurden von Sos'rim, von den Schristgelehrten abgelöst und das biblische Gesetz fand in der Halacha seine zielbewußte Fortsetzung und Ergänzung. In der alten Heimat hätte man mit den biblischen Gesetzen, die zum Schutze der Schwachen gegeben wurden, auskommen können. In Babylonien, dem Lande der großen Wasserstraßen und des blühenden Seehandels, mußte daS Gesetz erweitert, mußten neue Gesetze geschaffen werden. Der Handel mußte geregelt, der Gewinn des Kaufmannes beschränkt, der Kleinhändler geschützt, Vorkehrungen mußten getroffen werden, um dem unredlichen Wettbewerbe vorzubeugen. Das alles besorgte die Halacha, die mühsame Arbeit der Schriftgelehrten. Es wäre aber ein Irrtum, wenn wir aus der intensiven Tätigkeit der Gesetzeslehrer schließen wollten, daß die Juden in Babylonien sich zum Handel „in dichten Mengen gedrängt haben". Trotz der Tatsache, daß der Kaufmann von dem Ertrage eines kleines Kapitals üppig leben konnte, während der kleine Landwirt darben und hungern mußte, hat sich nur ein verhältnismäßig kleiner Teil des Volkes vom Handel, und auch dieser nur vom Kleinhandel, ernährt. Der überwiegende Teil deS Volkes widmete sich dem Ackerbaue. „Besser auf dem Düngerhaufen Sura'S (eines Dorfes im südlichen Babylonien) als in den Palästen Pumbadihas" war das Losungswort der babylonischen Juden noch in späterer Zeit. Sie blieben in den Dörfern, hausten in bescheidenen Hütten und lebten still und arbeitsam auf der ererbten Scholle. „Die Juden" — sagt Renan mit Recht — „sind erst dann reich geworden, als die Christen sie dazu gezwungen haben, durch