Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 3 (1.4.1920)
- Date
- 1920-04-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. ä Seite ö fc'A-r Die Wahrheit aus dem Zusammenbruche Jabneh heroorblüht, der Geist, der uns bis heute am Leben erhalten .... Die Hafsokaus haben auch in den letzten Zeitläuften keine geringe Rolle gespielt. Nach dem sittlichen Verfall des Mittelalters erleben wir die kraftvolle Kulturwelle zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Aber schon nach der großen Revolution und dem Befreiungskriege, Stillstand unh Rückgang, Ernüchterung und Erbitterung. Achtundvierzig ruft die alten guten Geister, die die Menschheit auf ihrem Entwicklungsgang hinan zur Höhe geleiten, wieder auf den Plan. Aber schon in den siebenziger Jahren erleben wir die Aera Stöcker, die mit dem Emporblühen des deutschen Reiches Schritt hält und in der Atmosphäre des eisernen Kanzlers gar herrliche Blüten treibt. — Vier Jahrzehnte ist Frieden in Europa, die neue Generation kennt den Krieg nur noch aus Geschichtsbüchern und Heldenliedern, und Optimisten glauben das jesajanische Bild vom Wolf und Lamm habe im Weltenleben seinen festen unverrückbaren Rahmen gefunden, da kommt der 1. August 1914! Der Beginn des unglückseligen Krieges bringt das schöne Kaiserwort, das die Parteigrenzen aushebt. Beim Abschluß des Krieges wehen rote Banner, die von Freiheit und Brüderlichkeit sprechen und heute — rufen die Berliner Zeitungen offen und ungestört zu Mord auf, schreien die Plakate in die Gassen: „Tod den Juden!" Im Momente, wo wir darob verzweifeln möchten, berührt uns die Synagoge mit milder Hand und raunt uns sanft und vertraulich zu : Kennst du Jude, Vielerfahrener, nicht den Gang der Geschichte? Es geht nicht im gleichem Tempo immer vorwärts! Auf den Schekel der Gleichheit folgt Hasfokoh. Nichtsdestoweniger führt es über Hemmungey und Rückfälle zur Tilgung verderblichen Amalekgeistes. Aber dann ist wieder Hafsokoh und deren mehr auf dem Wege zum letzten Ziele ... DaS Bewußtsein, daß Hafsokaus unausbleiblich sind und diese die Fortbewegung wohl verzögern, aber nicht aufhatlen, mag uns über alle Not der Gegenwart hinweghelfen!" Was der hochgeschätzte Verfasser des vorstehenden Artikels hauptsächlich im Betreff der Juden in Deutschland bemerkt, muß leider auch von dem Schicksal unserer Glaubensgenoffen in der ehemaligen Habsburger-Monarchie gesagt werden. Auch hier ist das Gesetz der Hafsokaus in Erscheinung getreten, aber auch hier lebt der unzerstörbare Glaube an den schließlichen Aufstieg des gesamten Judentum, wenngleich zur Zeit eine rückläufige Bewegung herrscht. Kol öictifin jesse u/jerhaul! Mich fröstelt. Der Märzsturm rüttelt an den lockeren, altersschwachen Fenstern. Geheizt wurde bei uns schon lang nicht mehr. Das teure Holz! Rings umher alles düster. Ein bedrückendes Schweigen. Meine Zimmergenofsen schlafen längst. Sie haben fich früher zu Bett gelegt. Sie wollen den Seder überschlafen. Ich aber kann nicht von meinem Sitz am Fenster. Mit unsichtbaren Händen hält eS mich fest auf dem alten, harten Sessel. Das hell erleuchtete Fenster drüben hat es mir angetan. Dort sitzen sie jt tzr beim Seder. Jüdische Eltern, jüdische Kinder. Jetzt werden sie ihr Hallel singen, jetzt ihr Addirhu, jetzt Ihr Chadgadjo. Mich überläuft es kalt. Ich fühle, wie eS mir feucht über die alten eingefallenen Wangen rinnt. Auch ich saß einst fröhlich beim Seder. Auch mir strahlte im milden Glanz der Kerzen ein verklärtes Vaterantlitz, ein gütiges Mutterauge. Wie warm, wie traulich, bei aller Enge, bei aller Schlichtbeit, dieser Kranz glücklicher Herzen, die für einander schlugen, treu über das Grab hinaus l Und dann lichtete sich der Kreis. Wandel des Bildes. Ein anderer Seder. Diesmal faß ich zu Häupten. An meiner Seite die Mutter meiner Kinder, das Ebenbild der Unvergeßlichen, die mir das Leben gegeben und mehr noch: Lebenslehre. Meinen Kindern wiederholte ich jetzt, was ich einst als Kind vom Vater gehört. Aber auch dieser Glanz verblaßt. Tiefe Schatten breiten fich über den sonnigen Garten. Frucht um Frucht, Blatt um Blatt fallen sie vom Baum des Lebens, die Freuden, die mir das Paradies auf Erden bereitet. Den trüben Rest vertraute ich einsam. Glücklich, noch ein schützend Dach gefunden zu haben im — Versorgungshaus. Wiederum ist nun der gute Pesach da. Doch der Seder! Wo ist der Seder, wie ich ihn kannte, wie ich ihn liebte mit seinen Freuden, mit seinen Gaben, seinem verschwenderischen Reichtum an Glück und Wärme? Wodurch unterscheidet fich diese Sedernacht von der des Tischobeow? Horch! Wer kommt da? So spät noch Besuch? Von unseren Alten kann eS doch keiner sein! Vielleicht der Verwalter? Ich muß Nachsehen — — — Da — erwachte ich. Ich hatte geträumt-. Von des Tages Arbeit ermüdet, war ich im Lehnstuhl eingenickt. Ein Traum war es, ein böser Traum von darbendem Alter, von Einsamkeit und — Versorgungshaus. Mein erster Gedanke: Gott Lob, es war nur ein Traum! Mein zweiter: Rasch zu