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Die Wahrheit · 1920-04-01 · Heft 3 (1.4.1920) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 3 (1.4.1920)
Date
1920-04-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Dre Wahrheit Nr. 3 Welt um Hilfe sich wenden und die Rabbiner der ganzen Welt, vor allem Amerikas, sich an die Spitze einer gewaltigen Hilfsaktion stellen, großzügig, umfassend, damit man das lachmo anjo, das Elendsbrot, nn ein besseres umwandle und der Not, der Hilflosigkeit steure, solange ausgreifend helfe und stütze, bis die' Verhältnisse sich bessern und alles befreit aufatmen kann, das ist die Mahnung des Pesach, das der Ruf der Agada! Mögen sie gehört und berücksichtigt werden! Man muß stets bedenken, Israels Glauben wurzelt in Gottvertrauen und Menschenliebe! Sie beide sind die Grundsäulen aller Religionen, aller Menschlichkeit. Gott finden wir wieder, wenn wir an der Befreiung seiner Geschöpfe aus leiblicher und geistiger Not unentwegt arbeiten, wenn wir im eigenen Glücke stets unserer Mitmenschen gedenken ‘ uud deren Wohl und Rettung als die unseren betrachten. Zedokoh tazil mimowes, die Hilfstätigkeit rettet unsere Mitmenschen vom physischen und uns vom moralischen Tode! Wie niederschmetternd muß das Bewußtsein sein, am Untergange von Mitmenschen mitschuldig zu sein, wie entsetzlich die Gewiffensmahnung, wenn man helfen konnte, aber nicht wollte! Darum eben die Mahnung, man solle sich so ausehen, als ob man selbst aus Aegypten gezogen wäre. Tut man dies, fühlt man mit den Menschen, dann ist es für alle gut, dann wird Religion zu rettender Tat und die Religion zur Befreiung der Gedrückten, Entrechteten und Armen! Dann aber entwickelt sich jenes Gefühl der menschlichen Interessengemeinschaft, die uns alle umfängt und zusammenführt und so schwere Erschütterungen der Menschheit durch Klassenkämpse verhindert. So sehen wir: mizwo gaureres mizwo, daß eine gute Tat die andere hervorruft und die Menschheit durch das Gefühl der Interessengemeinschaft geeint, gestärkt und veredelt wird. Möge Gott diesen Geist gegenseitiger Liebe und Güte in uns und allen Menschen wieder erwecken, daß wir ihn pflegen und hüten, ihn aus unserer Geschichte und uns selbst als die Voraussetzung für eine lichtere, freudigere Zukunft hegen und pflegen, daß wir immer mehr uns Gott nähern und ihm ähnlich werden. Dann wird aus dem Pesach mizraim ein Pesach leossid, ein Freiheitsfest der ganzen Menschheit werden, die auf einer höheren Grundlage der Moral und Ethik den höchsten Aufgaben der Vereinigung aller aufbauenden Kräfte und Ausschaltung aller niederen Triebe und Regungen weichen wird. Krumau, Nissan 5680. Prof- Dr. L. Hirsch. Hassokoh. Der bekannten, trefflichst redigierten Wochenschrift „Der Israelit" entnehmen wir die folgenden geistvollen Betrachtungen zur Geschichte der Juden in auf- und absteigenden Sinne. „In der Musik gehören die Pausen mit zum Takte, zum Rhytmus, zur Harmonie des Ganzen. Natur wie Geschichte kennen die Pausen ebenfalls, und Stillstand, ja gelegentlicher Rückgang gehören mit zu dem Gesamtbilde, zu den Etappen der Fortentwicklung. Unsere Synagoge läßt, nachdem mit Schekalim uns der erste Vorbote des Ftühlings gegrüßt, eine Pause (Hafsokoh) eintreten, eine weitere steht zwischen dem dritten und vierten Frühlingsboten, just zur Zeit, da über milden Glanz einer Vorfrühlingssonne noch Winters Sturmfinale dahingleitet . . . Die ganze Geschichte ist der Hafsokaus voll, die aber im. Ganzen den Auf- und Vorwärtsdrang der Welt nicht aufhalten. Die Menschheit gleicht auf ihrem Marsch dem Lichte entgegen jenem Pilger, der auf drei Schritte nach vorne einen zurück macht — am Ende aber dennoch ans Ziel gelangt . . . Und unsere Geschichte erst! Schon wenige Jahre nachdem sich dem Volke die Türe ins Freie aufgetan, tritt die vierzigjährige Pause der Wüstenwanderuug ein. Im Lande der Rast tritt die Hassokoh — und der Rückfall — mit jedem neuen Richter ein, der — um mit den Midraschweisen zu sprechen — durch sein Wirken in ben Augen seiner Gemeinde „gerichtet" ist. Es geht vorwärts unter dem Könige, der der Welt die Psalmen schenkt und seinem Sohne, der dem Herren, einen Tempel baut, die Hassokoh stellt sich aber schon bei dessen Tod mit der Teilung des Reiches ein. Trotzdem ist nach Jahrhunderten, die jüdische Reichshälfte wenigstens, reif für einen Jesajas und Chiskijah. Eine siebenzigjährige Pause in Babylon, in der der jüdische Geist dennoch dauernd vorwärts drängt und eine Etappe von Jirmejohu bis zu Esra zurücklegt. Der Tempel ist in erneuter Pracht wiedererstanden, Männer der „großen Synode" sprechen Recht und bringen die Fülle der geistigen Werte von Generationen unter sicheres Dach. Eine neue Hassokoh: der Hellenismus. Der Makkabäer eiserner Besen schafft Ordnung und Reinheit, die anhält bis zum Bruderkrieg und der Römerherrsckaft. Pause auf Pause, Verfall und scheinbarer Rückgang. Und dennoch hatte es bei all den Widerständen, bei all den Hafsokaus im Reiche I des jüdischen Geistes so kräftig fortgearbeitet, daß

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