Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 2 (18.3.1920)
- Date
- 1920-03-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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. Nr. 2 Die Wahrheit Seite 9 Wahrheiten vom Tage Eine Friedenstaube in stürmischer Zeit! An die „Spitalhilfe für Palästina" in Wien gingen dieser Tage zu Händen des Herrn Hofrat Dr. Schlag für die einzige jüdische Augenklinik in Jerusalem 4 Kronen mit folgendem Begleitschreiben:*) Innsbruck, Tirol, 3. März 1920. „Geehrter Herr Hosrat! Obzwar ich noch ein kleiner neunjähriger die Volksschule besuchender Tiroler „Knirbs" christlichen Glaubens bin, so sende Ihnen doch aus meiner Sparbüchse für die SpitalShifle für Palästina beiliegenden Betrag und werde auch künftig zeitweilig schicken. Mein Vater lehrte mich, wie auch meine Mutter, alle Mitten e n sch e n z u lieben undJhnen helfen. Mein Vater liest mit Liebe und Teilnahme die Wochenzeitung von Dr. Bloch und da guckte ich halt wie alle neugierigen Knirpse auch hinein und da fand ich Ihre liebe Adresse. Ich bleibe Sie herzlichst aus echten Tiroler Knabenherzen grüßend Ihr Franzl." (Die Adresse meines Vaters ist: Peter Scheithauer, Oberoffizial, Innsbruck, Hauptpost.) So schreibt ein katholisches Kind aus dem Land Tirol! Das große Elend der armen, mit Erblindung bedrohten Bewohner der heiligen Stadt geht ihm zu Herzen. Unseren jüdischen Kindern möge dieser rührend schöne Zug einer Tiroler Kinderseele ein Ansporn zur Nacheiferung sein! Hat doch schon der Prophet Jeremia (Kap. 2. Vers 10) unser Volk aufgefordert, an edlen Taten in anderen Kreisen sich ein Beispiel zu nehmen. Und daß der Talmud es an solchen Hinweisen nicht fehlen läßt, ist allbekannt. Unsere Kinder auf diesen Weg edler Herzenstätigkeit zu führen, bitten wir alle Eltern und Lehrer. Gedenket zumal jetzt bei den Tempelspenden an den Pessachtagen der einzigen jüdischen Augenklinik im Lande der Väter! Spenden für die Augenklinik in Jerusalem erbitten wir an: Zahlstelle für Deutschösterreich: Bankhaus S. M. v. Rothschild, Wien, 1. Renngaffe 3; „Reue Freie Presse", Wien, 1. Fichtegasse 11; für die tschecho-slowakische Republik: Böhmische Unionbank, Prag; für Ungarn: Magyar- Altalänos Hitelbank, Budapest; für Deutschland: Deutsche Bank, Berlin; für Polen: Commerzbank W. Landau, Warschau und Lodz; für Galizien: Wiedenski Bank Lombardowyi i eskontowy w Krakowie, mit dem Vermerk Hilfskommiffion 1915 für Palästina. Ueber denEinlauf derSpenden wirdunser Blatt von nun ab regelmäßig berichten. DaS Tadels Votum eines Dichters. Der nachstehende für die vornehme Dankart Israel Zangwills ehrend bezeichnende Fall wird nicht verfehlen, dem verehrten Dichter neue Sympathien zu -werben. Er hatte sein neuestes Schauspiel der Agentur des Ungarischen Schauspielerverbandes überlassen und von diesem unaufgefordert einen Vorschuß erhalten. Darauf schrieb Zangwill dem Schauspielerverband: „Ich halte es als eine Ungerechtigkeit gegen mich selbst, daß Sie die englischen Pfunde für mein neues Stück mit Kronen nach dem heutigen Kurs oder selbst nach dem Märzkurs vom Jahre 1921 bezahlen sollen. Als englischer Bürger, dessen Land die Schuld daran trägt, daß die Blockade so lange Zeit nach dem Waffenstillstände aufrecht blieb, fühle ich mich gleichfalls mitschuldig an der vielfachen Not, die durch die Blockade verursacht wurde und gleichzeitig mitschuldig an der Demolierung Ihrer Valuta. Deshalb bin ich der Meinung, daß es ein viel ehrenhafteres Abkommen wäre, mir keinen Vorschuß zu zahlen, sondern bloß prozentuelle Tantiemen in der Währung Ihres Landes, nicht aber nach dem Werte der englischen Valuta." Mit jener Freimütigkeit, die stets ein Charakterzug des trefflichen Mannes war und mit einer Zurückweisung materieller Vorteile, die man so gerne den modernen Literaten im Allgemeinen und besonders den jüdischen Berufsangehörigen gerne zum Vorwurf macht, steht hier Zangwill auf den Standpunkt des freimütigen Bekenner von Schuld und Mitschuld der Engländer am Weltkrieg, was. ihm vielleicht bei den Nationalen aufs Kerbholz geschrieben, aber anderseits gls ein schätzbares Dokument der Zeitgeschichte betrachtet werden dürfte. Leopold Hilsner. Dieser Name ist eine Erinnerung an die Zeit, die Profeffor Masaryk — er war damals noch ein schlichter Abgeordneter im österreichischen Parlament — die Schmach des 19. Jahrhunderts nannte, an die atavistische Zeit des Polnaer Ritualmordprozesses. Die Erinnerung an jene Zeit wird lebendig durch den unglücklichen Helden der Justiztragödie, die damals ihre Sensationswellen weit über die Gemarkungen Oesterreichs spülte. Um es kurz zu sagen: Leopold Hilsner wandelt unter uns, nachdem er aus jahrzehntelanger Haft freigegeben wurde und seine Heimatsgemeinde mit ihm nichts anzufangen wußte. Das armselige verdorfte Städtchen Polna, an dem der Umsturz nichts ändern konnte, auch nicht den dort altgewurzelten Judenhaß, huldigt, wie überhaupt die Provinz, der Ansicht, wer sich in Wien nicht fortbringen kann, wird sich nirgends fortbringen. Und Hilsner bringt sich in Wien fort. Aber wie er es tut, soll der Gegenstand einer ernsten Betrachtung sein. Das Charakterbild dieses Mannes kommt hier nicht in Betracht. Es mag ja ursprünglich gut gewesen sein, aber daß ein Leben im Kerker die Besten demoralisiert, darüber sind die Gelehrten und Ungelehrten einig. Es kann daher nicht überraschen, wenn Leopold Hilsner, der Freiheit wiedergegeben, sich mehr in der Rolle eines Märtyrers, aü eines werktätigen Mitgliedes der menschlichen Gesellschaft wohl fühlt. Er zieht es vor, sein angebliches Martyrium nutzbringend auszuschroten, ließ sich tausende von Lichtbildern in Postkartenformat anfertigen, versah sie mit seinem kostbaren Faksimile und zieht mit diesem Handelsartikel von Kaffeehaus zu Kaffeehaus, von Gast zu Gast und schildert sein Schicksal im Umherziehen gegen milde Gaben, auch gelegentlich andersgläubigen Gästen, die leicht geneigt sind, die Legende zu glauben, daß die Juden entweder zur Klaffe der ') In der Schreibweise des Originals gesetzt.