Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 2 (18.3.1920)
- Date
- 1920-03-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 6 Die Wahrheit Nr. S Vor großen Entscheidungen.*) Die Wahlen für das ungarische Abgeordnetenhaus haben eine überwiegende Majorität des christlichen Blocks ergeben. Dasungarische Volk, von den Erschütterungen und Heimsuchungen der letzten Jahre ausäußerste erschöpft, hat sich scheinbar von den Idealen und Weltauffassungen abgewendet, die weit über ein halbes Jahrhundert die Richtschnur seiner Politik gewesen, die, an die hehren Traditionen früherer Jahrhunderte anknüpfend, daS Gedeihen diese- Landes in der Befolgung des wahren Freisinns gesucht. Wir können darüber nicht erstaunt sein, — können darannicht dem ungarischen Volk einen, Vorwurf machen. Wenn Männer wie Franz Herczeg sich unter dem Drucke der Ereignisse der letzten Jahre vom Liberalismus abwenden und sich in ihrer Verzweiflung von allem loSsagen, was dereinst den Stolz und die unantastbare Wehr dieses Landes gebildet — wie sollten da die großen Massen nüchterner, kaltblütiger denken? DaS ungarische Volk hat vor- . läufig sein politisches Verdikt gefällt, und daS demnächst zur Tagung zusammentretende ungarische Parlament wird diesem Verdikt gemäß im Zeichen deS konservativen christlichen Blocks stehen. Das Judentum Ungarns blickt der nächsten Zukunft mit Ruhe entgegen. Unseren ausländischen Glaubensbrüdern freilich erscheint unsere Zukunft in düsterem Lichte. Von vielfach übertriebenen Berichten über Judenverfolgungen irregeführt — von Berichten, die von den Gegnern Ungarns mit Freude aufgegriffen und auS politischen Gründen nach Möglichkeit noch greller ausgetragen wurden — sehen sie hier schon die finsterste Reaktion hell auflodern, die sich gegen daS Judentum, als gegen den Sündenbock der Weltgeschichte richtet. Wir aber, die wir die Ereignisse auS, nächster Nähe gesehen, die wir mit diesem Volke leben, deffen auf Gedeih und Verderb unzerreißbarer Teil wir sind, wir, die wir uns angesichts der vorausgesehenen, eine natürliche Folge der Kriegserschöpfung bildenden Hetzereien unseren klaren Blick gewahrt, wir rufen unseren Glaubensbrüdern im Auslande zu: Fürchtet nichts für das ungarische Judentum! Mit diesem -Lande sind wir für ewige Zeiten verknüpft, in diesem Lande können und wollen wir unser Heil er warten! Wir sind geblieben, was wir waren: ungm ^che Bürger jüdischen Glaubens, und von diesem Bekenntnis wird uns keine Wühlerei abspenstig machen — ob sie nun von innen oder von außen kommt. Wir wiffen, daß die Traditionen des alten Ungarn, die Traditionen eines Koffuth, Petüfi, Jükai, Szilägyi, Tisza, nicht aus dem Herzen dieses Volkes verülgt werden können; wir wissen, daß keine Strömung auf Erden — und mag sie vorübergehend noch so überwältigend auftreten — daS Prinzip der bürgerlichen Gleichberechtigung aus dem Herzen dieses Volkes auszurotten vermag. Furchtlos und ruhig, blicken wir ungarische Juden der Zukunft entgegen. Die Wolken, die sich über unseren Häuptern zusammengeballt, werden vor den siegreichen Strahlen der Sonne zerflattern. Ungarn wird auferftehen, wie es gewesen: als Hort der Freiheit, der Menschenrechte, als Schutzwehr der bürgerlichen Gleichberechtigung, als Verheißung der Gleichheit und Brüderlichkeit aller seiner Söhne! Wir haben den christlichen Block nicht zu fürchten. Man verwechselt ihn im Auslande oft mit dem lärmenden, marktschreierischen Antisemitismus. Er hat aber als politische Partei nichts mit ihm gemein, und sein Programm ist gegen die Destruktion, nicht gegen das Judentum.gerichtet. Wenn er von der christlichen Moral spricht, auf der daS Ungarn der Zukunft aufgebaut werden muß, so können wir ungarische Juden ihm rückhaltslos beistimmen — ist doch diese Moral eine Tochter der jüdischen Moral und mit ihr identisch. Wenn er die nationale Richtung als Grundlage unserer Politik aufstellt, so können wir ungarische Juden unS getrost auf diesen Standpunkt stellen, waren wir doch stets nach dieser Richtung orientiert. Der einzige Unterschied zwischen dem christlichen Block und unS liegt nur darin, daß der Block auf konservativer, wir aus freisinniger Basis das Heil des ungarischen Vaterlandes suchen, und eben deshalb können wir unentwegt, zuversichtlich auf das Rechtsgefühl dieses Volkes, auf das Rechtsgefühl seines Parlaments bauen. Unseren Glaubensbrüdern im Auslands aber rufen wir zu: Fürchtet nicht für uns, wir werden mit unseren Gegnern in unserer Mitte fertig werden, wir werden unsere ungarischen Brüder auS eigener Kraft, mit unseren Handlungen über die Jrrtümer ausklären, denen sie vorübergehend zum Opfer fallen mögen. Wir verlangen,' wir fordern eure Hilfe! Nicht zu diesem Strauß, den wir bei uns und mit uns auszufechten haben, sondern darum, daß unsere losgerissenen Glieder uns wieder angefügt werden, daß unsere unter fremdes Joch gestellten Glaubensbrüdev wieder mit uns vereinigt werden. Denn auch sie sind, was wir bleiben: Söhne dieses ungarischen Vaterlandes, denen nur von draußen her, nicht in unserer Mitte, nicht im Schoße ihrer ungarischen Brüder Gefahren drohen. *) Nach „Jüdischer Korrespondenz aur Ungarn".