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Die Wahrheit · 1920-03-18 · Heft 2 (18.3.1920) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 2 (18.3.1920)
Date
1920-03-18
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 2 Hie Wahrheit Seite f ist, daß sie sich nicht belehren lassen wollen. Neben ihnen gibt eS jedoch viele, die aufrichtig und in wissenschaftlichem Drange das Wesen deS Talmud erkennen Mächten, und denen an die Hand zu gehen, ist eine oberste Aufgabe der Wissenschaft des Judentums. Sogenannte „Einleitungen" in den Talmud gibt es nicht gar viele. Am besten bekannt ist die „Einleitung in den Talmud" von dem Berliner evangelischen Theologie-Professor L. H. Strack, die bereits in vierter Austage erschienen ist und ihren Zweck vollständig erfüllt. Man kann auch gegen den Geist nichts einwenden, in welchem die Strack'sche Einleitung geschrieben ist, denn nirgends kommt auch der leiseste Spott oder Haß gegen den Talmud darin zum Worte, der vielmehr ganz unbefangen als ein grandioses literarisches Werk behandelt und beschrieben wird. Dennoch aber kommt es sehr darauf an, ob man im Talmud bloß den Ausdruck des rabbinischen Judentums sieht, oder dasjenige Werk, in welchem sich die Seele des ganzen jüdischen Volkes manifestiert, also auch sein Denken und Fühlen in religiöser Beziehung. Der Talmud bleibt eben der authentische Interpret der Bibel, er ist Geist von ihrem Geiste, und ihn so zu bewerten, wird noch immer am besten in jüdischen Kreisen erreicht. Vom Talmud kann man ebensowohl rein kritisch, wie rein gefühlvoll urteilen; der Wahrheit kommt man am nächsten, wenn man das eine tut und das andere nicht vernachlässigt. Vom Talmud ein adäquates Bild entworfen zu haben, ein Bild, welches den dargestellten Gegenstand völlig erkennen läßt und den Beschauer zugleich erfreut, ist das hohe Verdienst Rabbiners S. Funk, von besten tiefer Kenntnis des Talmuds und der Halacha auch sonst zahlreiche Werke und Schriften Zeugnis ablegen. Dr. S. Funks Werk, das wir -hier im Auge haben (Die Entstehung de- Talmuds, Sammlung Göschen, Berlin und Leipzig 1919, zweite, neubearbeitete Auflage), ist aus dem Vollen geschöpft und bietet eben darum'die sicherste Gewähr für zutreffendes, zugleich aber liebevolles Urteil über den wichtigen Gegenstand. ES ist die einzige brauchbare Einführung in den Talmud, die von jüdischer Seite geschrieben wurde. Ein kleines Buch, populär und gemeinverständlich geschrieben, und dennoch alles enthaltend, was über den Talmud wissenschaftlich und vom Standpunkte des religiösen Judentums zu sagen ist. Jn^ vielen Kapiteln, die in mehrere Paragraphe zerfallen und den Stoff sehr übersichtlich vorsühren, belehrt uns das Buch über, die mündliche Ueberlieferung der vormosaischen, der biblischen und der babylonischen Zeit, macht uns dann bekannt mit den Soferim, Tannaim und Amoraim bis zum Abschluß der beiden Talmuds (jeruf. und babylon. Talmud) und gewährt uns noch einen Ausblick über die späteren Schicksale des Talmud. Zu dem Buche gehören als Ergänzung „Talmudproben", die ebenfalls in der stattlichen und geschmackvollen „Sammlung Göschen" erschienen sind und die wohl nun auch zur zweiten Auflage gelangen werden. Daß überhaupt Funks Buch eine zweite Auflage erlebt hat und dar unmittelbar nach dem Kriege, zeigt am besten dessen Brauchbarkeit und die Verbreitung, die es gefunden hat. Schon die Andeutung dessen, was da-Buch enthält, läßt erkennen, daß nach Funk die Wurzeln des Talmud sehr tief stecken. Das ganze Buch kennzeichnet ein konservativer Geist, wie er eben in der Hildesheimer'schen und Hoffmann'schen Schule inBerlin, aus der Funk hervorgegangen, gepflegt wird, und dieser konservative Geist hat jedenfalls seine Berechtigung, wenn es auch Forscher gibt, die für manchen Punkt der Tradition ein späteres Werden und Entstehen annnehmen. Der von Funk bewußt vertretene Standpunkt der religiösen Hinnahme der im Talmud selbst enthaltenen Aussagen und Behauptungen drängt sich in seiner Darstellung nirgends unlieb auf und verträgt sich ganz gut mit der wissenschaftlichen Anschauung der ganzen Werkes des Talmud. Ein Vorzug in Funk- Arbeit ist es auch, daß er die Sitten und Gesetze der altorientalischen Völker gut kennt und zum Vergleiche heranzieht, wie er für die späteren Zeiten der talmudischen Ueberlieferung wieder von dem Gebrauch macht, was an Vorgänge bei Griechen, Römern und Perser gemahnt. Er hat eS verstanden, in aller Kürze auch feine Texte, Quellen und Nachweise anzugeben, so daß der Forscher jede seiner Behauptungen auch nachprüfen kann. Zumeist ahnt es der Leser gar nicht, daß diese Behauptungen daS Resultat von tiefgehenden, minutiösen Forschungen sind, die der Verfasser vorher hat anstellen müssen, und noch weniger ahnt er eS, daß in diesen Behauptungen viel Originelles steckt (wir führen als Beispiel an daS Kapitel über die Methibhta, das als oberstes religion-gesetzliche- Forum hingestellt wird). Wir machen die Anzeige von diesem schönen gediegenen Buche mit dem Wunsche,.^ daß eS viele Leser finden möge und „die Schmach von uns abwälze", daß unser eigenes Volk den Talmud nicht kennt. Dieses Ziel könnte durch Funks Werk gut erreicht werden. Als Nachfolger möchte ich ihm wünschen ein Werk, das uns in das große Gebiet der Midraschim einleitet, und auch diese Aufgabe kann uns von einem in Rabbinicis best beschlagenem Manne geleistet werden.

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