Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 2 (18.3.1920)
- Date
- 1920-03-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. S •Seite S . :.**j£*3>*3L *•> Die Wahrheit und kulturelle Errungenschaften für die Glaubensbrüder dort erlangen und ist auf dieser Basis dem Projekte auch die weitestgehende Sympathie und Unterstützung aller Kreise gesichert. Dr. M. Kommunismus und Judentum. (Fortsetzung.) Aber die Propheten! Wer für moderne Anschauungen „Zeugen aus Israel" sucht, denkt zunächst an die Propheten, an die alten Seher, die ihrer Zeit um Jahrtausende voraus waren und deren Flammenblick den Nebel der Zeiten durchdrang. Und das taten natürlich auch die gelehrten Vertreter des Kommunismus. Seit Renan, der französische Feuergeist, seine schöne und interessante, aber wenig gründliche Geschichte des Volkes Israel in die Welt geschickt, ist es ja geistige Mode geworden, die alten Propheten als Führer großer.politischer Parteien, der „Armen und Begehrlichen" — so wird „anijim w'ebjonim" übersetzt — als Umstürzler und Demagogen hinzustellen. Warum sollten sie nicht auch Kommunisten gewesen sein! Waren sie es wirklich? Waren sie Demagogen? — Propheten und Demagogen! — Nie hat es größere Gegensätze gegeben! Wahr ist wohl, daß die mächtigsten Gewalten sich vor ihnen und vor der Ruhmeskrone beugten, die über ihrem Haupre schwebte. Sie waren „die eherne Mauer vor den Königen Judas und dessen Fürsten" (Ier. 1, 18). Wenn der Prophet seine Stimme im Namen Gottes erhob, im Namen des Königs aller Könige sprach, fühlte er sich als außerhalb der Landeshoheit stehend. Kaum aber, daß er seine Mission erfüllt, trat er in den Hintergrund zurück, war er wieder der bescheidene Bürger, der demütige Diener seines Herrn. Dem heimkehrenden, lorbeergeschmückten König Saul tritt Samuel mit den Worten entgegen: „Gott hat dir die Megierung entrissen", kaum aber, daß er sich seines göttlichen Auftrages erstledigt, gibt er dem König, was deS Königs ist und kehrt wie einer der Höflinge in dessen Gefolge zurück. Gleich einem königlichen Diener läuft Elijahu vor Achab her, derselbe Prophet, der ihm die harten Worte in's Gesicht geschleudert: „Du und dein Vaterhaus habt Unheil über Israel gebracht" und welcher der strengen rachegierigen Jsebel das furchtbare Strafgericht ^gekündigt: „Die Hunde werden Jsebel vor der Mauer Jesrels fressen". Wo es sich um ihre prophetische Sendung handelte, da nahmen sie keine Rücksicht, weder auf hochgestellte Personen, noch auf die Sicherheit deS eigenen Leben-. Rücksichtslos traten sie den Mächtigsten des Landes entgegen, traten mit flammenden Worten für die Schwachen und Bedrängten ein, kämpften gegen da- Unrecht auf Erden und es wird stets zu den Ruhmestaten unsere- Bockes gehören, daß unsere Denker, wie Renan an einer Stelle seiner Geschichte bemerkt, „die ersten waren, die sich gegen die Ungerechtigkeit der Welt empörten. Im Gegen» satze zu den Staaten und Poli's der alten Zeit, die verschiedenen Gesellschaftsklassen, erbliche Privilegien, Ungerechtigkeit und Uebergriffe voraussetzten, wollte Israel das Gegenteil von alledem: soziale Gerechtigkeit". Seine Gottesstreiter kehrten sich mit aller Macht gegen die Latifundienwirtschast, gegen die Auswüchse der gesellschaftlichen Ordnung, gegen die Uebergriffe der herrschenden Klaffe, gegen Gewalt und Unrecht und forderten gleiches Recht für alle. Nie aber verwechselten sie Gleichberechtigung mit Gleich» Wertigkeit, die ja bei den Menschen gleiche Befähigung und gleiche Eigenschaften voraussetzen würde. Von den trüben und traurigen Verhältnisse ihrer gottlosen Zeit angewidert, wandten sie sich mitunter der Zukunft zu, entwarfen schöne, farbenprächtige Bilder von künftigen besseren Tagen, in welchen „der Wolf neben dem Schafe wellt, der Leopard neben dem Lamme ruht und auf GotteS weiter Erde man nicht- Schlechtes und nichts Verderbtes mehr übt". Aber auch in diesen Tagen, in welchen die Ideale der Propheten verwirklicht werden sollten,wird der Menschen Glück und Heil nicht in einer anderen als der bestehenden, auf Privatbesitz beruhenden, wirtschaftlichen Ordnung gesucht und gefunden werden. Der tränenreiche Prophet Jeremias, der den Zerfall des Staates miterleben muß, tröstet sich damit, daß „man dereinst noch Häuser und Felder kaufen wird in diesem Lande" (33, 15), „Felder kaufen um Geld und Kaufbriefe schreiben" (33, 44). Und Ezechiel, der für den Wieder» aufbau dejüdischen Staatenach der Heimkehr aus der babylonischen Gefangenschaft einen Plan entwirft, kennt keine andere Art der Landesverteüung als die in der Bibel vorgeschriebene. „Dieses Land sollt ihr unter euch teilen nach den Stämmen Israels (47,21). Die Zuweisung der einzelnen Antelle soll durch das Los erfolgen (48, 39). Auch an die Fremden. „In welchem Stamme immer der Fremdling sein wird, daselbst sollt ihr ihm ein Erbtell geben" (47, 23). Der Propheten Ideal war eben wie dades biblische» Gesetzes eine gesicherte und derartig geordnete Verteilung des Besitzes, daß Not und Ueberfluß gleichmäßig gemieden werden, also ein gesunder Mittelstand und eine Zeit, in welcher „Jeder unter seinem Weinstocke und unter seinem Feigenbäume sitzen und ihn Memand schrecken wird" (Micha 4,4). (Fortsetzung folgt.) F. 4 1