Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 2 (18.3.1920)
- Date
- 1920-03-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Die Wahrheit Nr. 2 Nachklänge vom letzten Iionistenkongreß. Die Tagung des zionistischen Komitees in London hat selbstverständlich bei den verschiedenen Ansichten über die Zukunft des zionistischen Staates zu mancherlei Meinungsverschiedenheiten und lebhaften Kontroversen geführt, die bei den unterschiedlichen Parteiorganen ein Echo finden; in meritorischer Hinsicht hat das Komitee, wie bei ähnlichen Anläffen schon oft beobachtet wurde, die Sache nur wenig gefördert und überhaupt kaum einen neuen Standpunkt vertreten. Selbst Weizmann, einer der bedeutendsten Führer der Bewegung, mußte bekennen, daß man einen jüdischen Staat zurzeit weder erlangen, noch verlangen könne; was er selbst verlangt habe, seien Mittel, um die Bedingungen zu schaffen, aus denen ein jüdischer Staat werden könnte. Er verstehe darunter die Möglichkeit des Erwerbefreien Landes, die Vergebung öffentlicher Arbeiten an jüdische- Kapital und jüdische Arbeit und kulturelle Freiheit bei öffentlicher Anerkennung der hebräischen Sprache. Ferner solle der Sabbat als der ofiizielle Ruhetag anerkannt werden. Sehr hartnäckig behaupteten sich die Gerüchte von einem jüdisch-arabischen Geheimvertrag, wozu noch der Umstand beitrug, daß der Emir Faisul in einer Aussprache mit A. H. Goodman durchblicken ließ, daß es zwar kein förmlicher Vertrag, sondern nur ein Briefwechsel sei, in dem die Harmonie der Ansichten niedergelegt wurde. Diese Gerüchte gaben in weiten Kreisen Ursache zu Besorgnissen und Aufregungen, so daß der I e w i s ch Chronicle es für notwendig hielt, über diesen Gegenstand bei Herrn Weizmann Erkundigungen einzuziehen, worauf dieser die Erklärungen des Emirs bestätigen mußte. Es ist nun äußerst intereffant zu erfahren, wie sich diese hochstehende und maßgebende Persönlichkeit zur Frage eines jüdischen Nationalstaates äußerte. „Ich habe meine Ansichten über diese Frage bereits der Friedenskonferenz dargelegt und den Gegenstand auch mit den zionistischen Führern behandelt. Die Araber betrachten Palästina als ein Land, das von Arabern bewohnt und daher ein Teil des arabischen Königreiches ist. Wenn ich dies sage, so wünschen wir keinen Augenblick, die Juden von Palästina auszuschließen. Wir betrachten sie als unsere Vettern, ja sogar als Stammesbrüder. Die Araber glauben, daß sie jedes moralische und materielle Interesse haben, mit den Juden aufrichtig zusammen zu arbeiten und in Palästina als Brüder zusammen zu leben, wo sie gemeinsame Jntereffen, gemeinsame Pflichten und gleiche Reche haben." Nach einem längeren Meinungsaustausch über )ie Möglichkeit einer Staatsbildung kommt der Emir zu der Erklärung: „Wir können nicht begreifen, wie es möglich ist, einen jüdichen Staat in Palästina durch friediche Methoden zu schaffen. Es wird die Pflicht der Araber in Palästina fein, zu arbeiten, ihr Land zu kultivieren und ihre Kinder zu erziehen. Wenn sie dies tun, wie können die Zionisten einen jüdischen Staat in Palästina erhalten, wenn sie sehen, daß sie nur eine äußerst kleine Minorität sind und für lange Zeit sein werden? Wir müssen den Juden überlassen, zu tun, was sie für das Beste halten. Wir wünschen eine brüderliche Haltung zwischen unserem Volke und dem Gurigen und zu diesem Zwecke müssen die Extreme auf beiden Seiten, sowohl jene Zionisten, welche wünschen, daß die palästinischen Araber ihre Häuser auf ihre Kamele packen und Palästina verlassen sollen, wie auch jene Araber, welche jede jüdische Niederlassung in diesem Lande verhindern wollen, ausgeschaltet werden. Zusammen müssen wir arbeiten, um das heilige Land zu einem Zentrum des Friedens, des Fortschritts und der Zivilisation zu machen." Emir Faisul der gewiß keine Schule der Diplomaten besucht hat, besitzt gleichwohl alle Gewandheit dieser Zunft, läßt aber mit seinen Worten über die Absichten seiner Politik keinen Augenblick im unklaren, weshalb auch die von ihm gemachten Erklärungen Sensation erregten. Es konnte nicht fehlen, daß in dieser wichtigen Angelegenheit auch Z a n g w i l l um seine Meinung befragt wurde und er äußerte sich mit der ihm eigenen .temperamentvollen Offenheit über die aus Resignation und scheinbarem Optimismus bestehenden Ideen Weizmanns. Zangwill hat in einer gelegentlich im Poale Zion gehaltenen Rede ziemlich überzeugend nachgewiesen, daß angesichts der arabischen Majorität und der Haltung der Araber das von Weizmann und Sokolow notgedrungen akzeptierte politische Maximalprogramm nicht das mindeste zur Lösung des jüdischen Problems beitragen kann und im Grunde ein völliges Fiasko bedeutet. Aus all dem geht hervor, daß weniger ein jüdisch-politischer Staat Aussicht auf Bestand hat, sondern daß es sich hauptsächlich, um Siedlungen handeln kann, deren kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung von allen Parteien gewünscht und angestrebt wird. Wie die Verhältnisse heute geartet sind, dürfte man unter englischer Oberhoheit solche wirtschaftliche