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Die Wahrheit · 1920-03-18 · Heft 2 (18.3.1920) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 2 (18.3.1920)
Date
1920-03-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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MaWMLeHeMrNAr WMeMeEn- Fernruf REDAKTION u-ADMIfl ISTR AT1QM 4TS1L Me«, T. Kaiser Josefstratze 13 Wien, 18. März ISS« Nummer 2 XXXVI. Jahrgang Die Lösung der Iudenfrage in Polen. Der „I <w i s h C h r o n i c l e" berichtet über einen Dortrag, den ein Professor S a r o l e a in Edinburgh über seine Erfahrungen auf einer Reise durch Polen gehalten hat. Der Redner fragte einen polnischen Staatsmann, wie die polnische Regierung die Judenfrage in ihrem Lande lösen wolle, worauf er folgende Antwort erhielt: „ES gäbe drei Alternativen: die Juden könnten ausgehungert werden, man könne sie toten oder sie zur Auswanderung " zwingen." Der fragliche polnische Staatsmann stellt sich die Lösung der Judenfrage in seinem Lande so einfach vor, wie einst im Mittelalter. Die Machthaber in Spanien, Frankreich und Deutschland waren aber nur für die beiden letzteren Alternativen. Die Geschichte der Juden auS jener finsteren Zeit ist mit Blut geschrieben. Jedes Kapitel schreit zum Himmel über maßloses Unrecht und Gewalt und doch hatten die Bedränger der Kinder Israels damals den Vorwand, zu handeln nach dem Geist der Zeit. Peter von Amiens und Bernhard von Clairveaux waren Resultierende einer von Haß und Leidenschaft erfüllten Epoche. Ihnen war der „Glaube" ein bequemer Vorwand und sie waren menschlicher als die polnischen Staatsmänner, denn sie hatten noch eine dritte Alternative: Taufe. Von diesem letzten Rettung-mittel spricht der dunkle polnische Staatsmann gar nicht, weil ihm wohl der Jude, ob bekehrt oder unbekehrt, ein Greuel ist und seine staatsmännischen Gesinnungsgenoffen, wie die Horden der Legionäre, am liebsten gleich zum radikalsten Mittel, dem Juden-Erschlagen greifen. Das Untertauchen in den Strom des Taufwassers, das traurige Rettungsmittel, auf welches zahlreiche Juden in Polen in ihrer Verzweiflung verfallen, bringt «lch nicht die ersehnte Wirkung. Cs hat die Pogrome nicht verhindert. Auch die Proteste und Drohungen der gesamten Kulturwelt haben bisher keine Erfolge gezeitigt. Aber die Herren in Polen sollten bedenken, daß letzten Endes sich das 20. Jahrhundert sehr merklich vom 13. Jahrhundert unterscheidet, daß es heute so etwas wie Völkerrecht und Menschenrechte gibt und wer sich hier über angeborene wilde Instinkte hinwegsetzen will, mit der Kraft- und Machtfülle der neuen Herren aller politischen Ordnung n in Europa rechnen muß. Der Schutz der Verfolgten durch ihren Staat steht auf der Liste der Bedingungen des Obersten Rates, der die Zukunft der Menschheit in die Hand genommen hat. Die jüdische Bevölkerung kann in Polen so wenig als in einem anderen Lande dieses Schutzes verlustig werden. Denn schließlich muß es ja doch eine Rechtsbasis geben, in welcher jedes staatliche Leben verankert ist und ohne welche Voraussetzung das Regieren zur Anarchie entarten würde. Gegen solche Zustände sich zu schützen ist eine Pflicht der Selbsterhaltung, der sich auch die Machthaber in Polen, welcher Parieirichtung sie immer angehören mögen, nicht entziehen dürfen. Traurig und schmachvoll bleibt es nur, daß die Polen, die am eigenen Leibe die Qualen der Unterdrückung jahrhundertelang erfahren mußten, deren beste Söhne zum Strang oder zu lebenslänglichen Sibirien verurteilt wurden und aller Welt Sympathien, Mtleid und Hilfe erbettelten, kaum im Besitz der jungen Freiheit ihre Vergangenheit vergeffen und den Juden dieser Landes dasselbe Schicksal bereiten möchten, von dem sie selbst durch die Gnade der Weltgeschichte erlöst wurden. Und die Weltgeschichte kann sich gerade in diesem Punkte nicht widersprechen, selbst wenn es sich nur um die so wenig geachteten Juden handelt.

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