Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 1 (4.3.1920)
- Date
- 1920-03-04
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 Die Wahrheit Nr. 1 voller Aufnahme und behaglicher Ruhe sehnt. Der - Bericht schloß mit warmen Dankesworten und dem Antrag, aller Freunde, Mitglieder und Gönner, deren Name im Ehrenbuch des Vereines verzeichnet, der „Einheit" mit Wohlwollen zu gedenken, sowie einem warmen Nachruf für die verstorbenen Vereinsmitglieder und Förderer. Herr Revisor Jakob Fuchs beantragte sodann, dem Vorstande Absolutorium zu erteilen, was von der Versammlung einstimmig mit Beifall angenommen wurde. Herr Retter dankte namens der Flüchtlinge für die großzügige Unterstützung, welche dieselben in der schweren Not der Zeit durch den Vorstand erfahren, insbesondere aber dafür, daß die Anstalt in hochherziger Weise die rituelle Kost sogar den Bewohnern der Baracken zukommen ließ. Viele dieser Unglücklichen sind bereits freiwillig oder nichtfreiwillig nach ihrer Heimat gefahren, viele aber auch sind hier zurückgeblieben, haben sich eine Existenz geschaffen, aber alle ausnahmslos, welche die Wohltaten der „E i n h e i t" erfahren,. werden derselben stets mit dankbaren Herzen gedenken und sowohl hier wie in der Ferne dieser mustergiltigew Anstalt Freunde und Gönner werben. Schließlich — aber nicht zuletzt — um den uns zugewiesenen nicht Raum überschreiten zu müffen, erwähnen wir aus der reichen Tagesordnung, daß der Vorstand ermächtigt wurde, der Mensa aeademica judaica, die selbständig eine Küche erhalten will, K. 20.000 zu widmen. Die hieraus vorgenommen Borstandswahlen hatten folgendes Ergebnis: In den Vorstand wurden gewählt: die Herren Alexander Giger, Dr. Josef Bondy, Moritz Felsenburg, Adolf Fischer, Bernhard Hofbauer, Max Hofbau er, Direktor Dr. Salomon Krenberger, Hermann Kuner, Simon Manheit, Jg.Mehrer, Univ.-Pofeffor Dr. Heinrich Neumann, Heinrich Pappenheim, Rechtsanwalt Dr.Wolfgang Pollaczek, Dr. Isidor Reininger, Architekt Ignatz Reiser, Rechtsanwalt Dr. DagobertRybaczewski, Nachan Sch iss,,Hofrat Dr. Julius Schlag, Lipe Türkl. Die Damen: Bezirksrat Marie Rübner, Henny Schreiber. Als Revisoren wurden gewählt: die Herren Jakob Fuchs, Emil Kritzler, Jakob Stern. Pflichten der Stunde. Unter diesem Titel schreibt Dr. P Münz, Bad Kiffingen, im „Israelit" zur Not der Bevölkerun in Deutschösterreich und ganz besonders der Judenheit dafelbst. Ueberall regt sich das Mitleid und in geradezu rührender Weise werden auch in Deutschland Huss- «Monen zur Linderung der Not veranstaltet. Diese Hilfsaktionen kommen jedoch der jüdischen Bevölkerung aus verschiedenen Gründen, nicht zuletzt religiöser Art, kaum zu Gute. Es ist darum Pflicht der deutschen Juden auch ihrerseits in ausgedehnterem Maße als bisher dazu beizutragen, die jüdische Bevölkerung, besonders die Kinder Wiens, welche am meisten zu leiden haben, vor dem Untergange vor den verheerenden Wirkungen des Hungers zu retten. Sicherlich könnte eine große Anzahl jüdischer Kinder aus Wien in Deutschland auf dem Lande, besonders in den jüdischen Ferienkolonien und in den jüdischen Kinderheilstätten in Dürrheim, Colberg, Duhnen, Elmen, Bad Kiffingen, Nauheim, Norderney, Sassendors, Königsdorf usw. in einem gewissen Zahlenverhältnisse, ohne daß den deutschen Kindern viel Abbruch geschieht, während der Sommermonate untergebracht werden. Noch nie ist wohl an diese Institutionen eine dringlichere, eine ernstere Aufgabe herangetreten, als gerade in diesem Falle. Diejenigen jüdischen Vereine, Logen, Ferienkolonien, Kinderheilstätten, welche sich an diesem wahrhaft Humanitären Liebeswerke beteiligen wollen, mögen so rasch als möglich — die Not und Zeit drängen zur Eile — an den Verfasser die Mitteilung gelangen lassen, wann, auf wie lange und wie viele Kinder aus Wien sie aufzunehmen bereit sind, damit alles Weitere rechtzeitig in die Wege geleitet werden kann. Dieser Appell des edelsinnigen, warmsühlenden Mannes wird nicht ungehört bleiben und hat bereits erfreuliche Resultate ergeben. So wurden bei dem am 16. Februar unter Leitung der Baronesse O d e l g a nach Leipzig, Chemnitz und Plauen abgegangenen Kinderzug im Einvernehmen mit dem wiener Jugendfürsorgeamt 50 jüdische Kinder in einer Sondergruppe transportiert und befinden sich bei edelgesinnten Glaubensgenossen in bester Obhut. Pogromflüchtliuge. Ein aus Jaffa datierter Aussatz der „N. Z. Z." schildert wie folgt den Zustrom flüchtiger russischer Juden nach Palästina: „Auf den wildschäumenden Wellen des vom eisigen Nordwind durchgepeitschten Schwarzen Meeres wackeln, Nußschalen gleich, Segler, Frachtschiffe, Fischerbarken, Küstenschoner, sämtlich mit eigentümlicher Ladung beschwert: Greise, Frauen, Kinder, Jünglinge mit vor Todesangst und Frost verstörten Gesichtern, vor Kälte zitternd, in ihren leichten, zerschlissenen Kleidern, mit ihren hölzernen Kistchen, in denen Reste armseliger Haushalte zusammengepackt sind. Diese von der Seekrankheit gepackten, von Hunger und Durst geplagten Menschen sind progromslüchtige Juden aus Rußland, welche die letzten paar tausend Rubel (und in Rußland ist heute der Tausendrubelschein die kleinste, einigen Wert besitzende Münze) geopfert haben, um in die schrecklichste aller Verbannungen zu gehen, ohne Paß, ohne sicheren Schutz, ohne daß sich irgend eine organisierte Körperschaft der Welt um sie kümmerte. Viele von ihnen sind letzte Ueberlebende aus einer Stadt, die dem Erdboden gleichgemacht wurde, andere haben ihre Frau, den Vater, einen Sohn verloren und sind selbst durch Ausapserung zdes ganzen Vermögens mit knapper Not dem Tode entronnen. Wie einst, nach der Austreibung aus Spanien, wird diesen Leuten nicht erlaubt, Mittel für mehr als einen Monat Unterhalt mitzunehmen, und genau wir damals vor vierhundert Jahren sind sie unterwegs Herren- und rechtlos. Wohin fahren diese Unglücklichen, die ihr Heimatland ausspeit und denen kein anderes Gebiet Asyl bewähren will? Sie segeln gen Osten, ihr Ziel ist die alte Heimat ihres vielgeprüften Stammes: Palästina. Sie wissen, daß sie wochen-, ja sogar monatelang unterwags sein müffen, daß sie durch Sturm, Kälte oder Krankheit umkommen können, sie ertragen geduldig ihre Demütigungen und die endlos langwierigen Quarantäne-Maßnahmen, erbetteln bei