Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 1 (4.3.1920)
- Date
- 1920-03-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Die Wahrheit Seite 9 in Geldfragen ausgsschaltet bleibt. Stumpfsinn oder Bosheit ist es von reichen jüdischen Kultusgemein' den zu sprechen, wo diese unter den jetzigen Verhältnissen kaum imstande sind, ihren dringendsten Verpflichtungen nachzukommen. Der Leitartikler verst.eg sich noch zu der prächtigen Bemerkung: Christlichsoziale haben für die jüdische Kultus gemeinde gekämpft Wo ist also in Wahrheit die Judenschutztruppe? Von Nah und Fern Geleitworte. Mit heutigem übergeben wir die erste Nummer der „Wahrheit" unter der neuen Leitung zur freundlichen Beurteilung der geehrten Leser, gleichzeitig aber auch ihrer freundlichen Nachsicht, angesichts des Umstandes, daß die kurze Zeit, von der Uebernahme bis zum Erscheinen allerdings nicht hinreichen konnte, jenen.Unsprüchen zu genü gen, die man -vielleicht in der Öffentlichkeit stellt und die wir uns selbst gestellt haben. Wir können jedoch die Versicherung geben, daß es unser Bestreben sein wird, die Periode der Kinderkrankheiten rasch zu überwinden und sodann stetig mehr und Befferes zu bieten, bis wir m t diesem Blatte jenes Niveau erreicht haben werden, das uns von Anbeginn vorschwebte. Zu diesen unseren Absichten und Plänen gehört auch, für die Folge das wöchentliche Erscheinen des Blattes, wie es in früheren Zeiten gewesen, dem sich aber gegenwärtig die Teuerungsverhältnisse, technische Schwierigkeiten, sowie Unmöglichkeit der Anschaffung ausreichenden Papiermaterials hindernd entgegenstellen, so daß wir für eine kürze Zeit uns auf ein vierzehntägiges Erscheinen der „Wahrheit" beschränken müssen. Aber der Anfang ist gemacht, die neue Bahn betreten und das schöne Ziel aufgestellt, dessen Erreichung wir mit Gottes Hilfe erhoffen. Wir nehmen heute auch Anlaß, den alten Mitarbeitern, insbesondere Herrn Chefredakteur Dr. I. L ö w y für die Mühewaltung und Treue mit der sie alle Zeit zu diesem Blatte gestanden, verbindlichst zu danken und zu bitten, ihre gütige Gesinnung uns auch in der Folge zu bewahren. Desgleichen laden wir alle, die ein Interesse und einen Sinn für die gedeihlichen Bestrebungen unseres Blattes zum Wohle des Judentums besitzen ein, sich durch Beiträge und Mitteilungen im Rahmen der „Wahrheit" freundlichst zu betätigen. Volks-Speisehalleu der „Einheit". Die IX. ordentliche und!I. außerordentliche Generalversammlung fand Sonntag, den 23. Februar 1920, halb 10 Uhr vormittags, im Saale des Ingenieur- und Architektenvereines, 1. Eschenbachgaffe 9, statt. Obmann-Stellvertreter Herr Moritz Felsenburg eröffnete in Vertretung des erkrankten ObmanneS Herrn Bernhard Hofbauer, der feine Kraft feit 12 Jahren dem Vereine widmet, die Versammlung, dankte derselben für ihr zahlreiches Erscheinen und brachte zur Kenntnis, daß Bürgermeister Reumann sein Fernbleiben infolge beruflicher Tätigkeit entschuldigte und den Verein der vollsten Anerkennung versicherte. Nach Würdigung der Verdienste des erkrankten Obmannes um das Gedeihen des humanitären Vereines, sowie des segensreichen opferwilligen Wirkens im Interesse des Juventums teilte er noch mit, daß Herr Hofbauer in seiner bescheidenen Art den siebzigsten Geburtstag mit Ausschluß jedes ostentativen Hervortretens im engsten Familienkreise begangen habe. Die Versammlung gab ihrer Sympathie für den allverehrten Obmann durch Erheben von den Sitzen Ausdruck. Herr Felsenburg gedachte mit gebührendem Danke des Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde, der trotz der schwierigen finanziellen Verhältnisse der gemeinnützigen Anstalt erhebliche Zuwendungen machte und es an Beweisen sonstigen Wohlwollens für selbe nicht fehlen lasse. Kultusvorsteher Dr. Schreiber in Vertretung der Kultusgemeinde dankte dem Redner für seine anerkennenden Worte und versicherte ihm, daß der Kultusvorstand es an Beweisen der freundlichen Gesinnung nie werde fehlen lassen. Der Vorsitzende gedachte auch der ersprießlichen Tätigkeit des Kaffenverwalters Herrn Max Hofbauer, der mit hingebungsvollem Eifer die erforderlichen Mittel des Vereines mehre. Dem zur Verlesung gelangten Rechenschaftsbericht entnehmen wir die interessanten Mitteilungen: Das Jahr 1918 war in jeder Art das besuchteste. Das Jahr 1919 bot nur in den Feiertagsportionen eine hohe Ziffer. 1918 gabm wir sogar am Abend über eine Million Kronen ans. 1919 konnten wir infolge behördlicher Anordnung kein Abendessen geben. 1918 scheint das Jahr des größten Bedürfnisses gewesen zu sein. 1919 verringerte sich die Zahl der Besucher, weil viele Flüchtlinge und viele in Wien früher gewesene Soldaten in ihre Heimat gingen. Die Vermehrung der Feiertagsportionen, die teurer sind als die Wochentagsportionen, im Jahre 1919 läßt nur auf das Verlangen nach besserer Nahrung schließen. Erfreulich ist die kleinere Menge von Krankenkost im eben abgelausenen Jahre. Schon diese Zahlen geben also ein Bild unserer allgemeinen Verhältnisse. Die Einnahmen in den Jahren 1917 bis 1919 waren: 1917 K. 624.103-50, 1918 K. 677.037-85 und 1919 K. 874.134-32. Das Jahr 1919 gestaltete sich sehr kritisch. Das Defizit war am 1. Oktober auf mehr als K, 100.000 angewachsen. In dieser gefahrdrohenden Lage haben die Mitglieder des Vorstandes sich bemüht, denSpeisehallen Hilfe zuzuführen und eS gelang ihnen, Gönner zu finden, so daß nicht nur ohne Defizit, sondern sogar mit einem Vorräte in das Jahr 1930 eingetreten werden konnnte. Daß die harten Zeiten und wirtschaftlichen Verhältnisse den Vorstand des Vereines sehr oft vor die kritischesten Lagen stellten, ist begreiflich. Nur Mut und Vertrauen auf Gott und den Edelsinn unserer Mitmenschen hielten unS aufrecht. Und wenn auch unser Reingewinn am 31. Dezember 1919 nur K. 13.193-43 betrug, so blicken wir doch auf eine nnicht ungünstigen Stand unseres Baufonds von K. 303.450-11 zurück, ein Kapital, das unS helfen soll, in baldigen guten Tagen ein eigenes Heim zu besitzen und dort alles zu vereinen, was einen Herd entbehrt, aber sich nach guter Nahrung, liebe-