Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 1 (4.3.1920)
- Date
- 1920-03-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 JTC. %TlÄslr^3i3Wsr^23MeS£iSöi^5i^ Die Wahrheit Nr. 1 einer Haupt- und Staatsaktion gekommen — dulden die Juden immer noch die Verunglimpfung in Wort, Schrift und Brld^ncht nur, sondern finden daran Vergnügen. Die Tschechen, die jetzt als Siegernation ein vermehrtes Selbstbewußtsein besitzen, handelten nur folgerichtig, als sie vor kurzem dem Hauskomiker eines Wiener Varietees mit handgreiflichem Protest gegen seine Schlagernummer „Böhm" und „Jud" drohten. Der Wink mit dem Zaumpfahl wirkte. Der Komiker ließ den Böhm in die Versenkung fallen und produzierte nur den Juden, zum Gaudium des entzückten jüdischen Publikum. Geradezu peinlich wirkt es, wenn derartige Kunstgenüsse noch von Glaubensgenossen geboten werden. Wir müssen da an die lehrhaft-sinnige Geschichte vom Weisen, Goldschmied und Hufschmied erinnern. Der Weise ging die Bazarstraße entlang und beobachtete den Goldschmied bei seiner Arbeit in offener Werkstatt, wie der mächtige Hammer fast geräuschlos aus das Edelmetall schlug. Weiter schritt er des Weges und kam zu dem Hufschmied. Von ferne schon tönte der schrille Klang des Eisens auf dem Ambos. „Sonderbar" sprach der Weise zu dem Eisen, „ich habe soeben das Golc> gesehen, wie es unhörbar duldet; du aber, viel geringer im Werte, erhebst heillosen Lärm". „Darin liegt nichts Sonderbares", erwiderte das Eisen, „wenn Gold von fremden Metall geschlagen wird, duldet es still; ich jedoch werde von meinesgleichen geschlagen. Das schmerzt und deshalb schrei ich". Unsere modernen Westjuden haben die Moralphilosophie,. die eiserne Ethik ihrer Altvorderen auf den Kopf gestellt. Bei jedem arischen Fettgeschrei: „Hepp, Hepp!" rufen sie schmerzvoll nach Polizei und Staatsanwaltschaft, wenn aber Glaubensverwandte Humoristen ihren öden Witz am Juden üben und von der Bühne herab Juden verspotten, figürlich anspucken und durch den Kot schleifen, dann weidet sich ihr Publikum daran und ist ihnen so kanibalisch wohl, wie den fünfmalhundert Tieren in Auerbachs Keller. Auf dem Grunde dieser beklagenswerten Kulturerscheinung liegt die Wahrheit, daß die Juden so im eigenen Wirkungskreise das Rischus besorgen und solcherart andere dazu ermuntern. Es ist daher zu begrüßen, daß der Wiener Artistenbund Darbietungen, welche die Verhöhnung von Juden und Tschechen zum Gegenstand hat, beseitigt wissen will. Worüber sich die „ReichSpost" krSukt. Sie meldete im Tagesbericht, daß Herr Viktor Silberer sein Schlößchen auf dem Semmering an Herrn Paul Go Idstein, Direktor der Depositenbank, verkauft hat und widmet diesem Ereignis die schmerzlich-wehmütige Betrachtung: „Das ist der Zug der Zeit. Das Wiener Bürgertum dankt ab und die neuen Herrschaften ziehen ein". Der vorurteilslose Beobachter wird im neuesten Realitätengeschäft des Herrn Silberers weniger einen Zug der Zeit, als einen Zug in der Wesensart dieses Herrn finden, der wohl feine finanzielle Bedeutung vorwiegend allerlei Transaktionen dankt, wobei er sich vernünftigerweise auf keinen Rassenstandpunkt festlegte. Er hat seinerzeit die Lokalitäten seines Annahofes an jüdische Pächter für allerlei Vergnügungsetablissements, worunter auch eine jüdische Possenbühne, vermietet, weil er dabei gute Rechnung fand, ohne daß sich die „Reichspost" darüber aufgeregt hatte, obgleich gerade damals Herr Viktor Silberer eine Zierde und Stütze des Luegerschen Antisemitismus war. Von alberner Geschmacklosigkeit ist der Stoßseufzer der „Reichspost". Das Bürgertum dankt ab, die neuen Herrschaften ziehen ein. Unseres Wisstns hat Herr Viktor Silberer sein Wiener Bürgertum nicht abgedankt, wenn aber gemeint sein sollte, daß den Juden die Bürgerrechte aberkannt werden mögen, dann ist das 20. Jahrhundert dem Ideale Dr. Funders noch nicht reif und er möge sich gesagt sein lassen, daß die neuen Herrschaften gewiß bessere Bürger sind, als manch einer, der in der Schriftleitung der „Reichspost" sitzt und wenn es finster wird verstohlen in die Laube der neuen Herrschaften schleicht. Diese bittere Wahrheit ist nicht aus der Welt zu schaffen. Wo ist die J«de»schutz1r«ppe? Auf die richtige Beantwortung dieser Frage könnte man einen Preis setzen. Vor Jahren nämlich pflegten die offenen Antisemiten den Sozialdemokraten mit Vorliebe den Schimpf anzutun, daß sie sie als Judenfchutztruppe bezeichnten. Es hatte manchmal den Anschein der Berechtigung. Namentlich vor den Februarwahlen, als man um dir Seele der stimmberechtigten Wiener Judenfchaft rang, bewarben sich die Sozialdomokraten mit einer förmlichen Inbrunst um diese ausschlaggebende Partei. Später als der jüdische Mohr seine Schuldigkeit getan, konnte er gehen und die „Genossen" verabsäumten nicht im Kampfe gegen die Unternehmer, wo es anging, deren Judentum zu unterstreichen. Es ist bekamt, daß in der Debatte über den Streik der Ankerbrotarbeiter Herr Austerlitz die Christlichsozialen die auf dem Rechtsstandpunkt des Fabrikanten waren, als Judenschutztruppe appostrophierte. So spottet mancher seiner selbst und weiß nicht wie. Es kam aber noch schöner! Gelegentlich der abgehaltenen Beratung des Vermögensabgabegesetzes im Unterausschuß wurde jene Bestimmung, wonach Fonds die konfessionellen Zwecken dienen, abgabefrei läßt, von den christlichsozialen Mitgliedern Hegen die sozialdemokratischen angenommen. Dieses Ereignis gab der „Arbeiter-Zeitung" vom 16. Feber das Signal zu einem ausfälligen Artikel der unter anderem die lapidaren Sätze enthielt: „Alle diese Begünstigungen werden aber nicht etwa nur der katholischen Kirche gewährt, fordern auch den anderen gesetzlich anerkannten Religionsgemeinschaften. Es werden also zum Beispiel auch die reichen jüdischen Kultus gemeinden samt allen ihren Anstalten und Stiftungen, soweit diese konfessionellen Zwecken dienen, von der Vermögensababge vollständig befreit. Der Rabbi will ebensowenig opfern, wie der Pfaff." ES gibt doch nichts Kläglicheres, als einen Journalisten, dem mit der Leidenschaft die Vernunft durchgeht In der Schriftleitung der „Arbeiter- Zeitung" sitzen nicht durchwegs waschechte Arier. Sie hätten den Artikelschreiber aufmerksam machen können, daß der Rabbi ein Funktionär der Kultus - gemeinde ist und demnach von deren Verfügungen