Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 26 (27.12.1918)
- Date
- 1918-12-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit ' Nr. 26 um sich ihrer Feinde rrwshreu zu können. Redner mahnt dringend zu dieser Einigung, erklärt jedoch, daß wir-unter allen Umständen unsere Pflichten als treue Bürger. dieses Staates erfüllen werden. Wir stehen auf dem Boden unserer-: Väter — hier sind wir, hier bleiben wir und - lassen uns von Niemandem abdrängen. (Langanhaltender stürmischer Beifall). Herr Bernhard Hofbauer bekannte sich als orthodoxer Jude zu dem Standpunkte der „Union" und warnt vor 'einem jüdischen Wahlkataster, der leicht zur Boykottierungunserer Glaubensgenossen in kleineren Orten führen könnte. — Hofrat Dr. Löwner führt aus, daß bei Anerkennung der jüdischen Nationalität die Zulassung zu - den Mittel- und Hochschulen, zu den Anstellungen im Staatsdienst, bei der Post und bei den Eisenbahnen und die Verleihung von konzessionierten Gewerben nur nach dem perzentuellen Verhältnis der Juden zu den Nichtjnden gewährt werden ivürde. — Herr Oskar Schnabel sprach im Sinne einer" Verständigung innerhalb der Judenschaft. Von jüdisch-nationaler Seite sprachen Th. v. Pollack, Dr. P lasch kes, Nebenzahl und Klabinger, deren Ausführungen jedoch auf die überwiegende Mehrheit der Versammlung ivirkungslos blieben. „Times" «der die Zndrufragc. „Times" bringen folgenden Leitartikel: Das Jüdische Korrespondenzbüro Haag berichtet, daß alliierte Offiziere aus Budapest nach Lemberg, der Hauptstadt Galiziens,-abgegangen sind, um die dort vor kurzem stattgefundenen Pogrome zu untersuchen und ihren Regierungen Bericht zu erstatten. Unverzügliche Schritte dieser Art haben sich als dnrcknns notwendig erwiesen. Welche Uebertreibungen auch immer Durch jüdische und durch deutsch-jüdische Nachrichtenbüros verbreitet werden, so ist doch zweifellos festgestellt, daß grausame Verbrechen gegen die jüdische Bevöl- - kerung in Polen und Galizien besonders nach der Wieder- - eroberung des von den. Ruthenen besetzten Lemberg durch die Polen verübt worden sind. Viele Häuser ivurden verbrannt; systematische Plünderungen fanden statt und* viele Hundert Judenwurden auf barbarischeste Weise getötet. In andern polnischen Zentren gab es ähnliche Vorfälle. In Manchen polnischen Kreisen wurde behauptet, daß diese Missetaten hauptsächlich das Werk undisziplinierter Soldateska seien, sobald die Disziplin wieder hergestellt wurde, die Ausschreitungen, aufgehört hätten. Es wird einer unparteiischen Untersuchung obliegen, die zweifellose Wahrheit festzüstellen und ein Urteil zu fällen.. Auf jeden Fall kann nicht überzeugend genug gesagt werden, daß in den Augen der gesamten zivilisierten Welt nichts so sehr der polnischen Sache schaden wird, als irgend ein Versuch systematischer -Gewalt gegenüber den Juden. Wenn man sagt, daß diese Pogrome hinsichtlich ihrer Ausdehnung und Dauer mit den Massakres der Armenier durch die Türken, der Serben durch die Bulgaren, der Belgier durch die Deutschen, nicht. zu ver-" gleichen seien; so muß ein für allemal ausgesprochen werben, daß die Massakros eine Schändlichkeit bedeuten, ob ssie nun von einer Raffe gegen die andere, oder wie in Rußland von bolschewistischen Juden gegen die nicht bolschewistischen ausgehen. Diejenigen, welche sich das ^Wohlwollen der Alliierten erhalten ivollen, müssen es sich verdienen. Werden einmal die Tatsachen mit aller Klarheit festgesteltt und die Schuldigen bestraft sein, so wird immer noch der Weisheit 'der alliierten Staatsmänner die Lösung der'allgemeinen und der polnischen Judenfrage im besonderen obliegen. Die jüdischen Gemeinden in Galizien und Polen sind aus den mindestenMld ärmsten'Schichten der Welt zusammengesetzt. Eine genaue Statistik existiert zwar nicht, man' schätzt aber die Bevölkerung Polens auf 16 Prozent der Gesamtbevölkerüng, ein höherer Prozentsatz von einer Minderheit alsihn irgend ein Volk verdauen kann. Diese Juden, die in - ihrem Existenzkampf hart mit denen zusammestoßen, unter denen sie. leben, können nicht einfah ausgestcichen werden; sie haben Jahrhunderte hindurch' in dem ihnen von den polnischen Königen gewährten Asyl gelebt. Welches Schicksal harrt ihrer nun? Die Verwirklichung des zionistischen Ideals in Form der Errichtung einer jüdisch-nationalen Heimstätte in.Palästina mag im gegenwärtigen Moment, die- Spannung teilweise lindern, aber vom territorialen Standpunkt wenigstens eben nur teiliveise. Die wahre Tugend dös zionistischen Ideals' besteht darin,, daß es die jüdischen Massen mit. neuer Hoffnung erfüllt und sie offen und nicht nur im geheimen stolz auf ihre Rasse werden läßt, weiter in-seiner großen Fördernng der religiösen und zivilisatorischen Entwickmng der Menschheit, endlich darin,- baß der Zionismns die Inden bessere Bürger in ihren Aooptiovatecländern werden läßt. Das zionistische Ideal hat schon dazu beigetragen und würde noch weiter die Gefahr religiöser Verfolgung verhindern, wenn es -die führenden Inden in allen Ländern dazu befähigte,- offen Front zu machen gegen die- - jenigen Tendenzen innerhalb des Judentums, welch? hen jüdischen Namen in Mißkredit, bringen. Damit aber dieses Ideal erfüllt werden kann, muß den-Inden Gerechtigkeit werden, unparteiische Gerechtigkeit, die auf der Kenntnis " ihrer Bedürfnisse beruht. Eine Nichklösnng oder unfaire Behandlung der Judenfrage mißte diese unbedingt überall zu einer Gefahr für eine ordentliche und gute Regierung werden lassen. Es ist jetzt die Aufgabe der Alliierten und amerikanischen Staatsmänner, ehrliche Anstrengungen zu machen, um den Aufaug einer Lösung zu-finden, und es obliegt jedem Juden, dem auch die Wohlfahrt der nicht jüdischen Welt zu Herzen geht, — und solcher gibt es sehr viele — diese Staatsmänner in ihrer schweren Ausgabe zu unterstützen. Erklärung der Wiener ^rthndorr».; Angesichts der Bestrebungen, die Grundlage der Orga- . - nisat'wn der Judenschaft völlig umzugestaltön, geben die Ver-. treter der glaubenstreuen Judenschaft Wiens, nachfolgende Erklärung ab: Durch nufere Abstammung, durch unsere mehrtausend-_ jährige Geschichte und insbesondere durch unsere heilige Re-"' ligion find wir Inden eine allen andern Völkern gegenüber ..geschlossene Volksgemeinschaft, zn der wir' treu und unerschütterlich stehen. 'Diese Tatsache ist uns selbstoerftändlich . und unbestreitbar, daß wir es. nicht nötig erachten, das besonders zu betonen. Wir leben hier im Staate Detttschösterreichs, .dessen treue und hingehende Bürger wir Inden sind und sein wollen; und dementsprechend verlangen wir als solche den vollen gleichen und durch nichts beschränkten Genuß aller Staatsbürgerrechte unmittelbar für jeden einzelnen. Unsere Körperschaft hat, ohne hiezu beauftragt zu. sein, das Recht, im Namen des gesamten Judentums das Wckrt zu fuhren oder für dasselbe Forderungen zu stellen. Die glaubenstreüe . (orthodoxe) Juden sch aft war während der zwertausendjährigen Golnszeit (Zerstreuung) allein die Trägerin' und . Erzieherin des Judentums und wird es auch weiter'stets bleiben. Wir verlangen daher,- daß bei allen Vorarbeiten für' die- Neugestaltung der Kultusgemeinde die von uns namhaft gemachten Vertreter beigezogen werden (ähnlich wie bei den Vorbereitungen für das G. 11. über die Regelung des Rechtsverbandes d. I. 1890). Wir verlangen, daß bei der Umgestaltung der Knltnsgemeinde.die berechtigten Forderungen der glanbenstreuen (orthodoxen) Juden die volle Berücksichtigung finden, indem ihnen das Recht der Selbstverwaltung der von ihnen geleisteten Abgaben und das Recht der selbständigen Besorgung aller ihrer religiösen Bedürfnisse wie Schechitah, Mikivah re. .sind insbesondere die Regelung und Beaufsichtigung ihres Religionsunterrichtes in allen. Stufen eingeräumt wird.