Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 25 (13.12.1918)
- Date
- 1918-12-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 25. Nein, wir dürfen all die Greueltaten nicht vergessen, die uns zugefügt wurden. Im GedepßM liegt der Keim der Tat. Auch die Bibel, wo 'man alles findet,, befiehlt uns.: „Saclior ma scheassa lecha amalek bederech“ (Gedenke, was dir Amalek unterwegs getan hat). Es ist geradezu eine weise und nützliche Maßregel der politisch-klugen Rabbiner, daß sie Pismonim schrieben. Es liegt viel Divination bann. Wenn alle Juden der Diaspora nicht vergessen hätten, was uns unsere^ ^Feinde für Böses und Unrecht zugefügt haben, so wäre es zu den Lemberger Massenmorden und Greueltaten nicht gekommen. Wenn alle Juden, groß und klein, nicht vergessen würden, was uns die Judenfeinde in letzter Zeit getan haben, so würde aus diesem Gedenken derselbe Geist entsprießen, welcher das alte Spanien, worin nach dem Ausspruche Karls V., die Sonne nicht unterging, das übermächtige Großrußland zermürbt hat. Die Juden -besitzen eine Riesenkraft (Jisroel asm hen), nur fehlt ihnen die Konzentration, der Brennpunkt. Wenn sie diesen hätten, dann würde das geschehen, was unsere Weisen symbolisch angedeutet haben: „Bvet Jakob esclia ... Armes gehetztes Volk! Mache Pismonim, dichte Kinot, schaffe'mnemonische Zeichen, lese sie für und für, gedenke, was dir die Amalekiten und wie alle deine Hasser .'Heißen mögen, getan haben!! Vergiß nie und nimmer das unschuldig vergossene Blut, die verkohlten Leichen, die verspritzten Gehirne, den kanibalischen Mord und die Schandtaten, die ärger sind als Mord, wie die qualzerwühlten Ueberlebenden! Vergiß es nicht und die Sühne wird die Mörder, samt ihren intellektuellen Urhebern treffen. Als man den äußerst berühmten Komentator Raschi fragte, was für ein Mittel gegen die 'Judenmetzeleien der Kreuzzügler anzuwenden wäre, erwiderte er: „Ein besseres . Mittel als es uns die Tora gab', gibt es nicht, wenn ihr . auch dessen Wirkung nicht versteht: „Sechor!“. Dann . fügte er gedankenreich und' tiefsinnig hinzu: „Hasochira mewia .Tjede jedia wehajedia l’jede maase“ (das Gedenken erzeugt Wissen und das Wissen bringt die Tat hervor).... denselben Sinn und Zweck hatte auch der Befehl des persischen Königs Terxes, daß ein Sklave bei jeder Mahlzeit ausrufe: „Herr, gedenke der Rache gegen die Athener" oder das berühmte Catonische „Ceterum censeo, Öhartaginem esse delendam.“ Sechor! l Dr. Alfred Ster« Sönntag, den 8. d. M., 10 Uhr vormittags, veranstaltete der Vorstand der Wiener israelitischen Kultusgememde in einer zu diesem Zwecke einberufenen öffentlichen Plenarsitzung eine Trauerkundgebung für den) verstorbenen Präsidenten Dr. Alfred Stern, bei welcher der Vorsitzende, 1. Vizepräsident Hofrat Dr. Rapaport folgenden Nachruf hielt: Trübe und'düster wie der Tag, ist unsere Stimmung. Wir betrauern den Heimgang des letzten Präsidenten Dr. Alfred Stern. In den ersten Tagen des Monates November hat sich Dr. Alfred Stern als Präsident vom Kultusvorstande verabschiedet und wenige Wochen darauf entbieten wir ihm als Ehrenpräsident an seiner Bahre die letzten Abschiedsgrüße. Durch 30 Jahre hat er seine Kräfte in den Dienst der Kultusgemeinde gestellt, andererseits war diese Tätigkeit der Nährboden aus dem er die Stärkung seiner Kraft zog, war diese Tätigkeit die Flamme, die seine Lebensgeister bis in das hohe Alter warm und wach erhielt. Mit dem Erlöschen dieser Flamme, erlosch bald darauf sein ' Lebenslicht. Ueber die großen Verdieuste, welche der verblichene Ehrenpräsident unserer Gemeinde, Dr. Alfred Stern, sich um die Entwicklung der Wiener israelitischen Kultusgemeinde und — man kann fügüch sagen — um das Judentum im Mlgemeinen erworben hat, habe ich an der Bahre dieses bedeutenden Mannes namens des Kultusvorstandes bereits dasjenige gesagt, was. Ort und Zeit zu sagen gestatteten. Hier aber, an der Stätte, seiner segensreichen Wirksamkeit, in diesem Raume, wo sein Geist Jahrzehnte hiedurch gewaltet hat, hier soll ich Ergänzung, des bereits Gesagten, soll dessen gedacht'werden, was Dr. Alfred Stern ver Wiener Kultusgemeinde, dem Judentume überhaupt gewesen ist, und uns nochmals vergegenwärtigen, was wir durch seinen Abgang verloren haben. In die Anfänge des Werdeganges unserer Kultus- ' . gemeinde müssen wir uns zurückversetzen, wenn wir. von der Tätigkeit Dr. Alfred Sterns im jüdischen Leben sprechen wollen. Denn lange bevor er in den Kultusvorstand gewählt wurde,- hat er bereits als Gemeinderat der Stadt Wien und als. einfacher Jude in. Wort und Schrift für die Rechte der Juden und .für den Rechtsbestand unserer Gemeinde seine Stimme erhoben.. Und als auf Grund des sogenannten Judengesetzes vom Jahre 1890 unsere Gemeinde' an die Verfassung unseres Statutes schritt, war Dr. Alfred Stern als Obmann der damaligen Rechtssektion die Seele jener auf Jahre, sich erstreckenden Verhandlungen, die sich umso schwieriger gestalteten, als es schon damals Lült, die bedrohte Einigkeit der Gemeinde nicht etwa durch Zwangsmaßnahmen gegen die eine oder die andere Richtung, sondern durch verständnisvolles, entgegenkommendes Ausgleichen der einander widerstrebenden Wünsche zu retten und für alle Zeiten zu sichern. An dieser Einigkeit und Einheitlichkeit unserer Gemeinde mitgearbeitet, sie während seiner jahrzehntelangen Tätigkeit im Vorstande und als Präsident erhalten zu haben, war -sein größter Stolz und bleibt sein größter Verdienst, das waren auch die leitenden Gedanken seines Regimes, diesem Bestreben entsprang auch die Schaffung einer Reihe von Institutionen und ritueller Einrichtungen, welche den Wünschen der Vertreter selbst der konservativsten' Richtung entsprachen. In der: inneren Verwaltung: der Gemeinde kamen unter, seiner Leitung jene konservativen Grundsätze ^ur Geltung, welche ihn, den scharfsinnigen Juristen, auch persönlich auszeichneten. Ganz besonders kamen diese Vorzüge bei der Erwerbung des Grundes für den neuen Fried- . Hof, .bei der Erwerbung der für die Arrondierung des - Gemeindehauses unerläßlich gewesenen Grundstücke, bei der Sicherstellung des Grundes für das Kinderspital und als eine der letzten Transaktionen, bei der Erwerbung des . Kollerhauses für den Wiederaufbau des Leopoldstädter Tempels znm Ausdrucke, so wie sie sich bei der Errichtung einer Anzahl größerer Stiftungen für soziale Wohlfahrtsein-"' .Achtungen in unserer Gemeinde in für die Allgemeinheit, vorteilhafter Weise geltend machten. Diesem gesunden, das Vorhandene erhaltenden und mit Vorbedacht ausbauenden Grundgedanken in der Verwaltung der Gemeinde, von dem er trotz vielfacher Versuchungen niemals abwich, ist es auch zu danken, daß die Wiener Kultusgemeinde im Rahmen' eines stetig ansteigenden Budgets ihren vielfachen Aufgaben gerecht'werden konnte, ohne das Gleichgewicht ins Schwanken zu bringen. . Dr. Alfred Stern kam aus der politischen Gemeindestube in die Beraiungsstube der Kultusgemeinde. Die Kämpfe, die er dort gegen eine damals mächtig anstrebende judenfeindliche Partei für die Rechte der Juden ausfocht, bleiben ein Ruhmesblatt in der Geschichte seines Lebens. Die traurigen Erfahrungen, die er dort sammelte, führten ihn zu der Ueberzeugung, daß -es Pflicht der Kultusgemeinde oder zumindest des Präsidenten derselben sei, die Autorität, die ihm die Präsidentschaft der zweitgrößten Gemeinde . Europas auch außerhalb des Rahmens des Gemeindestatutes, verleiht, in die Wagschale zu werfen, so oft es galt, die Bürgerrechte der Juden in unserem Lande und' auch im Auslande zu verteidigen. So sahen fmr Dr. Alfred Stern rastlos tätig an dem Aufbau "der Rechtsverhältnisse der Juden in Oesterreich, in seined unausgesetzten Bemühen, eine autoritative Organisation der Gesamtjudenschaft Oesterreichs, zu schaffen, sahen,' wie er keinen Anlaß vorübergehen ließ) gegen die Verletzung des Staatsgrund-