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Die Wahrheit · 1918-12-13 · Heft 25 (13.12.1918) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1918
Issue
Heft 25 (13.12.1918)
Date
1918-12-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Rekaftle* mib -Idminillrati»«: Wien, II., Novaragasse 27 Xcltvboii: Heboftton flutouiat 41.881. Bkminifitotioit *ltu. 47.864 K. k. *H«rr. Poftsvarkalla». Gchrck-601110 Sir. IV0.SI8. Znierate: Dir viermal gejvatteue >to«pa>eille-Zeile 26 Heller. Kionnciuriiic* mit» Insertion«, dekrägr sind in Wien zahlbar und klagbar. Anhängige Herifchrift für jüötsche Jsterejse«. Erscheint jeden A r e i t afl. - Malle: „Du» Ölegsl dolles ist Wttluheikl“ Bej n^J |» r e i #: Caii|i«&»i*.K 16.— t»lM«t»ti«.1 S.— Für Stultii#braiiitc: G»»«iäb»>,.K 12.— Fin Aiirlund: Gaiitlayri«.IS m»»e Kr. A3. Wien» 13. Dezember 1918. Inh alt: Jüdisches Zentral-Hilfskomitee. — Gedenke, -j Tr. Alfred Stern. — Aufruf an die Juden Deutschösterreichs. — Verschiedene Nachrichten. Indische» Zentraihilfskomitee in Wien. . Durch das traurige Kriegsende ist auch über zahlreiche Juden unsagbares Elend hereingebrochen. Nach den furchtbaren Leiden des jahrelangen Frondienstes kommen jüdische Soldaten erschöpft, verhungert, in ihrer Gesundheit, erschüttert, aus der Front zurück, ohne Kleidung, ohne Schuhe und Wäsche, ohne Nahrung, oft selbst ohne Mittel, die Heimreise fortznsetzen,j aller Not und allem Elend hilflos ausgesetzt. Unter der jüdischen Bevölkerung Wiens und des Hinterlandes haben die langen Kriegsjahre vernichtend gewütet. Hunderte -von Familienvätern, die früher ihr Auskommen fanden oder sogar wohlhabend waren, sind jetzt total verarmt und die Armen unter uns, welche von jeher die überwältigende Mehrheit bildeten, sind heute noch viel ärmer als zu irgend einer Zeit. Zu all diesen Unglücklichen kommen außerdem noch die vielen vorübergehend in Wien sich aufhaltenden erbarmungswürdigen Opfer der schmachvollen Pogrome in Galizien, Mähren rc. Der Umstand, daß auch bei voller Inanspruchnahme der ' den Juden zustehenden Rechte auf staatliche Fürsoge unter den gegenwärtigen Verhältnissen das herrschende Elend nicht einmal teilweise beseitigt werden kann, hat bei.einer Anzahl jüdischer Korporationen und Personen fast gleichzeitig den Gedanken ausgelöst, die private Fürsorge heranzuzichen und so zur Bildung mehrerer, die gleichen oder ähnliche Zwecke verfolgender HilfkomiteeS geführt. In der Erkenntnis, daß nur ein geschlossenes Vorgehen wirksame Hilfe bringen kann, haben sich unter DemitÜung der Kultusgemeinde die in Betracht kommenden Körperschaften und Personen in einem ~ Jüdischen Zentral-Hilfskomitee , zu gemeinsamer Arbeit vereinigt. Auch die „Israelitische Alliar^ zu Wien" hat sich deni Zentral-Hilfskomitee angeschlossen: ihre vor Kurzem anläßlich - der Pogrome eingeleitete Attion bezweckt die Hilfeleistung für die unglücklichen Pogromopfer an Ort und Stelle und wird daher durch die Aktionen des Zentral-Hilfskömitees> welche sich auf die in Wien befindlichen notleidenden Judeu ' beschränken müssen, nicht berührt. * Der Unterzeichnete., aus der Mitte des alle Schichten der Wiener jüdischen Bevölkerung umfassenden Zentral-Hilfskomitees gewählte. Ausschuß stellt die innige Bitte, die in den nächsten Tagen einsetzende Sammeltätigkeit seiner Delegierten mit allen Kräften zu unterstützen. Nur wenn jeder, der aus dem Kriege mehr als Leib und Leben gerettet hat, zu den sehr bedeutenden Kosten der Hilfsaktion das Seinige beiträgt, kann dem unsäglichen Elend wenigstens in seinen krassesten Formen abgeholfen werden. Der Exekutivausschuß des „Jüdischen Zentral-Hilfs-KomiteeS." Ernst Simon, Präsident, Nathan Eidinger» Anitta Müller, Dr. Maxim. Stiglitz, Vize-Präsident, Richard Bettelheim, Bernhard Goldstein, Dr. Jakob Engel, Dr. Edmund Kohn, Oberleutnant Wallach, Emil Engel, Dr. Karl Pollak. Gedenk»! Von N. Lothringer. Kein Gebetbuch enthält Klagelieder, wenigstens nicht so viele und von solch' tiefer Tragik wie daS jüdische. Außer dem jammervollen, herzerschütterden „Aw hörachomon“, aus dem, wie Jellinek sagte, „Hunderttausende schmerz gequälte jüdische Seelen herausschreien," finden wir in den Feiertagsgebeten eine Menge Klagelieder, Pismonim oder Kinot, über unzählige Golusleiden. Diese sind Geschichte in poetisch-elegischer Form, die zu lesen ein rituelles Gebot ist. Es gibt naseweise Leute, die sich über diese Pismonim lustig machen, indem-sie superklug behaupten, die Juden können in ihrer Not nur Klagelieder verfassen und mit grausiger Melodie in ihren Bethäusern hersagen anstatt sich > zu wehren. Wiffen denn die gedankenlosen Spötter nicht, daß wir Juden uns beim größten Heldenmute gegen einer Uebermacht von entmenschten, raubgierigen, bewaffneten Banden keinesfalls wehren können und daß jedes edle leidgedrückte Menschenherz sich in Worten Luft machen muß, wenn er nicht brechen sott? Jede übergroße Erregung der Seele treibt gewaltsam nach außen, da Lust oder Schmerz sich ergießen will. Die schönste Poesie ist oft aus solchen Anlässen entstanden. Die Neunmalweisen wissen nicht, daß diese Poesie, Pismonim oder Kinot, einen äußerst wichtigen, ich möchte sagen, geschichtlich-ethischen Zweck haben. Die Autoren wollten die schreMchen Ereignisse verewigen, damit diese im Gedächtnisse der Juden blieben. Sie wußten wohl, daß mit der -bloßen Aufzeichnung .der Ereignisse in einem Buche, daS man schlechtweg „Geschichte" nennt, das aber nicht jeder lesen muß, dem „Gedenken" nicht gedient sei und sie schalteten klugerweise die Geschichte ins Gebet ein, w» es jeder gute Jude lesen muß. Ums Gedenken, ums Nichtvergessen war es ihnen zu tun.

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