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Die Wahrheit · 1918-11-29 · Heft 24 (29.11.1918) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1918
Issue
Heft 24 (29.11.1918)
Date
1918-11-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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beite 5 Nr. 24; . ■ Die Wahrheit Abgesehen von diesen furchtbaren ProgromS durchzogen «eitere sogenannte Patrouillen auch die Stadtviertel der VoHlhabenden, um angesehene jüdische Familien zu brandschatzen. ES wurden den LeuteN^Summen, diezwischen IW Kronen und -50.000 Kronen schwankten; abgenommen und daS alles mit vorgehaltenem,Bajonett oder Revolver. Ich selbst war Augenzeuge, wie am SamStag Vormittag in der vornehmsten Straße ZembergS, der Karola Ludwiga, da? Konfektionsgeschäft Feller von Soldaten aufgebrochen und aüsgeraubt wurde. Männer und Frauen der „besten" Gesellschaft Lembergs -schauten dem Treiben der Soldaten zu und klatschten ihnen laut Beifall. Inn ganzen Ghetto, das einen beträchtlichen Teil Lembergs einnimmt, gibt es kein einziges Geschäft, das nicht vollständig aus? geplündert worden wäre. Abgesehen von den blutigen Verlusten sind mindestens 20.000 bis 30.000 Personen an den Bettelstab gebracht. Nun wendet die polnische Regierung aller an, .um einen Schleier über das furchtbare Geschehnis zu breiten. Änsweisuilg galizischer Flüchtlinge ans Böhmen. Abg. Dr. Straucher hat sich in Vertretung des jüdischen Nationalrates an das Staatsamt für Inneres wegen Belastung der Flüchtlinge aus Galizien' in Dentschösterreich und Ausbezahlung der Unterftützungsgelder gewendet und *5 ist eine günstige Erledigung dieses Ansuchen? erfolgt. In der gleichen Sache wandte sich Abg. Straucher an die czechojlowakische Regierung in Prag. Nach wiederholter Urgenz ist. nun an den Abg. Straucher vom Ministerpräsidenten Dr. Kramarcz ein Telegramm eingelangt, worin er mitteilt, daß ihm sehr leid sei, die Wünsche de? jüdischen NationalrateS nicht erfüllen zu können, weil in Prag und auf dem Lande <ine große Wohnungsnot herrsche. Den galizischen Flüchtlingen werde jedoch eine Frist bis 15. Dezember gegeben, M' zu welchem Zeitpunkte auch die Unterstützungsgelder auSgezahlt werden. . Die erste zionistische Regierung in Paläftin«. lieber Basel wird aus Konstantiuopel gemeldet, daß stch in Palästina die erste zionistische Regierung gebildet hat. DaS Kabinett hat'folgende Zusammensetzung: Ministerpräsident: BrandeiS, Auswärtige Angelegenheiten: Dr. Max Nord au und Schriftsteller Israel Z a n g w i l l, Landesverteidigung : Goldschmied, Inneres: Chajim Sokolow, Finanzen: Albert von Rothschild, . Justiz: Mandelst a m m, Oeffentlicher Unterricht: Oppenheim, Landwirtschaft: Ochowsky. „ ■ Dom Geist des Ostens.*) R a b b i n i s ch er Humor. Ausgewählt und bearbeitet von Chaim Bloch, Delatyn.^ Wir leben in einem Zeitalter der Bekanntwerdungcn. .Hür die europäische Kultur ist.plötzlich auch der Osten, der jüdische Osten, wichtig geworden, der.Weltkrieg rückte ihn in greifbare Nähe. Man beginnt allmählich sich nicht nur mit den Ostjuden berührenden Fragen und Probleme.polibischer oder wirtschaftlicher Natur, sondern auch mit seinem Denken und Fühlen zu beschäftigen und sein Geist, ihn sein starken schöpferischen Idealismus, der für die Außenwelt brs uunzu wie etwa die Pflanzenseele.wesensfreund und. unfaßbar war, findet heute im Westen Liebhaber und Bewunderer. Der Ostjude ist interessant-, nicht nur vermöge seines Schicksales, nicht nur vermöge seiner Eigenschaften, sondern auch *) Vom Verfasser uns zur Verfügung gestellte Einleitung zu seinem Sammelbuche gleichen Titels, welches in Bälbe erscheinen wird. Eine gleiche Sammlung erscheint seit einiger Zeit in den Spalten unseres Blattes unter der Ueberschrift „Ostjüdischer." wegen des in seiner Seele ruhenden Geistes der alten Philosophie, die in seinem Blute steckt und die sich im Laufe der vielen Jahrhunderte durch rastloses Grübeln ünd Forschen, Prüfen und Wägen entwickelte und steigerte. Aber zu den persönlichen Schätzen des polnischen Juden gehört noch „etwas", von dem das deutsche Lesepublikum noch keine richtige Vorstellung hat, es ist dies sein H u m o r. Es ist eine psychologische festgelegte Tatsache, auf die auch Landau in eurem Vorttag hingewiesen hat, daß Humor und Witz, Satyre und Ironie oft gerade bei leidenden oder bedrückten Individuen und Völkern zu finden sind. . Die Juden, die unter allen Völkern am meisten gelitten, haben den schärfsten und schlagfertigsten Witz oder' Ironie und Satyre aufzuweisen. Ziegler, in seinem hübschen Aufsatz „Romain-Rolland über Juden und Judentum," wesst mit Recht mach, daß die Ironie auch der Bibel nicht unbekannt war. Ironisch, ruft einer der Brüder aus, als sie Josef kommen sahen: „Laßt uns sehen, was aus seinen Träumen wird" (1. B. M. 37. 20). Die Erzählung von Tamar und Juda entbehrt auch nicht eines ironischen Zuges. Tie Rede Elias am Berge Karmel, die spöttischen Worte des zweiten v Jesaje über die Götzen, Hiobs sarkastische Wechselrede zeigen uns, daß die Ironie schon im alten Israel heimisch war. Den Juden wird häufig vorgeworfen, daß sie wohl Witz aber keinen Humor besäßen. Man muß den Unterschied zwischen Witz und Humor kennen. Der Humor lebt in der . geruhsamen Behaglichkeit des Hauses oder des intimen Kreises, während der Witz oft der Abwehr dient und häufig die einzige, oft gebrauchte Waffe des Unterdrückten darstellt. Der Witz liegt dann vor, wenn das Gesprochene, die angenommene Lebenslage, im Widerspruche steht mit.der dem Sprecher bekannten Wirklichkeit. Der jüdische Humor, den wir schon im Talmud wahrnehmen, ist nicht so bekannt geworden, wie der jüdische Witz, der draußen auf der Straße so oft der Abwehr geistiger Eingriffe dient. Auch zwischen Ironie und Satyre ist zu unterscheiden. Beide sind scharf, aber verschieden in den Zielen, die sie verfolgen. „Den Juden, sagt Romain- Rolland, ist die Ironie ein so köstlicher Genuß, daß sie besonders nachsichtig gegen alle Störer und selbst gegen Feinde sind, die ihnen Gelegenheit geben, diese Ironie auf ihre Kosten zu betätigen." Durch die Satyre hingegen soll eine bestimmte Schwäche'getroffen werden; sie soll verletzen. Es soll auch die Selbstironie nicht unerwähnt bleiben; sie kommt ' beim Getäuschten, Zurückoesetzten zum Ausdrnck, die Spottlust, sie ist beim polnischen Juden der paffende Gegensatz zu seinem Ernst und seiner Düsterkeit*). Matz meine aber nicht jenen Humor und Witz, der sich in gemeinen Späßen und Auslassungen so unrichttg als . jüdisch bezeichnet, jene Ironie, beziehungsweise Selbstironie oder Satyre mancher Juden, deren Produkte sich bis in den Reihen unserer Feinde finden, die diese als vergiftete Waffe gegen ihre Erzeuger zurückschleudern**), sondern jene Art Humor usw., der neben der seelischen Unterhaltung größtenteils auch das Festland der Wirklichkeit in seinen Kreis einbezieht, auf Bibelverse, Talmud- und Midraschstellen sich stützt und von Rabbinen, Chassidimrabbis oderssonstigen Gelehrten herrührt. Und wenn es wahr ist, daß der Humor die Seele eines jeden Volkes ist, dann kann man die Seele des polnischen Juden am besten an seinen Humor erkennen. Diese im Volkmundlebenden humoristischen Sprüche und Anekdoten sind von zwei tüchtigen Schristgelehrten Zwi- Hirsch Schles und Abraham Ettinger unter dem Titel : „Sichas chulen schel Talmidei chachamirp".(„Profane Sprüche *) Ein berühmter Humorist und Selbstironiker war der berühmte Abraham Jbn Esra. **) Budapester Blätter wußten zu erzählen, daß der General- Direktor der Hamburg-Amerika-Lime, Ballin. ein Jude, die Gunst des deutschen Kaisers durch seine jüdischen Witze, die er dem Kaiser lieferte, gewonnen hatte und daß Ballin einen Budapester Komiker für jeden Witz 50 Mark zahlte. Es sind dies die bekannten dem Juden ausspottenden ungarischen „Wörtlich" Schmonzes gemeinster Sorte.

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