Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 24 (29.11.1918)
- Date
- 1918-11-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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etite 4. Die Wahrheit Nr. 24. jüdischen Nationalrat darüber Rücksprache nehmen, ob Juden äl» Staatsbürger der deutschösterreichischen Republik in Betracht kämen. Diese Auffassung des Herrn StaassekretärS ist / offenbar, eine kraffe Verletzung des von: Verfassungsausschuffe der Nationalversammlung. angenommenen Gesetzentwurfes über daS deutschösterreichische Staatsbürgerrecht und stcherlich werden die kompetenten jüdischen Faktoren gegen dieselbe energische'Schritte einleiten. Hiebei muss auch betont werden, daß in erster Linie die Wiener 'Kultusgemeinde einschreiten Müßte, da das konfessionelle Bekenntnis ohne Rücksicht auf nationale Gesinnung als Hindernis zur Erlangung staatsbürgerlicher Rechte betrachtet wird. Kleber die Vorgänge bei der Angelobung wird folgendes berichtet: Mittag um 12 Uhr erschienen Generaloberstabsarzt Drastich mit ungefähr 100 bis 120 Militärärzten, teils aktiven, teils Zivilärzten, die sich noch in militärischer Stellung befinden, beim Staatssekretär für Volksgesundheit Dr. Kaup^ «m da? vorgeschriebene Gelöbnis abzulegen. Der Staatssekretär machte die Herren darauf aufmerksam, daß nur' diejenigen dir Angelobung leisten können, die auf Grund der heute veröffentlichten Gesetzesbestimmungen über das deutschösterreichische Staatsbürgerrecht nicht als Ausländer zu betrachten seien. Don den Bekennern des israelitischen Glaubens könne er das Gelöbnis nicht entgegennehmen, da nach der Definition des deutschösterreichischen Staatsrates nur ein Angehöriger der deutschen Müon als zur deutschösterreichischen .Republik zugehörig betrachtet werden könne. Wegen -der Zulassung der Juden müsse erst mit dem jüdischen NationalratRücksprache gepflogen werden. - Generaloberstabsarzt Professor Dr. Alois Pich legte im eigenen Namen und im Namen der übrigen Äerzte mosaischer Konfession entschiedenen Protest gegen diese Auffassung ein. Er persönlich leiste seit 31 Jahren Militärdienste und habe sich stets als treuer Deutscher und als Deutschöster- \ reicher gefühlt. Zu einer Zeit, da der Herr Staatssekretär' ' wohl noch , die Schule besucht habe, fügte Professor Pick bei, - wäre er bereits an der Hochschule deutscher Couleurstudent' gewesen. Nach diesem Protest verließen die Aerzte mosaischer Konfession, etwa 25 bis 30, den Saal, ohne das Gelöbnis abgelegt zu haben. Judenpogrome in Lemberg. Die schon seit Wochen gehegte Befürchtung, daß die' jämmerlichen polnischen Freiheitshelden (?) bei der Wiederarofcenntg von Lemberg ihren Freiheitsdurst an jüdischem Blute stillen werden, ist traurige Wahrheit geworden. Hn Lemberg haben Judenverfolgungen stattgesunden, die an Grauenhaftigkeit die Bluttaten von Kischinew weit übertreffen und jedem menschlich fühlenden Wesen muß das Blut stocken, wenn man die hier eingelangten Berichte über das Wüten - der polnischen Bestien liest. - Das Jüdische Preßbureau Wien teilt mit: Ein soeben . in Wien eingetroffener vertrauenswürdiger Augenzeuge be-' richtet, daß die Judenpogrome, welche die Polen nach ihrem Einzug in Lemberg organisierten, alle bisherigen Exzesse mn Furchtbarkeit und Ausdehnung weit übertreffen. Unter dem Kommando ihrer Offiziere zogen die Legionäre in Doppelreihen zu den jüdischen Straßen, sperrten diese ab nndbegannendiesystematische Plünderung. Die verschlossenen jüdischen Geschäfte wurden mit Handgranaten und Bajonetten geöffnet und ausgeraubt, Häuser umzingelt und in Brand gesteckt. Die städtische Wasserleitung blieb von 5 Uhr früh bis 7 Uhr abends, gesperrt. Die Bewohner, die sich zum Teil durch Hinausspringen aus den Fenstern zu retten versuchten, wurden mit Kugeln empfangen. Dr« Tempel und 80 Häuser sind eingeäschert. Bisher wecken etwa 600 .Tote gezählt, darunter att einem Orte . allein 40 verkohlte Leichen. Etwa 10.000 Juden sind v o l l k o m m e n o b d a ch l o s, 80*/, der jüdischen Bevölkerung sind vollständig zugrunde gerichtet. Der Pogrom, begann am Freitag morgen und währte ununterbrochen bis Sonntag mittag, erst , dann wurde d a-s S t a n d r e ch t p r o k l a m i e r-t. Offenen Angaben 'polnischer Soldaten zufolge soll ihnen die Erlaubnis zur Plünderung^ für die Dauer von 48 Stunden im Voraus gewährt worden sein. Eine Deputatton, die bereits Freitag früh beim Vorsitzenden des polnischen Komitees, Dr. Adam, und dem Stadtpräsidenten- Dr. Steschkowitz, vorsprach, wurde mit unschuldsoollen Beteuerungen ergebnislos nach. Hause geschickt. Erst am Sonntag mahnte die polnische ^Pobutka" zur Ruhe und Ordnung. Gegenüber allen polnischen Versuchen die Schuld auf die Ruthenen zu wälzen, muß betont werden, daß die ruthenischen Truppen bereits' einen Tag vor dem Eintreffen der polnischen Legionäre die .Stadt verlassen hatte».. Von anderer Seite wird gemeldet: Vom vorigen Freitag^biS Sonntag wütete in Lemberg der schrecklichste Judenpogrom, der seinesgleichen in der Geschichte unserer Zeit kaum, haben dürfte. Die nattonaljüdischr Bevölkerung von Lemberg hatte während der polnisch-ruthenischen Kämpfe um die Stadt vom ersten Tage an ihreNeu- - tralität erklärt und im Judenviertel eine jüdische Miliz organisiert, die nur zum geringsten Teil bewaffnet war und lediglich den Zweck haben sollte gegen Plünderer zum Schutze von Leben und Eigentum vorzugehen. Die Neutralitätserklärung der Juden erregte von Anfang an die größte, Erbitterung unter den Polen und schon als ich auf polnischer Seite weilte, hörte ich auf allen Seiten bösartige Drohungen gegen die Juden aussprechen, die, falls die Polen wieder, in Besitz von Lemberg kämen, unbedingt gezüchtigt werden müssen. Am vergangenen Donnerstag gelang es den Pylen tatsächlich, sich wiedex in den Besitz von'Lemberg zu setzen-. In der N«cht oon^Donnerstag auf Freitag erfolgte -der Ein-, marsch der polnischen Legionen und wenige Minuten später strömten Horden von Soldaten in das Judenviertel, um dort mit Plünderungen zu beginnen. Als die ersten zwei Juden von Soldaten erschlagen , worden waren, machten beherzte jüdische Milizsoldäten de» Versuch, durch Gewehrfeuer die Soldaten zu vertreiben. Dieser Versuch mißlang und er wurde zum Zeichen für ein beispielloses Gemetzel. In einer geradezu glänzend organisierten und vorbereiteten Weise begannen die polnischen ^Soldaten die Straßön des Judenviertels abzusperren und Patrouillen gingen von Haus zu Haus, warfen Brandbomben und Granaten in die Haustore und -trieben mit Bajonettstichen und Gewehrfeuer die Männer, Frauen und Kinder, -die die brenrienden Häuser verlassen wollten, .zurück. DaS Gemetzel dauerte von Freitag nachts bis Samstag vormittag-. Sonntag vormittags gelang es mir, das Judenviertel - zu betreten. Nach.flüchtiger Zählung standen am Sonntag 500 bis 600 Häuser in Flammen. Aus den Straßen lagen 21 von mir» gezählte Leichen. Es waren , dies jedoch nur Leichenvvon Leuten, die entweder ans den Fenstern gesprunge» oder auf der Straße totgeschlagen waren. Die brennendep und zum Teile schon vollständig.niedergebrannten. Häuser bergen zweifellos noch Hunderte von Leichen. Nach Schätzung von ruhig denkenden Leuten belaufen sich die Ziffern der. Toten--auf mindestens . zwei- bis dreitausend. Erregtere Gemüter sprechen von acht- bis zehntausend Toten. Die Jammerszenen, die ich im Ghetto miterlebt habe, waren zum Steinerweichen. Durch die brennenden Straßen liefen verzweifelt alte Männer, Frauen und Kinder^ die nach ihren Vermißten schrien oder mit Bündeln auf dem Rücken einen Ausweg aus dem Ghetto suchten, um irgendwohin, auszuwandern. Die Legionäre, die nunmehr die „Aufrechterhaltung der Ordnung" übernommen hatten, verhinderten jedoch die Leute am Verlassen des Ghettos. Viele Tausende von Menschen sind bei einem Nachtfrost von 15 Grad Celsius unter Null im Freienliegen geblieben, da die verhältnismäßig wenigen Häuser, die. nicht in Flammen standen, nicht genügten, um ihnen Obdach zu gewähren.