Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 24 (29.11.1918)
- Date
- 1918-11-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Kebaftfoit liub Sldministration: Wie», II., Novaragasse 27 Teltvbon: ■ Xedaktjon Slutouiat 42.869. Administraliwi JWit. 47.654 X. I. Stzerr. Postivarkaüa« Gcheck-Koiuo Sir. IM.SIK. Jnlcvatc: Sie viermal gefvalleue RonpaieiNe-Zeile 2k» Heller. NbonneuieiuS- und Jiisertivusbetrüge sind in Wie» zahlbar und klagbar. ^Lakhängtge Hertfchnft für jüöische InLere^eu. L r sch t i n t• i e b t ii 3» x t t t a V» Motto: öiegttl Moltes ist Wahrheit!“ B e z n g s p> > e i S: lLantiüllrij,.K t®.— Halbiährig.K 8— Für KnttnSbeamte: '«aiizjähiig.K 12.— Filr AnSlmid: «anzlützrig..IQ Mark Mr. 24. Wen, 29. November 1918. Inhalt: Die Schechina im Exil. — Ablehnung jüdischer Militärärzte bei der Angelobung. — Judenprogrome in Lemberg. — Austreibung der galizischen Flüchtlinge aus Böhmen. — Die erste zionistische Regierung in Palästina. — Verschiedene Nachrichten. — Spenden für den Leopoldstädter Tempel . ■ „ . Die Schechina im Exil. Von N. Lothringer. Es ist trotz aller geistreichen Definitionennoch immer 'schwer, sich einen klaren Begriff von dem geheimnisvollen Worte „Schechina" zu machen. .Viele Denker meinen, .^SWchma^ decke sich mit der Emanationslehre der Kabalisten und sei ein leuchtend Teil ewiger Schöpfungskraft. Falsch " ist der Glaube, Schechina sei bloß eine Bezeichnung' Gottes selbst <und zwar eine jener vielen Epipheta, die Gott beigelegt werven, um seinen wahren Namen, den man nicht aussprechen darf, zu. umgehen. Schechina ist keineswegs-mit Gott sinnverwandt. Ich führe nur einen.Satz als Beweise an: „Gott läßt seine Schechina auf den Gerechten ruhen." In. der jüdischen Mystik spielt der Name Schechina eine hervorragende Rolle. ^Jm Buche „Sohar", dem Hauptwerk der Kabala, findet sich dieses schöne sinnreiche Wort in zahlreichen Formen vor. Es ist die tiefsinnige Lehre von der Identität des Individuellen und der" Weltseele, wie sie auch Schvpenhauer vertritt und wie sie sich am kürzesten ausspricht in der berühmten.Form: „Tat twa asiu (Das bist Du). ' . Im Sinne der Kabala sei nur das jüdische Volk befähigt, in die Schechina M empfangen; sie sei mit ihm gleichsam verwebt. Es klingt an die „präftabilierte Harmonie" an. Vielleicht, weil wir Jahrtausende in.uns tragen. Man versuche nicht, an dieser allerdings wundersamerpBehauptung zu mäkeln oder', gar seinen Spott zu üben. Das Gebiet der Mystik ist noch lange nicht erforscht und ich mochte die intelligenten Zweifler an :Strindb'ergs . „Blaubücher" oder an ' Hermann Bahrs „Renaissance" Kapitel „Couloür-Musik" oder an Maeterlincks einziges Wort J’ai vu quelque-chose in visible (Ich habe unsichtbare Dinge gesehen) oder viele,, viele andere Werke und Sprüche von Köpfen, voll Licht nnd Klarheit verweisen, um sie zum Schweigen zu bringen. Tief ergreifend und herzrührend ist der kabalistische Spruch „Scbeohinte. begalita“ (die Schechina. im Exil). Niemand anderer kann den Jammer dieser Worte besser erfassen als die Juden, die seit ungefähr zwei Jahrtausenden im Exil leben und leiden. Wo die Juden weilen, heißt es „Schechina imahem^, ist die- Schechina mit ihnen und. leidet mit. Ein schreckliches Wort, ein gramerfülltes Wort! Es ist, wie wenn die Seele unseres ganzen Stammes in uns lebte, als wenn unser Herz das Instrument wäre^ über dessen Seiten die Töne der ungeheueren Jahrhunderte alten Klagelieder zogen und erzittern machte. - In diesen Zustand versetzen uns wieder die Nachrichten aus vielen neugebackenen Staaten von Judenpogromen. Man braucht keine allzu reiche Fantasie zu besitzen, um sich ein Judenpogrom zu .vergegenwärtigen: die Angst, d'en Jammer, den Schrecken von Kindern, Mädchen, Greisen, Frauen, und selhft der mutigsten entwaffneten Männer. Man denke sich nur die Lage in Brzesko (Polen), :vo die Häuser in Brand gesteckt und die Fliehenden, die ihr , nacktes Leben rettet: wollten, cmgeschosseu wurden. Nicht genug, daß man den Juden ihr bescheidenes Eigentum, die spärliche Frucht jahrelanger Mühe geraubt und vernichtet hat, wird auch ihr nacktes Leben bedroht und die Verlustlisten, welche die blutigen Opfer dieses Pogroms verzeichnen, gewinnen immer mehr an tränenreichem Umfang. Wer hätte je daran gedacht, daß es in Ungarn, Böhmen und Galizien zu Pogromen kommen wird °? So sieht es nlit unserer^Sicherheit im Exil aus. Inmitten der von Nationalbewußtsein strotzenden, zum neuen Leben erwachten Völkern stehen wir Juden — fremd,, heimats- und zukunftlos. Wir wissen nicht, wohin ivir gehören, wo wir zuhause sind, auf Gastfreundschaft angeiviesen, wo wir bislang Heimatsrecht genossen; denn. tmtr sind die „ Ewig-Fremd erE ohne'Rücksicht auf Gesetz und Recht, weil ,Sehechint» begaiita“. Vielleicht wird aus diesen beklagenswerten Ereignissen doch einmal die Erkenntnis erblühen, daß wir Juden iin Exil niemals einen'sichern Hafen finden werden und daß unsere Sicherheit nur in dem Lande ist, wo einst die Schechina ruhte und wo sie wieder ruhen wird, wie wir mehrmals täglich inbrünstig beten : Lamaohsir Zchechinosau Lezion. — Beten wir es inbrünstiger, herzerfüllter und sorgen wir dafür, daß dieses Wort in Tat umgesetzt werde. Ablehnung jüdischer Militärärzte bei der Angelobung. Bei der Mittwoch den 27. d. M. durch den Staatssekretär für Volksgesundheit Dr. Kaup erfolgten Angelobung der Militärärzte, weigerte sich derselbe,, das Gelöbnis der Aerzte israelitischen Glaubensbekenntnisses entgegenzunehmen. Er bezeichnete die Rechtslage dieser Kategorie vom Aerzten als ungeklärt und meinte, man müsse erst mit dem