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Die Wahrheit · 1918-11-15 · Heft 23 (15.11.1918) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1918
Issue
Heft 23 (15.11.1918)
Date
1918-11-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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, Seit- 5 Nr. SB. Die Wahrheit 1j$tt Ernst der Lage zu erinnern. Das geräumige Gotteshaus Mt den Kopf an Kopf drängenden Tausenden — im Hinter- Mpyde in zwei Stockwerken bie Frauenabteilung.— war WM Zeichen der Trauer mit schwarzen Behängen ausgeschlagen, Ha? - Ällerheiligfte schwarz behängt, die ■ Kandelaber schwarz -uMullt und die Lichter der siebenarmigen Leuchters schwärz stugestrichen. An der Hauptwand waren in großen schwarzen Lettern die Worte zu lesen: Obsrsiv. iiaZock^ui. Dem.Emste Hx Situation entsprechend stand die Gemeinde in schweigen- Hr Erwartung da und wartete auf dey Beginn der Feier, der außer den Rabbinern der Umgegend "auch die Spitzen Her deutschen Behörden sowie des polnischen Komitees beirvohnten. Eine gewaltige Bewegung ging durch die Menge^ nls die sechs Rabbiner, alte, ehrwürdige Männer, den Kanzelraum bestiegen, angekleidet mit Sterbekleidern, . die ganze -Gestatt umhüllt mit Gebetmänteln. Auf dem mittleren Betnäum hatte der Vorbeter mit seinen Begleitern Platz genommen. Die Feier begann mit der Rede des greisen Zweiten Pabbiners, der in eiferndem Tone in der für diese Gegend typischen' jiddischen Sprachweise, die leider unserem Ohre ziemlich fremd klingt, eindringlichst das Wesen und die Art HeS großen Bannfluches kundtat, seine Wirkung, seine Anwendung und seine Begründung aus den Schriften der Alten. Nach einem herrlich vorgetragenen Psalm durch den Oberkantor der Gemeinde, der, in echt jüdischer Weise mit vielen Modulationen verziert, die Herzen der Zuhörer so gerührt chatte, daß in den Frauenreihen bereits Weinen der Ergriffenheit bemerkt wurde, betrat der Oberrabbiner der Gemeinde, Rabbiner Altmann, das Rednerpult. Der ehrwürdige Hirt der Suwalkier Judenschaft mit dem feingeschnittenen Gesicht und den durch Lernen und «Lehren durchfurchten Zügen sprach leise zunächst belehrend, wie ein Vater zu seinen Kindern. .Indem er von dem Bann ausging, den einst Josua ausgesprochen, führte er der Gemeinde'vor Augen, wie in der jetzigen schweren Kriegszeit ' -ein jeder das Recht hätte zu leben, nicht nur der Reiche, sondern auch der Arme. Er zeigte ihnen "was rechte Frömmigkeit, Gottesfurcht, Liebe zu' Gott und den Menschen bedeute an der ' Hand eines Psglmv ersetz, den er nach der hier üblichen Art durch Anführung der Meinungen der ver- 1'chiedensten alten Lehrer deutete. Dann kam er auf die Wichtigkeit des Bannfluches, und mit erhobener Stimme und Feuereifer verfluchte, er die, die aus der Not der Zeit und der schweren Lage.der Juden Vorteil -ziehen wollten, vie nur dem Reichen gestatten wolltev-zu leben nnd den Armen der bittersten Not preisgeben, unb ermahnte die Gemeinde, _ rtreu zu bleiben und den Cherem zu halten, damit sie leben könnten und nicht untergehen und damit auch das Staats- Gesetz zur Geltung käme. Die schwersten Verwünschungen und den Bann sprach er aus über den, der dieses übertrete; lowohl er wie seine Helfer und ihre Familien wären verbannt und geächtet. Mit einem lauten Omein antwortete die 'Gemeinde auf die begeisterte Ansprache des Rabbi. Nach Oeffnung des Allerheiligsten nahm jeder der sechs Rabbiner eine Thora, zu je drei standen sie am heiligsten Orte, der geöffnet war, und zwischen sie trat der Bevollmächtigte der Gemeinde, der mit lauter Stimme den folgenden Bann öffentlich. verlas: „Wir, das Rabbiner-Kollegium von Suwalki, rufen mit Zustimmung der.Bevölkerung der Stadt Suwalki und der Rabbiner der Umgegend einen feierlichen Bannspruch äus, mit Trompetenklang und mit Trduerlicht. Mit einem strengen Befehl, mit den Worten der Heiligen fluchen und 'beschwören wir laut dem Gebot des Allmächtigen, laut denr Wunsch der Versammlung, durch die heilige Schrift, durch die 613 Gebote, ebenso wie der Bannspruch gegemJericho ausgesprochen worden ist, wie^Elisar seine schlechten Kinder verdammt hat, wie Barak gegen .Mores den Bannspruch Esgesagt hat, wie das Sinedriott zu Esras Zeiten gegen die Samariten aufgetreten ist, ' mit allen Ergänzungen, welche Lest Möses bis jetzt hinzugekommen sind, wie allen heiligen Litäten, welche in solchen Bannsprüchen erwähnt werden. Verflucht sei im heiligen und Ehrfurcht gebietenden Namen Gottes, welcher vom Oberpriester nur am Versöhnungstage genannt werden durfte, jedermann, der einen von den folgenden Punkten Übertritt: 1. Es wird durch einen strengen Synagogenbann verboten, von der Stadt Suwalki, sowie vom Kreis Smvqlki, wie es auch sei, mit der Eisenbahn, mit Wagen, mit Autos, weder selbst noch durch einen Genoffen oder Boten oder einen Bremser, durch einen Juden oder Christen folgende 'Lebensmittel zu. exportieren: Roggen, Weizen, Gerste, Hafer, Buchweizen, Mehl, Graupen, Kleie, auch Brot und Kuchen, Erbsen, Bohnen, Zirsen, Möhren, Rüben, Kohl, Zwiebel, Kartoffeln, Obst und den hiesigen Kaffee-Ersatz. Dieses soll in keinem Falle exporttert werden. Ebenso Eier, Butter und Honig. Auch gilt das Verbot für Zucker und Zuckermehl. 2. Der Spruch gilt auch für die Herstellung.von Branntwein aus Mehl oder von Seife aus Fett und Butter. 3. Der Spruch gilt auch für die Käufer und Verkäufer und allerlei Vermittler. 4. Der Fluch bezieht sich auf die hiesigen Einwohner und auf die nicht hiesigen, auf alle, welchen der Fluch bekannt ist. 5. Waren, welche durch die Eisenbahnstationen im Kreise Suwalki zur Verladung kommen, dürfen nicht weiter aus dem Kreis Suwalki exporttert werden. 6. Der Fluch wird auch gegen.diejenigen ausgesprochen, die in diesen Waren spekulierten, um die Preise in die Höhe zu schrauben. 7. Das Verbot gilt von diesem Tage an bis 27. August 1919. Die Rabbiner sind berechtigt, es völlig oder teilweise außer Kraft zu setzen. Es werden die Frommen, die dieses Verbot nicht übertreten, gesegnet. Bemerkung: An die Deutschen Militärpersonen ist es gestattet, bis fünf Pfund insgesamt zu verkaufen." Ein großes Schofarblasen, wie es bei uns am Neujahrstage stattfindet, hat nochmals der andächttgen Gemeinde den Ernst der Lage Und die Bedeutung ihres Schwurs vor Augen geführt, so manches Stöhnen und Weinen der Ergriffenheit wurde aus der Gemeinde laut. Mit dem Segen des Oberkantors über alle, die treu dem Gesetze folgten, und über Israel schloß die wüxditze Feier. Jedem, der an dieser Feier teilgenommen hat, wird ihre Bedeutung und die Ehrlichkeit zu Gemüte gestiegen sein, mit der die Führer der Ostjuden ihre Brüder vor Not und Elend bewahren, wollen. Zugleich aber haben sie auch der Staatsgewalt, die augenblicklich für das Wohl der Juden hierorts sich bemüht, einen großen Dienst geleistet, denn sie haben dafür gesorgt, .daß auch die Vorschriften des Staates streng befolgt werden. Zu wünschen wäre von ganzem Herzen, daß unsere östlichen Glaubensbrüder endlich zur Ruhe' kommen und ihnen nach so langem Warten und nach den schweren Sorgen der Vergangenheit eine gesicherte Stätte zuteil wird, wo sie der althergebrachten Sitte der Väter folgen und ihr an Freuden so reiches Familienleben sorgenfrei weiterführen können. Gstjüdisches. Von Chaim Bloch (Delatyn) nach den in dem hebräischen Sammelwerke der „Einfachen Gelehrtengesprache" von Schles und Ettinger enthaltenen Sprüchen bearbeitet. Der geistteiche Rabbi Bunem' von Przyssucha kam einmal mit dem Enkel des Kozniezer Magid, Rabbi Chaim Meier Jechiel Schapirä von Mogielnica, zusammen. Rabbi Bunem wollte. den 'als „Seher" gelt-pden etwas naiven Rabbi hänseln und er fragte ihn: „Wie sieht eine Seele (Neschome) aus?" Ter Mogielniecer antwortete in seiner schlichten Einfalt: „Habt Ihr einmal die Glaskrystalle einer Hängelampe beobachtet, wenn sich das Licht darin bricht? So sieht eine Seele aus." * *

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